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Meine Stadt Nach tödlichem Schuss in der List: Polizei sucht weiter den Mörder
Hannover Meine Stadt Nach tödlichem Schuss in der List: Polizei sucht weiter den Mörder
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12:05 29.10.2019
In der Gorch-Fock-Straße erinnert nichts mehr an die dramatischen Ereignisse vor knapp zwei Wochen. Quelle: Priesemann
Hannover

Die Bluttat an der Gorch-Fock-Straße in der List ist gerade einmal zwei Wochen her. Doch nichts erinnert an der Bushaltestelle mehr an den tödlichen Schuss, der den 43-jährigen Mahmoud S. in den Oberschenkel traf. Der Vater lebte mit seiner Frau und seinen vier Kindern nur wenige hundert Meter entfernt im Hinrichsring. Keine Kerze oder Blume ist hier für das Opfer abgestellt worden – es sieht aus, als wäre nichts passiert.

Das Viertel mit seinen riesigen Hochhäusern nahe des Kanals passt gar nicht zu dem Bild, was der Durchschnitts-Hannoveraner von der List hat. Auf der Straße wird kaum Deutsch gesprochen, es gibt einen kleinen Supermarkt mit Lebensmitteln aus dem arabischen Raum. Hier wohnen nicht die Familien mit gesichertem Einkommen in ihrer Eigentumswohnung im Altbau. Nein, die Menschen hier haben nicht viel Geld, die Häuser sind trist. Auch Mahmoud S. war vor der Tat arbeitssuchend. Der gebürtige Libanese verdiente zuvor als Ladendetektiv und Türsteher sein Geld.

Die Ermittler suchen in der Tatnacht nach Hinweise auf den Täter. Quelle: Christian Elsner

Ein Polizeiauto fährt einmal um den Hinrichsring. Es verdeutlicht, dass die Beamten nach dem Mord ihre Präsenz erhöhen wollten. Bislang konnte die extra eingerichtete Mordkommission „Gorch Fock“ den Schützen noch nicht finden. Gegenüber den Ermittlern haben Zeugen ausgesagt, dass sie an diesem verregneten Sonntagabend gegen 21 Uhr erst einen Schuss gehört und dann gesehen haben, wie ein Mann geflohen sei. Der Täter wird als etwa 1,70 Meter bis 1,80 Meter groß beschrieben, sei schlank und habe kurzes sowie dunkles Haar. Sein Aussehen sei „südländisch“ gewesen, er soll hochdeutsch gesprochen haben.

Mord ist bei Anwohnern kein Thema mehr

Die Kugel traf Mahmoud S. in den Oberschenkel. In der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) verstarb er später. Die Obduktion hat ergeben, dass der Familienvater schwere Verletzungen davon getragen hat, die zum letztlich tödlichen Blutverlust führten, sagt Oberstaatsanwalt Thomas Klinge. Ein Anwohner kam kurze Zeit nach den Schüssen nach Hause, nur wenige Meter vom Tatort entfernt. „Da vorne an der Ecke ist es passiert. Die ganze Straße war voller Polizei“, sagt er.

Die Häuser am Hinrichsring sind teilweise heruntergekommen. Quelle: Katrin Kutter

Dass vor der eigenen Haustür Schüsse fielen, hat aber längst nicht jeder mitbekommen. Ein Mann und eine Seniorin hören zum ersten Mal davon. „Ich lese keine Zeitung“, sagt die Frau. Den Abend sei sie nicht zu Hause gewesen und auch beim Penny-Markt haben sie nicht gehört. Sie lebe erst seit fünf Monaten in der Gorch-Fock-Straße. Aufgehoben fühle sie sich hier noch nicht. „Ich kenne hier niemanden. Die Leute grüßen nicht einmal“, sagt sie. Abends im Dunklen fühle sie sich unsicher und bleibe lieber in ihrer Wohnung.

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Eine andere Seniorin hat von dem tödlichen Schuss gelesen, ein Gesprächsthema sei es in ihrer Nachbarschaft aber nicht. „Die Menschen sprechen hier nicht viel miteinander“, sagt sie. In dem kleinen Laden, der arabische Lebensmittel verkauft, ist das anders. Ein junger Mann kommt nur zum Klönen in den kleinen und engen Supermarkt. Doch auf die Frage, ob noch über den Mord geredet wird, reagiert ein Verkäufer zugeknöpft und angefasst. Er wolle zu diesem Thema gar nichts sagen – zumindest nicht zur Presse.

„Sowas kann überall passieren“

Bei einigen Anwohnern genießt die Nachbarschaft am Hinrichsring keinen guten Ruf. Ein junger Mann zeigt auf die kleineren Häuser in Richtung der Podbielskistraße: „Das ist die gute Seite.“ Und dann geht sein Blick zu den Hochhäusern. „Das ist die böse Seite.“ Trotz des Mordes fühle er sich aber sicher.

Einige der Bewohner im Hinrichsring haben von dem Mord vor ihrer Haustür nichts mitbekommen. Quelle: Katrin Kutter

Eine Seniorin denkt ähnlich über ihr Viertel. Sie wohnt auf der östlichen Seite des Hinrichsring. „Hier ist alles in Ordnung, aber auf der anderen Seite würde ich nachts nicht alleine spazieren wollen“, sagt sie. Dort sei schon häufiger was passiert. Vom Mord habe sie nur gelesen, großartig redeten die Menschen darüber nicht.

Ein Rentner sitzt mit einem Hund an einem Platz am Hinrichsring – auf der angeblich gefährlichen Seite. Seit mehr als 30 Jahren wohnt er in der Nähe und kennt sich hier aus. Vom Mord hat er natürlich was gehört, das Opfer kannte er nicht. Dass durch die Bluttat das Viertel um den Hinrichsring in Verruf gerät, ärgert ihn: „Ich lebe hier schon so lange und bin noch nie angeschossen worden. So etwas Schreckliches kann leider überall passieren.“

Von Sascha Priesemann

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