Menü
Neue Presse | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Meine Stadt Marstall: Hilft nur noch eine Polizeiwache?
Hannover Meine Stadt Marstall: Hilft nur noch eine Polizeiwache?
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:20 28.06.2019
Alltag am Marstall: Bierflaschen an den neuen städtischen Beeten. Alkohol ist jedoch nur eines von vielen Problemen auf dem komplett umgestalteten Platz. Quelle: Moritz Frankenberg
Anzeige
Hannover

Gruppensex im städtischen Klo, Stuhlgang in den Blumenbeeten – am hellichten Tag. Wummernde Musikbässe oft fast rund um die Uhr. Es waren schlimme Szenen und Erfahrungen, die Anwohner des Marstalls am Montag im Bezirksrat Mitte schilderten und auch mit Bildern belegten. Die Politik zeigte sich entsetzt und forderte geschlossen, dass wieder eine Polizeiwache auf dem zentralen Platz in Hannover eingerichtet werden soll.

Durch den Umbau des Marstalls sollte sich die Lage dort verbessern. So hatte es die Stadt gehofft. Ein Plan, der offensichtlich nicht aufging. Um zu verhindern, dass Trinkergruppen auf dem Platz campieren, hatte die Stadt bewusst fast komplett auf Bänke verzichtet. Wie Stadtbezirksmanagerin Claudia Göttler berichtete, werden stattdessen die breiten Umfassungen der Beete zum Schlafen genutzt. Oder das Klo, das die Stadt am Marstall aufgestellt hat. Mitarbeiter der Stadtentwässerung hätten in dem kleinen Häuschen schon zwölf Personen gleichzeitig angetroffen, so Göttler.

Anzeige

Anwohner blicken „regelmäßig auf fremde Geschlechtsteile“

Nicht immer nutzen sie das Klo zum Schlafen. Dieses werde „zu mindestens 50 Prozent zur Prostitution genutzt“, berichtete Anwohner Peter Lohmann. „Nicht zum Aushalten“ sei die Situation. Wenn er in der Küche esse, blicke er „regelmäßig auf fremde Geschlechtsteile“.

Größtes Ärgernis für die Anlieger ist jedoch der Lärm. Sie haben sich auch schon zu einer Bürgerinitiative zusammengeschlossen, stehen regelmäßig im Austausch mit Stadt und Polizei. Getan hat sich in dieser Sache jedoch nicht viel. Zuständig ist die Region. Und die hat aus Sicht der Anwohner bisher fast nichts unternommen, um das Problem in den Griff zu bekommen.

Region: Marstall-Anlieger sollen selbst Lärm protokollieren

Norbert Liebermann, der am Goldenen Winkel wohnt, hatte ein Schreiben von der zuständigen Dezernentin Christine Karasch von April mitgebracht. In dem teilte diese mit, dass das Team Immissionsschutz der Region Maßnahmen gegen die Bar „Escape“ ergriffen habe. Weitere Anwohnerbeschwerden lägen nicht vor. Karasch schlug den Anliegern vor, selbst ein detailliertes Lärmprotokoll zu erstellen und darin auch konkret die Verursacher zu benennen – beigefügt ein entsprechender Protokollvordruck. Auf Basis dessen erfolge dann „die Prüfung zur Einleitung weiterer rechtlicher Schritte“, schrieb die Regionsdezernentin weiter.

Die Anlieger macht das fassungslos. Wie schlimm die Situation – vor allem nachts – sei, schilderte Studentin Emily Lamprecht, die seit acht Jahren am Marstall wohnt. Sie selbst habe mit einer Smartphone-App schon bis zu 100 Dezibel gemessen – mehr als doppelt so viel wie eigentlich während der Nachtruhe von 22 bis 6 Uhr erlaubt ist. „Am Wochenende fahre ich zu meinen Eltern, weil ich sonst kein Auge zu bekomme“, erzählte sie. Durch den Umbau des Platzes hat sich aus ihrer Sicht die Lärmsituation verschlechtert. „Jetzt, wo es so schön ist, sind da noch mehr Leute“.

Präsenz am Platz: Nach dem Rückzug von Rockerboss Frank Hanebuth stellte die Polizei 2011 am Marstall einen Container auf, um das Rotlichtviertel am Steintor besser im Blick zu haben. Quelle: Tim Schaarschmidt

Ein Problem sind vor allem Lautsprecher, die die Bars und Diskotheken außen an ihren Läden angebracht haben. In Niedersachsen braucht es dafür im Gegensatz zu anderen Bundesländern keine Genehmigung. „Da müssen wir auf Landesebene ran“, forderte CDU-Mann Joachim Albrecht.

Autoposer drehen bis zu 20 Runden

Und auch Autoposer machen große Schwierigkeiten am Marstall. „Die drehen nicht eine Runde, die drehen 20 und drücken richtig auf das Gas“, so Studentin Lamprecht. „Das haben wir kommen sehen“, sagte Albrecht. Die CDU habe davor gewarnt. Die Verkehrsführung lade regelrecht dazu ein.

Zumindest an dieser Front besteht Hoffnung auf Besserung. Stadtbezirksmanagerin Göttler berichtete von einem Gespräch mit dem Tiefbauamt. Dieses habe zugesagt, sich die Verkehrsführung nach Abschluss aller Bauarbeiten noch einmal anzuschauen und – wenn nötig – gegenzusteuern.

Marstall-Polizeiwache: Das gab es schon einmal

Damit sich die Sicherheitslage und Lärmproblematik am Marstall verbessern, ist aus Sicht der Politik aber vor allem eine stärkere Polizeipräsenz notwendig. Geschlossen sprach sich der Bezirksrat dafür aus, dass auf dem Platz wieder eine rund um die Uhr besetzte Polizeiwache installiert werden soll. 2011 hatte die Polizei schon einmal einen Container am Marstall aufgestellt, der jedoch nach einigen Jahren wieder abgebaut wurde. Versuche, eine Wache in einem der Neubauten am Platz unterzubringen, scheiterten aus Kostengründen.

Laut SPD-Mann Michael Sandow hat Innenminister Boris Pistorius (SPD) mittlerweile jedoch zugesagt, dass die Polizei ihre Präsenz am Marstall verstärken werde. „Das wird zur Disziplinierung beitragen“, glaubt Sandow. „Wir nehmen Ihre Sorgen sehr Ernst“, versprach Wilfried Engelke (FDP), im Bezirk Mitte stellvertretender Bürgermeister, den Marstall-Anwohnern. „Fassungslos“ zeigte er sich jedoch darüber, „dass sich die Region beim Lärmschutz zurücklehnt. Es muss etwas passieren“, forderte er.

Von Christian Bohnenkamp