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Meine Stadt Lehrer aus Hannover fliegt zu den Sternen
Hannover Meine Stadt Lehrer aus Hannover fliegt zu den Sternen
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15:31 14.09.2018
Mit Mini-Flugzeug: Lehrer Dirk Brockmann-Behnsen hält über den Dächern Hannovers ein Sofia-Modell in der Hand.
Mit Mini-Flugzeug: Lehrer Dirk Brockmann-Behnsen hält über den Dächern Hannovers ein Sofia-Modell in der Hand. Quelle: Heusel
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Hannover

Einen „exotischen Moment“ – so nennt Gymnasiallehrer Dirk Brockmann-Behnsen (48) die Mission, zu der er am Samstag aufbricht. Der Mathe- und Physiklehrer der Bismarckschule reist nach Kalifornien. Genauer: Nach Palmdale, eine Autostunde nördlich von Los Angeles. Von dort wird er zu Wochenbeginn mit dem Forschungsflugzeug Sofia, das gemeinsam von der amerikanischen Nasa und dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) betrieben wird, hoch zu den Sternen fliegen. In einem Flugzeug mit Loch. „Das ist völlig abgehoben von meinem sonstigen Schulalltag“, erzählt der Lehrer wenige Tage vor seiner Abreise.

Zusammenarbeit zwischen Schulen und Forschung stärken

Brockmann-Behnsen ist einer von vier deutschen Vertretern, nur zwei davon sind Lehrer, die in diesem Jahr eine von zwei Beobachtungsmissionen begleiten dürfen. Das Lehrer-Mitflugprogramm ist festes Element der Sofia-Mission. Damit soll einerseits die Zusammenarbeit zwischen Forschung und Schulen gestärkt werden. Andererseits sollen Lehrer durch den direkten Kontakt zu Wissenschaftler, Ingenieuren und Piloten inspiriert werden. „Um diese Begeisterung später auf die Schüler zu übertragen. Ich möchte meine Schüler für Wissenschaft begeistern. Wenn mir das mit meinem Sofia-Flug gelingt, habe ich alles erreicht“, so Brockmann-Behnsen.

Das Original: Mit dieser Boeing 747SP fliegt Dirk Brockmann-Behnsen in Richtung Sterne. Quelle: EPA

Sofia, die fliegende Sternwarte: Von außen sieht sie wie ein normales, nur ein wenig zu kurz geratenes Passagierflugzeug aus. Doch durch die Kürze kann es schneller und höher fliegen. Bevor die Boeing 747SP in den Besitz der US-Raumfahrtbehörde Nasa ging, war sie als Verkehrsflugzeug für die Fluggesellschaft Pan Am im Einsatz. Wo früher 300 Passagiere auf ihren Langstreckenflügen von den USA in den Orient Platz hatten, passen heute nur noch 30 rein. Dafür befindet sich jede Menge Messtechnik in der Maschine. Das Herzstück der fliegenden Sternwarte ist das riesige Infrarot-Teleskop, das in Deutschland gefertigt wurde. Die Luftfedersysteme, die das Teleskop stützen, kommen von Contitech.

In 14 000 Metern Höhe wird der Rumpf der Maschine geöffnet

Es klingt ebenso abenteuerlich wie absurd: In einer Flughöhe von 14 000 Metern wird der Rumpf der Maschine geöffnet, um das Teleskop auf die Sterne zu richten. Dann treffen minus 50 Grad Celsius Außentemperatur auf das Messgerät, während es in der Kabine etwa 20 Grad warm ist. Eine Druckkabine trennt beide Bereiche sicher von einander ab. „Eine Maschine zu fliegen, bei der mitten im Flug die Luke geöffnet wird, ist kompliziert und herausfordernd. Das können nur erfahrene Piloten. Meistens sind es ehemalige Militärpiloten“, so Brockmann-Behnsen. Allein der Spiegel des Teleskops hat einen Durchmesser von 2,7 Metern. Das XXL-Fernrohr wiegt satte 17 Tonnen, so viel wie drei Elefanten. Das Teleskop kann in alle Richtungen den gesamten Sternenhimmel erfassen. Doch damit man die infrarote Strahlung überhaupt sehen kann, muss Sofia hoch hinauf fliegen: 14 Kilometer ganz genau. „Nur in der Stratosphäre ist das möglich. Wir verlassen also einen Großteil unserer Atmosphäre. Hier unten wird die infrarote Strahlung vom Wasserdampf geschluckt, für unser menschliches Auge damit unsichtbar. Von Bord der Sofia können wir tief ins Universum blicken“, erklärt der Lehrer.

Beeindruckende Technik: Ein Blick in das Innere der Boeing auf das herausfahrbare Teleskop. Quelle: EPA

Gleich zweimal wird er im typischen blauen Nasa-Dress mit der Sofia fliegen – am Dienstag und nach nur wenigen Stunden Pause gleich am Mittwoch wieder. Abflugzeit ist 18 Uhr abends Ortszeit. Der 48-jährige Pädagoge darf Start und Landung sogar direkt im Cockpit verfolgen. Danach ist die Sofia bis zu zwölf Stunden in der Luft und fliegt möglichst gerade Linien. „In einem großen Viereck über die USA“, berichtet der Physiklehrer. Pro Flug wird an etwa fünf verschiedenen Forschungsprojekten gearbeitet.

Info

Der Name Sofia steht für Stratosphären-Observatorium für Infrarot-Astronomie. Es ist ein fliegendes Teleskop, das die amerikanische Nasa zusammen mit dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) entwickelt hat. Seit dem 30. November 2010 ist es im Einsatz.

Dafür wurde an Bord einer umgebauten Boeing 747SP, eigentlich wurde die Maschine für Langstreckenflüge gebaut, ein Spiegelteleskop installiert.

Im Sofia-Flugzeug steckt auch modernste Technik aus Hannover. Luftfedersystem von Contitech stützen das 17 Tonnen schwere Infrarot-Teleskop an Bord. Denn das Teleskop macht bei Tempo 900 in 14 Kilometern Flughöhe gestochen scharfe Bilder von neuen Sternen – dafür muss die Flugzeugluke geöffnet werden. „Die Dämpfung muss bei diesem Tempo extrem schnell wirken“, heißt es beim Astronomie-Institut Sofia.

Der erste Testflug mit geöffneter Teleskoptür fand im Dezember 2009 statt, der erste Testflug mit Einsatz des Teleskops, das sogenannte „erste Licht“, am 26. Mai 2010.

Pro Jahr hebt die Boeing für etwa 160 astronomische Messflüge ab, im Schnitt also jeden zweiten Tag. Start- und Landebahn ist dabei in der Regel der Standort des Flugzeugs, das NASA Armstrong Flight Research Center im kalifornischen Palmdale. 2015 und 2016 war Sofia jedoch auf der Südhalbkugel in Neuseeland stationiert.

„Die Entstehung von Sternen wird ebenso untersucht, wie die magnetischen Eigenschaften von Dunkelwolken. Magnetfelder spielen bei der Entstehung von neuen Sternen eine wichtige Rolle. Bislang wurde das in der Forschung vernachlässigt, weil die Beobachtung technisch nur schwer realisierbar war. Die hochsensible Infrarot-Kamera an Bord der Sofia macht das möglich“, erklärt Brockmann-Behnsen.

Regen würde das Teleskop schwer beschädigen

Seine Aufregung ist ihm anzumerken. „An Bord der Sofia erlebt man Wissenschaft in Betrieb. Ich kann Zeuge sein, wenn vielleicht was nie zuvor Entdecktes plötzlich sichtbar gemacht wird, wenn neue Sterne geboren werden. Das wollte ich einmal in meinem Leben unbedingt erfahren.“ Nur eine Sache kann die Mission noch gefährden. Brockmann-Behnsen: „Regen. Dann kann die Luke nicht geöffnet werden. Regen würde das Teleskop schwer beschädigen.“ Doch die Aussichten für Palmdale stehen gut. Es soll es trocken bleiben – bei 31 Grad.

Von Britta Lüers