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Meine Stadt Pädophilen-Prozess: So versagte die Justiz
Hannover Meine Stadt Pädophilen-Prozess: So versagte die Justiz
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18:28 25.02.2019
HOCHGRADIG RÜCKFALLGEFÄHRDET: Jörg S. steht zum wiederholten Mal wegen Kindesmissbrauchs vor Gericht (mit Anwalt Claus Pinkerneil). Foto: Quelle: Nagel
HANNOVER

Das Programm nennt sich ambitioniert K.U.R.S.: Konzeption zum Umgang mit rückfallgefährdeten Sexualstraftätern. Jörg S. (40) ist nicht auf Kurs geblieben. Und die Verantwortlichen von Polizei und Justiz müssen sich fragen lassen, ob sie nicht in fahrlässiger Weise mit dem Sexualstraftäter Jörg S. umgegangen sind.

Derzeit steht der Angeklagte wegen schweren sexuellen Missbrauchs vor Gericht. Er soll sich von Mai bis August 2018 an mehrere Jungen vergangen haben. Nach seiner Entlassung aus der Haft Ende 2015 stand S. unter Führungsaufsicht. Er durfte keinen Umgang mit Kindern haben und musste Fußfesseln tragen. Das Prognosezentrum des Niedersächsischen Justizvollzugs hatte den Mann in die höchste Kategorie der rückfallgefährdeten Sexualstraftäter eingestuft.

Angeklagter froh, nicht Bahn fahren zu müssen

Trotzdem ließen es die Behörden zu, dass der Angeklagte im Juni 2017 in eine kinderreiche Gegend ziehen durfte – mit Spielplatz vor der Haustür. „Allen war klar, dass das Umfeld nicht günstig war. Aber wir konnten es ihm nicht verwehren. Es war ohnehin schwer, eine Wohnung für ihn zu finden“, sagte ein Polizeibeamter (40) am Montag im Landgericht aus. Bis zum Mai 2018 sei der Mann nicht auffällig gewesen, deshalb habe man ihm die elektronische Fußfessel entfernt. Unmittelbar danach ist es laut Anklage mit den Straftaten losgegangen.

Der Zeuge räumte ein, dass die Pädophilie bei Jörg S.mit der Haftentlassung nicht fort sei. „Er sagte, dass es immer noch in ihm schlummere.“ Aber der Angeklagte meinte, dass er sich mit Sport und Musik ablenken könne. Jörg S. erzählte auch, dass er froh sei, nie mit der Stadtbahn fahren zu müssen. Schließlich seien auch viele Kinder dort. Bei einem Treffen mit dem Bewährungshelfer am Hauptbahnhof habe er sich im Café umgesetzt, um nicht einen Jungen am Nachbartisch sehen zu müssen.

Die Einstufung in Kategorie A der rückfallgefährdeten Sexualstraftäter bedeutet, dass der Mann pädophil sei, unter seiner Veranlagung leide, aber nichts dagegen unternehme. Aktiv wurde er aber am 25. August 2018. Morgens klingelte die Polizei, Jörg S. öffnete nicht. „Es waren aus der Wohnung laute Geräusche zu hören, so als ob Etwas zerbrochen wird“, sagte ein Kriminalbeamter (54) aus. Etwa eine Stunde musste die Polizei auf den Schlüsseldienst warten. Genug Zeit für den Angeklagten, um Beweise zu vernichten. Weitere Datenträger, die später in einem Versteck gefunden wurden, konnten bislang nicht entschlüsselt werden.

Von Thomas Nagel