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Meine Stadt Prügelei endet fast im Totschlag
Hannover Meine Stadt Prügelei endet fast im Totschlag
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14:29 27.11.2018
VOR PROZESSBEGINN: Rizkar T.  mit seinen Anwalt Jürgen Scholl (rechts). Daneben die weiteren Angeklagten mit ihren Anwälten. Foto:
VOR PROZESSBEGINN: Rizkar T. mit seinen Anwalt Jürgen Scholl (rechts). Daneben die weiteren Angeklagten mit ihren Anwälten. Foto: Quelle: Frankenberg
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HANNOVER

Eigentlich war es nur eine Schlägerei unter betrunkenen Männern. Doch die eine unbedachte Sekunde machte Rizkar T. (23) zum mutmaßlichen Verbrecher. Er muss sich seit Dienstag wegen versuchten Totschlags im Landgericht Hannover verantworten. Er hatte einem bewusstlosen, am Boden liegenden Mann (37) im Hauptbahnhof mit Anlauf und großer Wucht gegen den Kopf getreten. Aiman K. (22) und Ayden K. (22) müssen sich wegen gefährlicher Körperverletzung verantworten.

Freundin niedergetreten

Der Prozess ist in gesellschaftlicher Hinsicht spannend. Er ist ein Spiegelbild dessen, was gerade das Land bewegt: Was Ausländer über Deutsche denken, und was Deutsche über Ausländer denken. Dieser Prozess zeigt, was Klischees bewirken können.

Am 11. Februar 2018 gegen 4.15 Uhr stritt sich Rizkar T. mit seiner Freundin. Er hatte sie spät nachts in einem Club am Steintor getroffen. „Ich finde es nicht gut, dass sie nachts in Bars bei den gefährlichen Männern aufhält“, erklärte sein Anwalt den Grund für den Streit. Zuerst wurde die Freundin handgreiflich. Rizkar T. drehte sich um und trat seine Freundin nieder. Die Überwachungskameras haben das komplette Geschehen festgehalten.

Nun schalteten sich die späteren Opfer (37 und 39 Jahre alt) ein. Es kam zum Handgemenge. Rizkar T. verschränkte die Arme hinter dem Kopf. Ein Signal, dass er keinen Streit wollte. Als T. den Rückwärtsgang einlegte, trat ihn der 37-Jährige nieder. Der Angeklagte spricht von ausländerfeindlichen Beschimpfungen. Sekunden später wurde das Opfer von Aiman K. niedergeschlagen.

Opfer hat Schmerzensgeld bekommen

Der 37-Jährige kann sich an die Beschimpfungen nicht mehr erinnern. Sagt aber bemerkenswerte Sätze: „Mir war klar, dass irgendein Anwalt die Nazi-Karte zieht.“ Er finde es absolut widerlich, wenn Menschen aufgrund ihrer Herkunft diskriminiert werden. Und dann der Satz des Tages im Schwurgericht: „Was mich am meisten ärgert, dass Menschen mit so kruden Ansichten wegen solcher Vorfälle wieder Futter bekommen.“ Die Angeklagten stammen aus dem Irak. Als Motiv für sein rabiates Einschreiten erklärte das Opfer mit einer Mutmaßung: „Wahrscheinlich hat mich sein Verhalten maßlos geärgert.“ Gemeint war der Umgang des Angeklagten mit seiner Freundin.

Von dem verheerenden Tritt trug das Opfer ein Schädel-Hirn-Trauma davon, aber keine bleibenden Schäden. Der 37-Jährige räumt selber ein, dass es „blödsinnig“ gewesen sei, sich so „leichtfertig“ in die Situation begeben zu haben. Wie sein Kumpel, der auch leicht verletzt wurde, hat er Schmerzensgeld von den Angeklagten erhalten. Der 37-Jährige: „Für mich spielt es keine Rolle, welche Strafen im Prozess herauskommen.“

Von Thomas Nagel