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Meine Stadt Polizeiausbildung: „Ich hoffe, die Waffe nie nutzen zu müssen“
Hannover Meine Stadt Polizeiausbildung: „Ich hoffe, die Waffe nie nutzen zu müssen“
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00:25 30.06.2019
HOHE KONZENTRATION: Trainer Karl-Heinz Gunkel schaut auch bei Larissa Fuhr genau hin, wie sie mit der Maschinenpistole zurecht kommt. Jeweils zu dritt mit je einem Anleiter üben die Studierenden die Handhabe mit der tödlichen Waffe. Und jeder hofft, sie niemals im Ernstfall benutzen zu müssen. Quelle: Michael Wallmüller
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Nienburg

Gawain Wiemann (21) zuckt. Nun, das macht er tatsächlich nicht bewusst, aber der Rückstoß beim Abschießen der MP5 wirkt auf Zuschauer so. Wie auch bei Maximilian Siebert (19) und Larissa Fuhr (19). Gleichzeitig fallen Patronenhülsen herunter – irgendwann an diesem Tag ist der Boden mit dem messing-glänzenden Abfall übersät.

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Insgesamt 2000 bis 3000 Patronen werden heute von den drei jungen Leuten und ihren Kommilitonen verschossen. Und die Frage steht im Raum: Was machen die eigentlich mit einer Maschinenpistole?

GEHÖRT DAZU: Schießtraining mit der MP5 – alle hoffen, sie nie ernsthaft nutzen zu müssen. Quelle: Michael Wallmüller

Nun, es gehört zu ihrer Ausbildung – Wiemann, Siebert und Fuhr sind seit Herbst 2018 Studierende der Polizeiakademie Nienburg. „Ich bin froh, wenn ich die Waffe beherrsche, aber ich hoffe auch, niemals schießen zu müssen“, sagt Hannoveraner Wiemann.

Als sie das erste Mal die MP5 in der Hand hatte, „kam ich mir vor, als müsste ich im nächsten Moment in den Krieg ziehen“, beschreibt Larissa Fuhr aus Celle ihr Gefühl. „Aber dann habe ich jede Menge über die Handhabung der Waffe gelernt und vor allem darüber, warum wir sie haben. Aufgrund der politischen Lage ist es angemessen, uns daran zu schulen.“ Doch auch sie möchte die Maschinenpistole möglichst nie im Ernstfall benutzen müssen, „aber es gibt mir eine Form von Sicherheit, in bestimmten Situationen handlungsfähig sein zu können“.

DURCHLADEN: Trainer Sven Holzschneider (links) achtet darauf, dass Larissa Fuhr, Gawain Wiemann und Maximilian Siebert ihre MP vernünftig beherrschen können. Dabei setzt der Ausbilder vor allem auf freundliche Motivation. Quelle: Michael Wallmüller

„Der Gedanke ist allgegenwärtig“, sagt Maximilian Siebert und meint damit, dass die Waffe eben eine tödliche sein kann. „Durch die Training bekommt man aber Sicherheit.“ Der sportliche Bad Nenndorfer sieht das Training durchaus pragmatisch. „Wenn man geübt ist, die Waffe beherrscht und im Notfall auch gezielt schießen kann, um möglichst wenig Schaden anzurichten, macht es Sinn.“ Sein Gedanke: „Effektiv sein, jemand stoppen, aber möglichst nicht töten.“

Vor dem Ernstfall kommt das Training. Doch was, wenn das Training zum Ernstfall wird? Gibt es hier im Übungsraum auch schon mal Querschläger? „Ungünstige Winkel auf dem Boden darf es hier nicht geben, Verletzungen wären fatal“, sagt Ausbilder, Polizeihauptkommissar Karl-Heinz Gunkel (54). Aber hier ist noch nie etwas passiert. Was sicher auch daran liegt, dass jedem Studierenden ein Anleiter zur Seite steht. Einer von ihnen ist neben Dunkel Polizeikommissar Sven Holzschneider (30), Lehrkraft für besondere Aufgaben an der Akademie. Holzschneider kennt jeden Millimeter der Maschinenpistole, erklärt jeden Griff, die beste muskuläre Haltung beim Schießen – und setzt auf positive Motivation. „Ja, super. Guter Schuss“, lobt er den jungen Mann, bevor er die Haltung Wiemanns korrigiert.

PATRONENHÜLSEN: Nach dem Schießtraining aller Kollegen an diesem Tag ist der Boden der Trainingshalle mit denResten der Munition übersät. Quelle: Michael Wallmüller

Es muss nicht immer die Waffe sein, ein weiterer Klassiker an der Polizeiuniform ist die Handschelle. Einfach klick gemacht und der Ganove kann abgeführt werden – so einfach ist es natürlich nicht. Und so steht auch das Handfesseltraining auf dem Lehrprogramm. „Man muss jemanden so fesseln, dass es auch am sichersten für einen selbst ist“, erklärt Fuhr. Denn: „Man kann ja auch mit der Handfessel viel anrichten.“ Während andere Polizisten schon eine Art Kabelbinder benutzen, haben die angehenden Polizisten in ihrer Uniform richtige Handschellen, „Smith & Wesson“, betont Wiemann mit seinem Schalk im Auge.

BESPRECHUNG: Sven Holzschneider erklärt Maximilian Siebert, Gawain Wiemann und Larissa Fuhr (von links), was sie richtig gemacht haben. Quelle: Michael Wallmüller

Eigensicherung steht auch bei den anderen Trainingseinheiten ganz hoch im Kurs – bei der Hausdurchsuchung und Verkehrskontrolle etwa. Larissa Fuhr: „In eine Wohnung gehen wir mit mehreren Leuten. Es gibt einen Hauptverantwortlichen, der die Aufgaben zuteilt.“ Eigensicherung bedeutet vor allem, gemeinsam zu agieren. „In Deutschland macht ein Polizist eigentlich nie etwas allein“, meint Wiemann.

Jeder Schritt wird trainiert

Auch keine Verkehrskontrolle, die die angehenden Polizisten auf dem Bundeswehrgelände in Langendamm bei Nienburg üben. Wie tritt man an das zu überprüfende Fahrzeug an und wie spricht man den Fahrer an, welche Abläufe sind zu beachten? Jeder Schritt wird trainiert. Und was sagt man nun als erstes? Maximilian Siebert grinst: „Erst mal guten Tag!“

Und wenn sich jemand auffällig verhalten hat? „Man muss direkt eine Belehrung machen“, ist Gawain Wiemann wichtig. „Wir stellen uns nicht hin und warten darauf, dass sich jemand womöglich verplappert, man ist fair“, sagt der Student, der sich vorgenommen hat, ein richtig sympathischer Polizist zu werden.

Der Ausbilder im Interview: „Ich habe wirklich Schwein gehabt“

Hans-Peter Behrens ist seit 38 Jahren Polizist. An der Polizeiakademie lehrt er die Studierenden die Handhabung von Pistole und Maschinenpistole.

Hans-Peter Behrens Quelle: Michael Wallmüller

Was müssen die Studierenden können, wenn sie die Kontrollübung an der Pistole und Maschinenpistole, also die Prüfung, bestehen wollen?

Bei der Kontrollübung bereits im ersten Studienjahr wird geschaut, ob neben dem Schießen Trainingsanteile wie der Magazinwechsel, das Nachladen der Waffe und die Beseitigung einer Störung beherrscht werden. Wenn ein Kollege schießen muss und die Waffe funktioniert nicht, wird ihm kein anderer helfen können. Solche Handhabungen muss man im Reflex machen.

Reicht die Stundenanzahl aus, die die Studierenden für das Schießwaffentraining bekommen?

Ein paar Stunden mehr hätten wir schon gern, um bestimmte Dinge zu vertiefen. Der eine muss intensiver betreut werden als der andere. Das Korsett ist recht eng in der Ausbildung, es gibt etwa beim Umgang mit der Maschinenpistole neben dem theoretischen Training der Handhabung jeweils 30 Schuss – einmal aus 15 Metern, einmal aus 20 Metern. Bei den meisten reicht das sicher.

Müssen Sie eigentlich ein Schießtalent sein, um auszubilden?

Einem Bademeister, der nicht schwimmen kann, glaubt man nicht. Man sollte schon Spaß daran haben, die jungen Kollegen an der Waffe so auszubilden, dass sie verantwortungsbewusst und erfolgreich damit umgehen können. Quasi die Trickkisten des Nachwuchses voll machen. Es bleibt aber ein Handwerkszeug. Die Handhabung der Waffe gehört nun einmal zum Berufsbild der Polizisten dazu.

Wie war das damals in Ihrer Ausbildung?

Als ich angefangen habe, hatte ich eine Knebelkette, eine alte Bundeswehrtaschenlampe und einen Gummiknüppel bekommen, dann war Feierabend. 1995 war ich dann in Hannover in einem Pilotprojekt dabei, damals wurden hauptamtliche Schusswaffeneinsatztrainer etabliert. Wir haben innerhalb von zwölf Jahren viele Neuerungen eingeführt, die die Kollegen handlungssicherer machen. Bis heute arbeiten wir immer wieder am Konzept, um es lebendig zu erhalten und um uns an aktuellen Anforderungen zu orientieren.

Mussten Sie jemals selbst auf einen Menschen schießen?

Ich habe das in 38 Dienstjahren zum Glück nicht erlebt. Wahrscheinlich ist zu Beginn meiner Karriere mal auf mich geschossen worden, ein Schuss ging in die Kalkwand. Außer dass der Putz auf mich fiel, ist nichts passiert. Und ich musste nach Unfällen ein paar Mal verletzte Rehe erschießen. Letztlich habe ich wirklich Schwein gehabt.

Von Petra Rückerl