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Meine Stadt Nach Fall Özil: So fühlen sich die Deutsch-Türken in Hannover
Hannover Meine Stadt Nach Fall Özil: So fühlen sich die Deutsch-Türken in Hannover
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18:07 24.07.2018
Yusuf Kocaer erlebte Rassismus, fühlt sich aber wohl in Deutschland.
Yusuf Kocaer erlebte Rassismus, fühlt sich aber wohl in Deutschland. Quelle: Gilgen
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Hannover

„Wenn ich mich entscheiden müsste, dann für Deutschland“, sagt Metin Özkan. Der Deutsche mit türkischen Eltern ist hier aufgewachsen und fühlt sich in Deutschland wohl. Für Mesut Özils Rücktritt hat der 30-Jährige dennoch Verständnis. „Was da abgelaufen ist, war nicht in Ordnung“, findet Özkan. Anders als Özil könne er jedoch nicht von Rassismus berichten, den er ertragen müsse.

Die Meinungen unter den Menschen mit Migrationshintergrund gehen auch in Hannover weit auseinander. Die meisten haben eine klaren Standpunkt zu ihrer Beziehung zu Deutschland, viele wollen jedoch lieber anonym bleiben.

„Wenn man was Falsches macht, ist man nur der Ausländer“

Yusuf Kocaer sieht das anders, auch wenn er einiges zu kritisieren hat. Die Özil-Aussage, er würde als Deutscher gesehen, wenn er gut spielt und als Türke, wenn er schlecht spielt, kann der Mann aus Hainholz nur unterstreichen: „Wenn man was Schlechtes macht, wird man gleich in einen Topf geworfen. Dann ist man nur der Ausländer, obwohl man hier arbeitet, Steuern zahlt und somit auch für Deutschland was tut.“ Der 36-Jährige arbeitet bei einer Firma für Brand- und Wasserschäden. „Auch wenn man dort mal was falsch macht, fühlt man das einfach. Man wird zwar nicht direkt beleidigt, aber man fühlt, dass man ein bisschen ausgestoßen wird.“

Grundsätzlich – und das ist ihm wichtig, zu betonen – fühlt sich Yusuf Kocaer aber wohl in Deutschland. Er hat sogar gedient, war eine Zeit lang Teil der Bundeswehr. Dort habe er sehr positive Erfahrungen gemacht. „Ich habe das mit Liebe gemacht und dort wurde ich respektiert. Ich bin Muslim, bete und faste und bei der Bundeswehr stellte man mir dafür extra einen Gebetsraum zur Verfügung.“

Benachteiligungen oder schiefe Blicke seien aber nach wir vor Alltag. „Ich hatte neulich noch einen längeren Bart, da wird man direkt komisch angesehen. Meine Frau ohnehin. Sie ist überzeugte Kopftuchträgerin, sie macht das für sich, nicht weil ich das will. Trotzdem irritiert das die Leute.“

Özil erntet auch viel Kritik

Diese Erfahrung macht auch die 25-jährige Wafan Hamdan. Seit vier Jahren lebt die Syrerin in Deutschland, floh vor dem Krieg in ihrer Heimat. „Bis auf die Frage nach dem Kopftuch habe ich hier aber noch keine schlechten Erfahrungen gemacht. Ich fühle mich hier voll und ganz respektiert“, sagt sie in fast perfektem deutsch. Ihrer Meinung nach sei Özils Reaktion übertrieben.

Unterstützung bekommt die Elektrotechnik-Studentin von Sherzad Hassan, einem Deutsch-Iraker. „Wenn man sich hier nicht wohl fühlt, dann soll man einfach wieder weggehen“, fordert er. Özil trage selbst eine große Schuld am Umgang mit ihm. „Ich kann auch die Leute verstehen, die sich aufregen, wenn er die Hymne nicht mitsingt. Wenn er schon für Deutschland spielt, soll er das einfach machen.“ Durch den Text würde doch niemand diskriminiert, betont Hassan.

„Wenn man kein Bio-Deutscher ist, wird man anders gesehen“

Die Deutsch-Kurdin Barakaz Jihan lebt seit neuen Jahren in Hannover und genießt ihre Freiheiten in Deutschland. „Ich finde es gut, dass Männer und Frauen hier gleichgestellt sind.“ Doch viele Migranten äußern sich auch kritisch, wollen aber mit diesen Aussagen nicht namentlich oder mit Foto in der Zeitung stehen. Ein Mann, der seit vielen Jahren erfolgreich ein Geschäft in Hannover betreibt, erzählt: „In Deutschland kommt man einfach anders an, wenn man kein Bio-Deutscher ist. Das ist einfach so. Sei es in der Schule, auf dem Arbeitsmarkt – eigentlich in allen Bereichen. Das ist nicht in Ordnung und überhaupt nicht angenehm.“

Der Mann fürchtet aufgrund der immer stärker werdenden AfD auch um ein „gutes Zusammenleben.“ Trotzdem sagt er: „Die große Mehrheit der Leute ist in Ordnung“ Seine Beziehung zu Deutschland beschreibt er kurz und prägnant: „Ohne Deutschland – das geht nicht.“

Von Timo Gilgen