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Meine Stadt Pendler in Hannover: „Nur zehn Minuten zur Arbeit? Das ist Luxus“
Hannover Meine Stadt Pendler in Hannover: „Nur zehn Minuten zur Arbeit? Das ist Luxus“
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13:29 14.10.2019
Pendler steigen in die S-Bahn ein. Quelle: dpa
Hannover

Es ist Mittwochmorgen, 7:34 Uhr. Die S2, von ihren Nutzern auch Bummelbahn genannt, tritt ihre Reise durch den Südwesten der Region in Haste an. Es geht durch einen Teil von Schaumburg, Barsinghausen und den Deister.

Am Fenster ziehen grüne Landschaften vorbei, über denen die Sonne langsam aufgeht, die Felder sind noch bedeckt vom Nebel. Draußen ist es frisch, drinnen in der Bahn ist es gemütlich warm. Das sanfte Schaukeln der Waggons macht es einem nicht leicht, um diese Zeit nicht wieder einzuschlummern. Manche tun das, andere hören Musik, wieder andere unterhalten sich mit ihren Sitznachbarn.

In 50 Minuten ist Ankunft an Hannover Hauptbahnhof. Bis dahin ist genug Zeit, herauszufinden, wie der Tag für Pendler beginnt.

„Nur zehn Minuten zur Arbeit zu brauchen, ist Luxus“

Winninghausen. Eine 46-jährige Dame steigt ein. Sie ist auf dem Weg ins Büro. „Wenn die S-Bahn regulär und pünktlich fährt, ist sie ein Segen“, sagt sie. Jeden Werktag nimmt die 46-Jährige die S 2 nach Linden-Fischerhof, von da geht es mit den öffentlichen Verkehrsmitteln weiter zu ihrem Büro am Lister Platz. Hier arbeitet sie als Assistentin der Geschäftsführung.

Von Tür zu Tür ist die Winninghäuserin eine Stunde unterwegs. Das macht zwei Stunden Pendeln am Tag. „Klar würde ich mir wünschen, nur zehn Minuten zur Arbeit zu brauchen. Aber das ist Luxus“, sagt sie. „Welche Arbeitgeber gibt es denn hier schon auf dem Land? Es bleibt einem doch nichts anderes übrig, als zu pendeln.

Dennoch: Näher an ihre Arbeit zu ziehen, kommt für die große, brünette Frau nicht in Frage. Zu verwurzelt sei sie in Winninghausen. „Deshalb ist es gut, dass es die S-Bahn gibt. Ich glaube, wir würden eher alle stöhnen, wenn es sie nicht mehr gäbe.“ Und: Das Pendeln habe nicht nur Nachteile. „Man hat eine Stunde Zeit, um runterzukommen und die Arbeit hinter sich zu lassen.“

„Es ist deprimierend“

Barsinghausen. Eine Justizsekretärin steigt ein. „Wenn man überlegt, dass man dafür zwei Stunden am Tag im Zug sitzen muss, macht der Spaß automatisch nicht mehr ganz so viel Spaß.“ Doch richtige Alternativen auf dem Land gebe es nicht. „Das deprimiert.“

Heute hat die junge Frau verschlafen. Sonst hätte sie den Zug um 6:21 Uhr genommen. Doch die zwei Stunden Pendeln pro Tag gehen auf Kosten ihres Schlafpensums, sagt sie. „Auf der Rückfahrt bekomme ich meistens so ein Tief, dass ich zuhause erstmal schlafen muss.“ Und Zeit für Freunde bleibe dann auch keine mehr.

„Ich bin neidisch auf meine Mutter. Die braucht nur fünf Minuten zur Arbeit“, sagt die 20-Jährige. Doch Umzuziehen kommt auch für die schlanke Blondine nicht in Frage. „In der Stadt ist zu viel los. Ich mag die Ruhe.“

„Auf dem Land zu leben, ist es wert“

Wennigsen. Andreas Müller (61) steigt ein. Sein Ziel: Das Anzeiger-Hochhaus am Steintor. Auf seinem Smartphone liest er das E-Paper einer Tageszeitung. „Das geht aber nur, wenn man einen Sitzplatz bekommt.“ Der Zug eine Stunde früher sei „eine Katastrophe, absolut unangenehm“, so der 61-Jährige. „Dann ist man froh, wenn man sich wenigstens irgendwo festhalten kann.“

Müller versteht nicht, dass der Betreiber, die DB Regio Nord, in Stoßzeiten nicht einen dritten Waggon anhängt. Und er hofft, dass es mit dem neuen Betreiber, der Transdev Hannover GmbH, ab 2021 besser laufen wird. „Doppelgeschossig wäre besser“, sagt er.

So viele pendeln

Pendler ist zunächst jeder, der das Haus verlässt, um zur Arbeit zu gehen. Ab einem Arbeitsweg von 30 Minuten spricht die Wissenschaft von Berufspendlern, ab 60 Minuten von Fernpendlern.

Die Zahl der Pendler in ganz Deutschland steigt, die Dauer der Fahrt zur Arbeit auch. Mehr als jeder vierte Erwerbstätige in Deutschland braucht 30 Minuten oder länger für den einfachen Weg zur Arbeit, das sind elf Millionen Deutsche.

Im Jahr 2018 hat die Region Hannover über 128.000 regionsexterne Einpendler gezählt – 16.000 mehr als vor fünf Jahren.

Eine Vielzahl bewegt sich allerdings auch innerhalb der Region. Den größten Einpendlerüberschuss verzeichnet die Landeshauptstadt als zentraler Arbeitsort der Region. Hier gibt es 325.000 Beschäftigte. 178.000 Menschen pendeln täglich ein, 62.000 aus.

Dabei nutzen sie den öffentlichen Personennahverkehr mit 170 Buslinien, zwölf Stadtbahnlinien, neun S-Bahn-Linien, neun Regionalbahnlinien und 1900 Haltestellen.

Der GVH verzeichnete für das Jahr 2018 mit 219 Millionen Passagieren einen neuen Rekord.

Nach 20 Jahren des täglichen Pendelns kennt er sich aus mit S-Bahnen. Die Preise kennt er auswendig. „Bevor meine Frau zum Shoppen in die Stadt fährt, bestellt sie lieber online. Das kostet nur 4,50 Euro Versandkosten – das Ticket nach Hannover kostet fast doppelt so viel“, so Müller. „Die Preise sind viel zu teuer, das steht in keinem Verhältnis.“

Doch auf dem Land zu leben, sei die beste Entschädigung für all den Stress. Alleine schon aufgrund der klimatischen Bedingungen, sagt Müller. „Im Sommer von der heißen Stadt aufs Land zu fahren, wo noch ein Wind weht, ist einfach nur herrlich. Dafür lohnen sich die Strapazen des Pendelns.“

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Von Josina Kelz