Menü
Neue Presse | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Meine Stadt Patient bekommt 50 000 Euro von der MHH
Hannover Meine Stadt Patient bekommt 50 000 Euro von der MHH
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:11 03.01.2019
MHH-NOTAUFNAHME: Zeit ist bei der Versorgung der Patienten der wichtigste Faktor. Foto:
MHH-NOTAUFNAHME: Zeit ist bei der Versorgung der Patienten der wichtigste Faktor. Foto: Quelle: dpa
Anzeige
HANNOVER

Ein durch und durch ungewöhnlicher Vergleich: Tobias Schmidt (41, Name geändert) hat von der Medizinischen Hochschule Hannover 50 000 Euro Schmerzensgeld erhalten. „Wir haben uns in der Schmerzensgeldhöhe vollständig durchgesetzt“, sagt Anwalt Michael Timpf. Normalerweise geben beide Seiten bei einem Vergleich ein wenig nach. Aber der Kläger, ein Vater von drei Kindern, verzichtet im Gegenzug auf weitere Schadensersatzansprüche gegen das Uni-Krankenhaus.

An einem September-Wochenende 2013 ging Schmidt mit einem schmerzenden, geschwollenen Auge in die MHH-Notaufnahme. Er war dort als Patient bekannt. Denn der 41-Jährige leidet unter der Autoimmunkrankheit SEL. Bei dieser Krankheit richtet sich das Immunsystem gegen den Organismus und kann in Organen, Gelenken und Bindegewebe chronische Entzündungen auslösen.

Sofort dachten die Ärzte in der Notaufnahme wieder an einen SEL-Schub und verabreichten Cortison. Doch innerhalb von wenigen Stunden an diesem Samstagabend verschlechtere sich der Zustand des Patienten rasant. Die Schmerzen seien kaum noch auszuhalten gewesen, sagte Tobias Schmidt. Am nächsten Morgen war der Sehnerv des linken Auges abgestorben. Ursache war eine entzündliche Phlegmone (Infektionserkrankung des Bindegewebes). Der Patient hätte eine sofortige hochdosierte Antibiotika-Behandlung gebraucht.

So kam die operative und medikamentöse Behandlung viel zu spät. Ein Gutachter des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung (MDK) machte bei der MHH „Hinweise auf Organisationsmängel“ und „ungeklärte Zuständigkeiten“ aus. Ein gerichtlicher Gutachter sah zwar einen Behandlungsfehler, aber keinen „groben Behandlungsfehler“. Die Begründung: Die Symptome des Patienten ähnelten der Grunderkrankung SEL. Aber die MHH-Ärzte übersahen, dass der Hausarzt von Tobias Schmidt bereits tagelang erfolglos Cortison verabreicht hatte. Es konnte sich also nicht um einen SEL-Schub handeln.

Am Ende des Prozesses war noch Frage zu klären: Hätten die Ärzte selbst bei rechtzeitiger Therapie das Augenlicht retten können? „Zu dieser Frage hätte das Landgericht noch ein augenfachärztliches Gutachten einholen müssen“, sagt Anwalt Timpf. Wäre der Sachverständige zu dem Urteil gekommen, dass auch eine rechtzeitige Therapie das Augenlicht nicht hätte bewahren können, wäre der Kläger leer ausgegangen. Insofern ergibt für beide Seiten der Vergleich einen Sinn. Angenommen, der Familienvater verliere auch noch auf dem rechten Auge seine Sehkraft, muss die MHH nicht für die beträchtlichen Folgekosten (zum Beispiel Einkommensausfall auf Grund einer Erwerbsunfähigkeit) aufkommen.

Tobias Schmidt ist froh, dass der langjährige Rechtsstreit vorbei ist. „Von dem Geld haben wir uns ein neues Auto gekauft“, sagt der Familienvater. Einen Teil der Summe werde er zurücklegen.

Von Thomas Nagel