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Meine Stadt NP-Test: Wie hart ist der Job als Müllarbeiter?
Hannover Meine Stadt NP-Test: Wie hart ist der Job als Müllarbeiter?
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00:20 22.06.2019
SELBSTTEST: NP-Volontärin Josina Kelz möchte wissen, wie hart der Job als Müllwerker ist. René Renning und sein Team haben sie auf eine Plastikmüll-Tour in Neustadt mitgenommen. Quelle: Dröse
Neustadt

Es stinkt. Der Geruch von vergammelten Essensresten in weggeworfenen Konservendosen und Dingen, die nicht in den Plastikmüll gehören, steigt in meine Nase. Ich stehe hinten auf dem Trittbrett eines Müllwagens und gucke geradezu in den Schlund der gewaltigen Müllpresse des Lastwagens. Der Anblick des zerquetschten Mülls macht meine Übelkeit nicht besser.

„Ich rieche das gar nicht mehr, das ist Gewohnheitssache“, sagt mein heutiger Kollege René Renning (37), der seit zwei Jahren Müllarbeiter ist. Ich begleite ihn und seine dreiköpfige Crew auf einer Mülltour von Remondis in Neustadt am Rübenberge. Denn ich will wissen: Wie hart ist der Job der Menschen, die unseren Müll entsorgen?

Selbsttest: Trittbrettfahrerin für einen Tag. NP-Volontärin Josina Kelz probiert es aus. Quelle: Rainer Dröse

Ein paar Fakten: An manchen Tagen macht ein Müllarbeiter 30 bis 40 Kilometer zu Fuß. Und jeder von ihnen schleppt etwa drei Tonnen Müll. Jeden Tag. Renning macht sich eine Flasche Cola auf. „Zucker, wir brauchen viel Energie“, erklärt er. Ungefähr sechs Liter Flüssigkeit trinken die Arbeiter während einer Tour. „Und mittags pfeifen wir uns alles Essbare rein, was wir in die Hände bekommen“, so Renning.

Gern bei Wind und Wetter draußen, gut zu Fuß und kräftig? Mit dieser Beschreibung versucht Aha, weibliche Müllwerker zu gewinnen. Denn von 1950 Beschäftigten seien nur 250 weiblich – und diese arbeiten überwiegend in der Verwaltung.

Um die Frauenquote im Unternehmen zu erhöhen, hat Aha eine Kampagne namens „Megahappy“ gegründet. Ein Wortspiel, in dem der Name des Abfallwirtschaftsbetriebs steckt – und eine Arbeitsmotivation.

In der Stellenausschreibung heißt es entsprechend: „Du suchst im Job eine sportliche Herausforderung? Bist gut zu Fuß und kannst kräftig anpacken? Du bist gerne bei Wind und Wetter draußen und kommst mit einem lockeren Umgangston klar? Dann bist du die richtige Frau für uns.“

Es gibt bereits 60 Bewerberinnen.Interessentinnen können sich onlinehier bewerben: www.megahappy.de

Er und sein Kollege Kevin Adam (30) schwitzen alle Kalorien wieder aus. Es ist Sommer, die Sonne prallt auf die gebräunte Haut der Männer. „Winter ist unsere Lieblings-Jahreszeit“, so Adam. Die Temperaturen setzen auch dem Müll zu.

Sommer, 26 Grad: Das macht den Job für Kevin Adam nicht einfacher. Quelle: Rainer Dröse

Denn die Wärme beschleunigt das Verfaulen der Lebensmittelabfälle. Das stinkt – und bildet ein übelriechendes Kondenswasser in den Säcken. Und das spritzt beim Werfen der Säcke ins Gesicht der Müllwerker. Daraus entstehende Durchfallerkrankungen seien keine Seltenheit, so heißt es von Remondis-Dienstplanern.

Beim Werfen der Säcke spritzt den Müllarbeitern das Kondenswasser von vergärten Lebensmitteln ins Gesicht. Quelle: Rainer Dröse

Gesundheitlich gefährlich wird es für die Jungs auch, wenn sich scharfe Kanten von Konservendosen in den dünnen Säcken befinden. Renning hat sich erst vor ein paar Wochen daran die Hand aufgeschnitten, er kam ins Krankenhaus und musste genäht werden.

Mit einer korrekten Müllentsorgung erleichtert die Bevölkerung den Müllwerkern nicht nur ihren Job – sondern gewährleistet auch das Recycling des Plastikmülls.

In die gelben Säcke gehören nur Leichtverpackungen. Das sind Verpackungen aus Metallen wie Aluminium und Weißblech, Verbundstoffe wie Getränkekartons sowie Verpackungen aus Kunststoff.

Einer weiteren Gefahr setzt die Bevölkerung die Müllentsorger aus: indem sie ihren Abfall nicht korrekt trennen und Dinge in Plastiktüten werfen, die dort nicht reingehören. „Heute Morgen hatten wir erst eine tote Igelfamilie“, erzählt Dirk Pfannkuchen (48), Fahrer der Crew. Doch tote Tiere und Kot seien nur eklig – gefährlich wird es bei Säuren, Spraydosen und Batterien. In der Müllpresse explodieren diese schnell. „Uns sind deshalb schon zwei Lkw abgebrannt“, so Pfannkuchen.

In der Müllpresse ist Druck: Fälschlicherweise in den Plastikmüll geschmissene Batterien können durch den Druck explodieren und ein Feuer im LKW verursachen. Quelle: Dröse

Ihn ärgert die Ignoranz der Menschen. „Manchmal komme ich mir auch vor wie bei einer Ostereiersuche“, sagt er und schüttelt den Kopf. „Die Menschen stellen ihren Müll überall ab – aber nicht an der Straße. Und dann sind wir wieder die Bösen, wenn wir die Säcke nicht finden.“

Und tatsächlich werde ich Zeuge einer solchen Konfrontation. Pfannkuchen wird als „Affenarsch“ beschimpft, weil er einen Autobesitzer bittet, Platz für den Müllwagen zu machen. „Warum verstehen die Leute es nicht? Wenn wir nicht durchkommen, kommt die Feuerwehr im Notfall auch nicht durch“, schimpft Pfannkuchen. „Manche gehen meinen Jungs auch an den Kragen – dann versuche ich zu schlichten.“

Der Fahrer ist so etwas wie der Crew-Papa. „Ich passe auf meine Jungs auf. Ich möchte, dass sie nach der Tour gesund zurück zu ihren Familien kommen“, so Pfannkuchen. Um 15 Uhr ist die Tour vorbei. Und ich am Ende meiner Kräfte. Ich will duschen. Aber nicht bevor ich meinen heutigen Kollegen meinen Respekt ausspreche. Denn ich darf morgen wieder in meinem sauberen Büro sitzen. Und während ich noch schlafe, stehen die Männer um 6 Uhr morgens wieder auf dem Trittbrett.

Ein harter Job, findet Josina Kelz. Quelle: Rainer Dröse

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Von Josina Kelz