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Meine Stadt Nachtschicht mit Lebensrettern im Friederikenstift
Hannover Meine Stadt Nachtschicht mit Lebensrettern im Friederikenstift
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13:02 20.08.2018
KÖNNEN, ROUTINE UND ERFAHRUNG: Neurologin Christine Ziehme ist seit 1991 im Friederikenstift und mag besonders die Arbeit in der Notaufnahme. „Jeder Fall ist anders“, sagt die 61-Jährige. Auch in der Nachtschicht ist sie nicht wegzudenken.
Hannover

Herr W. ist schon wieder da. Gleich das zweite Mal in dieser Nacht hat er sich einen Rettungswagen gerufen und sich ins Diakovere Friederikenstift (Mitte) fahren lassen. Er ist nur nölig und hacke, aber immerhin haut er nicht um sich. Und er spart sich Beleidigungen gegenüber Ärzten, Schwestern und Pflegern, sondern geht freiwillig – als er Ole Curth sieht. Der Internist hat dem alkohol- und nikotinabhängigen Diabetiker in der Vergangenheit bereits mehrere Ansagen gemacht. Heute ist W. immerhin so klar, dass er von selbst das Krankenhaus verlässt. „Ich hab ja schon überall Hausverbot“, nuschelt der Mann im Gehen. Pro Krankenwagenfahrt zahlt die Kasse übrigens um die 400 Euro.

Das mit dem Hausverbot stimmt so nicht ganz. Denn eine Notaufnahme darf Patienten nicht abweisen. Das wissen und hoffen natürlich auch jene Männer und Frauen, die im Wartezimmer der Notaufnahme sitzen. Und die – je nach Dringlichkeit – lange, sehr lange warten müssen. „Im schlimmsten Fall sind es auch mal zehn Stunden“, sagt Jan Steinwedel-Jablonka.

Der 43-Jährige Krankenpfleger hat einen harten Job: Er muss innerhalb von Sekunden entscheiden, ob jemand – sehr lange – wartet oder ob sein Gegenüber ein echter Notfall ist, dem jetzt und sofort geholfen werden muss. So wie die 73-Jährige, die von den Johannitern mit Verdacht auf einen Schlaganfall eingeliefert wird. „Früher hat man tatsächlich abgewartet, wie sich so ein Verdacht entwickelt“, erzählt der Leiter der Notaufnahmen Friederikenstift und Henrittenstiftung, Sven Wolf. „Heute zählt jede Sekunde.“

Der Schockraum ist jener Ort, in dem mit allen Mitteln und allem verfügbaren Personal um das Leben der Patienten gerungen wird. „Wenn wir den Schockraum benutzen müssen, weil jemand mit möglicherweise mehrfach lebensgefährlichen Problemen kommt, dann wird erst einmal zehn Sekunden durchgeatmet, alle werden auf den gleichen Kenntnisstand gesetzt und dann weiß jeder, was er machen muss. Das klappt und macht auch Freude“, so Wolf. Die ältere Dame gehört zur Sichtungskategorie 1, also geht es sofort in den Schockraum, danach wird eine Computertomografie (CT) veranlasst, um abzuklären, ob Blutungen im Gehirn vorhanden sind.

Hier ist schnelle Hilfe nötig – die bekommt die Frau von einem erfahrenen und vielseitigen Team. „Wir arbeiten hier interdisziplinär“, sagt Wolf durchaus etwas stolz. In der Notfallaufnahme ist immer ein Internist, ein Unfallchirurg und ein Neurologe eingeplant – die Ärzteschaft sowie die Pfleger in der übrigen Klinik können jederzeit zur Hilfe herangezogen beziehungsweise die Patienten direkt auf die jeweiligen Stationen gebracht werden, wo sie dann versorgt werden. Rund um die Uhr, auch in der Nachtschicht.

Es gibt überall Engpässe

Was im Übrigen nicht heißt, dass es genug oder gar zu viele Ärzte, Schwestern und Pfleger geben würde. „Wir reden von der Pflegemisere, aber die Ärztemisere ist bereits abzusehen“, so Wolf mit Blick auf demografische Entwicklung bei gleichzeitiger Vollkaskomentalität der Bürger. „Ich kann jeden Patienten verstehen, weil Krankheit immer auch mit Ängsten verbunden ist. Aber manche kommen schon mit Banalitäten zu uns und viele sind doch sehr Geräte-gläubig.“ Da müsse unbedingt ein Röntgenbild gemacht werden, auch wenn ein Bruch unwahrscheinlich ist.

Klaus Kater würde es schon reichen, wenn mal jemand nach seinem geschwollenen Fuß gucken würde. Der 77-jährige Anwalt ist umgeknickt und seit 19.30 Uhr im Warteraum der Notaufnahme, seine Frau Karin Gafert (74) hat „für ihn immerhin einen Rollstuhl aufgetrieben“. Die beiden wissen auch gegen 22 Uhr noch nicht, wie lange sie warten müssen, sie haben Hunger und sind nach Stunden schon etwas genervt. „Ich verstehe ja, dass hier einiges los ist“, sagt der Jurist. „Aber wenigstens eine Information könnte es mal geben. Würde ich so arbeiten, könnte ich dicht machen“. Kurz vor Mitternacht darf ein gut versorgter Klaus Kater endlich heim.

Etwas mehr Geduld zeigt Christian Busse, der bereits seit fünf Stunden hier sitzt und dem es „etwas peinlich ist, mit so etwas hier zu sein“. Sagt er und zeigt seine eingegipsten Finger. „Aber zuerst hat mich mein Hausarzt zum Orthopäden und der mich hierher geschickt.“ Der Badenstedter hatte sich in die Leine seines Hundes verkeilt, „das ergab einen glatten Bruch“. Die junge Alissa hält sich ein Eispäckchen ins Gesicht. „Ich bin gegen eine Tür gelaufen, das Blut schoss nur so aus der Nase und nun habe ich auch ein Taubheitsgefühl im Ohr“, beschreibt sie ihr Problem. Ein weiteres bleibt aus: Langeweile. Ihre Freunde haben sie begleitet, Bücher und Essen mitgebracht und so lässt sich die Wartezeit einigermaßen aushalten.

Der übliche Wahnsinn

Es ist um 22 Uhr, drinnen „tobt der übliche Wahnsinn“, meint Jan Steinwedel-Jablonka. Eine Frau, mit diversen Drogen und Alkohol dicht bis in die Haarspitzen, lallt, ruft und würgt auf ihrem Krankenbett im Flur der Ambulanz. Eine vor Schmerzen schreiende junge Frau wird von Rettungssanitätern gebracht. Sie ruft zwischendurch immer wieder „Hirntumor“ und „solche Schmerzen“.

Neurologin Christine Ziehme (61) untersucht die Frau, gibt ihr starke Schmerzmittel – später stellt sich heraus, dass die 27-Jährige tatsächlich ein Fall für die Palliativabteilung ist. Ein 15-jähriger, der einen Verkehrsunfall mit seinem Roller hatte, wird angekündigt. Sofort wird der Schockraum fertig gemacht. „Jetzt kann alles kommen, das wissen wir vorher nicht“, sagt Steinwedel-Jablonka, der gemeinsam mit Kollege Andre Timmermann und Schwester Miriam Bütepage den Raum herrichtet, um möglicherweise ein sehr junges Leben zu retten.

Der 15-Jährige hatte Glück im Unglück, ein paar Abschürfungen, hier und da blutende Wunden und einen möglichen Bruch. Den Feuerwehr-Rettungsfahrern Michael Kwasniok und Tolga Kilic bescheinigt er gegen 23 Uhr beim freundlichen Abschied, „gut gefahren“ zu sein. Seine mittlerweile alarmierte Mutter, die Schwester und er werden bis etwa zwei Uhr morgens warten müssen, bis sie gehen können. Auch wenn er sich tapfer zeigt, die Wunden und Brüche sind nicht ohne. Vieles muss abgeklärt werden.

Die 73-Jährige Radfahrerin, die kurz nach Mitternacht eingeliefert wird, hat ein blutiges, deformiertes Gesicht – sie muss sehr übel gefallen sein. Und kommt nach der ersten Notversorgung auf Station. Einem 23-jährigen Radfahrer, der etwa zeitgleich mit einer blutigen Kopfverletzung kommt, fehlen hinterher ein paar Haare. Schwester Miriam Bütepage muss ihm einen Teil des Kopfes rasieren, um die tiefe Wunde säubern zu können. Derweil wartet ein alter Mann, glücklicherweise mit Schmerzmitteln versorgt, darauf, dass ihm die Hüfte eingerenkt wird.

Ein alkoholkranker Mann – bekannte Kundschaft – kommt, weil er seit geraumer Zeit Blut im Stuhl hat. „Der hat natürlich viele Folgekrankheiten“, weiß Ole Curth. Der Fuß des Endvierzigers ist stark entzündet, die Reinigung und Versorgung ist nicht für jeden etwas. „Ich mache so etwas gern, für süffige Wunden bin ich zuständig“, so Steinwedel-Jablonka, den auch Maden im Körper, Geschwüre und Eiter nicht schocken. „Entweder man kann so etwas und macht es gern oder man lässt es“, sagt er.

Verunfallte und Drogennutzer

Gern seinen Job machen – das gehört dazu in der Notaufnahme. Auch unter erschwerten Bedingungen. „Wir müssen auch manchmal die Polizei rufen, wenn Leute randalieren“, so Ole Curth. Besonders jene Leute, die „mit Banalitäten“ kämen, würden schnell ungeduldig werden. „Wer nicht auf einen Termin beim Haus- oder Facharzt warten will oder kann, kommt dann eben in die Notaufnahme“, sagt Curth. Dass damit Wartezeiten verbunden wären, wäre nicht jedem einsichtig. Dazu kämen – auch durch die Nähe des Steintors – die Drogennutzer und Alkoholiker, „die man teilweise nur kontrolliert ausschlafen lassen muss. Wenn die aufwachen, brauchen sie ohnehin ihre Drogen, Zigaretten und Alkohol und dann gehen sie meist von selbst“.

Die drogen- und alkoholkranke Frau randaliert nun auf Station und will zurück zur Notfallambulanz, Schwester Miriam begleitet sie zurück ins Bett. Wer sich nicht selbst schädigt, kommt mit anderen Problemen. Zugenommen haben etwa die Messerstichverletzungen, Sven Wolf kann sich an Zeiten erinnern, da traf es meist nur Türsteher. „Da wurden dann verletzte Hells Angels eingeliefert, es gab einen Anruf, dass jemand die Kosten für die Behandlung übernehmen würde. Manchmal gab es das jede Nacht.“

In die Notaufnahme statt zum Facharzt

Es ist vier Uhr morgens, alle Notfälle sind versorgt, in der Zwischenzeit kamen die Pfleger sogar kurz dazu, sich ein schnelles Essen zu gönnen. Das klappt nicht immer, der „Wahnsinn“ ist eben alltäglich in der Notaufnahme. Während die Ärzte zum Teil 21-Stunden-Schichten machen, ist für Jan Steinwedel-Jablonka, der um 19.15 Uhr angefangen hat, die Nacht um 5.15 Uhr, für die eine Stunde später gekommenen Andre Timmermann und Miriam Bütepage um 6.15 Uhr beendet. Wenn nicht doch wieder etwas passiert, dass sie nicht gehen lässt. Denn morgens ab acht Uhr füllt sich üblicherweise die Warteschlange in der Notaufnahme. Patienten, die keinen Termin beim Facharzt kriegen, wollen trotzdem versorgt werden.

Ein Kommentar:

Nicht immer alles sofort kriegen

Die Notaufnahme der Kliniken spiegelt natürlich nicht eins zu eins unsere Gesellschaft, weil gesunde Menschen sich eigentlich freiwillig nicht dort blicken lassen. Aber etwas spiegelt sich hier doch – zumindest zum Teil. Diese Ich-Gesellschaft, die es jenen schwer macht, die uns eine der wertvollsten Dienstleistungen geben, die wir bekommen können: unsere Gesundheit. Manchmal sogar unser Leben. 

Wer krank ist, wer verletzt ist, wer Schmerzen hat, muss medizinische Hilfe bekommen. Zu jeder Zeit, ohne Ansehen der Person und möglichst schnell. Dafür sind die Notaufnahmen da. Es geht eben um den Not-Fall. Eine Erkältung etwa kann man auch daheim auskurieren.

Ein Notfall ist ebenfalls nicht gegeben, wenn man nur keine Lust hat, länger auf einen Termin beim Haus- oder Facharzt zu warten. Wobei es natürlich auch ein Unding ist, dass man zum Teil monatelang auf einen (Facharzt-)Termin warten muss. Das Problem muss man aber politisch lösen und nicht, indem die Notaufnahmen zustopft. Eine Lösung zeichnet sich ja durch das Hausarzt-Klinik-Modell ab.

Auf gesellschaftspolitischer Ebene könnte jeder mal darüber nachdenken, was er anderen mit seinem Verhalten zumutet. Diese Ich-Gesellschaft voller Erwartungen, in der immer alles sofort zu kriegen und zu konsumieren sein muss, ist ohnehin ein Auslaufmodell.

Von Petra Rückerl

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