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Meine Stadt Professorin für deutsche Sprachwissenschaft zum Gendersternchen in Hannover
Hannover Meine Stadt Professorin für deutsche Sprachwissenschaft zum Gendersternchen in Hannover
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00:17 05.02.2019
RATHAUS MIT STERNCHEN: Ein Bild aus der Gender-Broschüre der Stadt Hannover zeigt, wo es lang geht. Quelle: Grafik: Stadt Hannover
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Hannover

Gabriele Diewald ist Professorin für Germanistische Linguistik am Institut für Deutsche Sprache und Literatur der Universität Hannover. Im NP-Interview erklärt sie, warum das Gendersternchen möglicherweise nur eine Übergangslösung ist - und warum sich auch die deutsche Sprache wandeln muss.

Warum sollte man neuerdings geschlechtergerecht schreiben oder sprechen?

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Tatsache ist, dass die Anforderung an geschlechtergerechte Sprache seit Jahrzehnten besteht, dass sie ein Mittel der Gleichstellung ist, dessen Auftrag im Grundgesetz formuliert ist und dem sich die Gesellschaft ja durchaus auch verpflichtet sieht. Die sprachliche Benennung von Personen, die tatsächlich auch gemeint sind, ist Bestandteil dieser Bemühungen um Gerechtigkeit.

Können so aber gedankliche Welten wirklich verändert werden?

Woraus bestehen denn gedankliche Welten? Eben aus Konzepten, die sprachlich geformt sind. Wenn Sie versuchen, ohne Sprache komplexer zu denken, werden Sie schnell an Ihre Grenzen kommen. Sprache ist erst einmal da, wir können sie formen und durch die Sprache auch die Aufmerksamkeit steuern.

Brauchen wir aber denn tatsächlich ein Gendersternchen, um allen gerecht zu werden?

Das Gendersternchen ist etwas Neues, und ich vermute, dass die Entwicklung hier noch nicht am Ende ist. Zunächst ging es bei der geschlechtergerechten Sprache um die faire Benennung beider Geschlechter. Bei Frauen gestaltete sich die Benennung tendenziell umständlicher, weil sie immer als Ableitungen formuliert werden, aber es ist machbar. Es gibt auch geschlechtsneutrale Personenbezeichnungen wie Fachkraft oder Person. Neu ist nach der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts, dass im Geburtenregister eine dritte Option positiv gekennzeichnet werden muss. Es gibt also eine neue Kategorie für etwas, für das wir noch keine Benennung haben. Dieses Problem allerdings ist nicht neu, denken Sie an die ganzen technischen Entwicklungen, die es vorher nicht gab und für die dann eine Bezeichnung gesucht werden musste.

Professorin Gabriele Diewald Quelle: Rückerl Petra

Gibt es keine Alternative?

Auch in den Gruppierungen, die es betrifft, wird darüber durchaus diskutiert. Allein die Klassifizierung im Geburtenregister „divers“ neben „männlich“ und „weiblich“ ist sicher nicht der Weisheit letzter Schluss. In der Schriftsprache ist das Sternchen der Versuch zu signalisieren, dass tatsächlich alle gemeint sind. Wie gelungen das ist und ob sich das durchsetzt, kann man noch nicht sagen.

Wie erklären Sie sich die Aggressivität vor allem von männlicher Seite dagegen?

Das hat vermutlich denselben Grund, weswegen sich viele Kollegen bereits in den 1970er und 1980er Jahren zum Teil sehr heftig und aggressiv gegen die Ansinnen, eine geschlechtergerechte Sprache einzuführen, gewehrt haben. Das Deutsche hat sich in einem patriarchalischen System entwickelt, die männliche Bezeichnung galt als Norm. Und alles, was diese Normalität aufhebt, gilt erst einmal als skandalös. Wenn Ungleichheit durch Sprache sichtbar gemacht wird, wird das oft als Angriff deklariert. Ich bekomme ja auch Beschimpfungen per Email mit dem Inhalt, dass diese „Genderei“ die Absicht habe, Männer zu verweiblichen. Diese Ängste sind für mich nicht verständlich.

Lassen Sie uns vom Sternchen zu den Partizipien wechseln. Wird es künftig die Backenden statt den Bäcker und die Bäckerin geben?

Ich persönlich finde das Binnen-I ganz schön, aber im normalen Sprachgebrauch haben sich etwa die Studierenden durchaus schon eingebürgert. Wenn es nicht geht, ein Partizip zu bilden, spricht man eben von Studenten und Studentinnen. Bei den Partizipien muss man sehen, wie weit das gehen kann. Da würde ich Berufsbezeichnungen ausnehmen.

Also müssen wir einfach damit leben, dass Sprache sich verändert, auch wenn es manchmal weh tut?

Sprache wandelt sich immer, und das ist auch notwendig. Wir sprechen und schreiben heute anders als vor hundert Jahren. Ich habe Fälle von Sprachwandel historisch untersucht. Es gibt quasi keine Regel in der deutschen Sprache, die es schon immer gegeben hat. So wie Gesellschaften sich entwickeln, so entwickeln sich auch Sprachen durch komplexe Prozesse. Es gab mal eine Amtsmännin, bis daraus Amtsfrau gemacht wurde. Das Bedürfnis, Dinge zu verhindern, weil sie vermeintlich nicht schön sind oder weil man das vorher auch nicht gemacht hat, wird vielleicht einiges verzögern, aber nicht verhindern. Etwas mehr Gelassenheit wäre gut. Denn die Absicht ist ja, fair und gerecht zu kommunizieren.

Von Petra Rückerl

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