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NP-Serie Kabinettsrunde Wie ernähren wir uns gesünder, Frau Otte-Kinast?
Hannover Meine Stadt NP-Serie Kabinettsrunde Wie ernähren wir uns gesünder, Frau Otte-Kinast?
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00:16 21.06.2018
Barbara Otte-Kinast mit den NP-Redakteuren Mandy Sarti und Dirk Altwig. Quelle: Wilde

Frau Ministerin, Sie sind ein gutes halbes Jahr in der Landespolitik. War das für Sie die richtige Entscheidung?
Für mich war das die richtige Entscheidung. Ich war ja bereits vorher in der Politik – seit 2004 im Kreistag und zu Hause stellvertretende Bürgermeisterin. Daher kannte ich den politischen Betrieb schon recht gut, und ich freue mich jetzt über meine Aufgabe.

Auf Ihrem eigenen Milchviehbetrieb treten Sie nun sicher kürzer, vermissen Sie die Arbeit?
Bis zur Amtsübernahme war ich 25 Jahre auf dem Milchviehbetrieb meines Mannes eingebunden – das nennt man offiziell mitarbeitende Familienangehörige. Ich habe den Ausbildungsbetrieb mit aufgebaut. Bei uns wohnten immer die Azubis auf dem Hof. Das bedeutet einen Tisch voller junger und alter Menschen, und das fehlt mir schon manchmal. Dieses Zusammenspiel von Familie und Arbeit habe ich sehr geschätzt. Jetzt werde ich morgens abgeholt und fahre in die Stadt. Das ist ein ganz anderes Leben.

Freuen Sie sich da, am Ende des Tages wieder nach Hause zu kommen?
Mein Job ist sehr spannend und eine große Herausforderung, ich sehe viel von Niedersachsen und bin oft nicht vor Mitternacht zu Hause. Wenn ich aber bei Tageslicht nach Hause komme, dann freue ich mich einfach, vom Stadtleben wieder aufs Dorf zurückzukommen. Dann sitze ich manchmal barfuß auf dem Rasen, um mich herum sind Kühe und Kälber, und genieße den Sonnenuntergang.

Was gefällt Ihnen am neuen Amt am besten?
Alle Menschen im Land Niedersachsen gucken: Was macht dieses Ministerium? Denn wir sind für ganz viele verschiedene Bereiche zuständig. Ich bin unter anderem eine Ministerin für die Landwirte, Jäger und Fischer. Ich bin Verbraucherschutzministerin und kümmere mich um den Bereich gesunde Ernährung. Auch der Umwelt-, der Klima- und der Tierschutz spielen eine große Rolle. In ganz vielen Bereichen bin ich zuständig für die Menschen – das ist eine unheimlich tolle Aufgabe!

Sie selbst führen einen Familienbetrieb. Wie sieht die Zukunft der Landwirtschaft für solche Betriebe aus?
Ich möchte gerne die Familienbetriebe unterstützen. Es gibt sie in Niedersachsen noch in großer Zahl, aber die Strukturen verändern sich. Denn eine Familie möchte so aufgestellt sein, dass Work-Life-Balance auch in der Landwirtschaft möglich ist. Wenn der Betrieb nicht die Größe hat, dass man eine Mitarbeiterin oder einen Mitarbeiter beschäftigen kann, ist man nämlich sieben Tage die Woche für seine Tiere oder sein Land im Einsatz. Wir brauchen Betriebsstrukturen, die es möglich machen, dass man auch mal krank sein, ein freies Wochenende genießen oder mit der Familie Urlaub machen kann.

Wie sehen Sie da Ihre Rolle?
Ich werde mich bei der aktuellen Neuausrichtung der europäischen Agrarpolitik dafür einsetzen, dass die Landwirtschaft nicht zu kurz kommt. Anders als in den neuen Bundesländern gibt es in Niedersachsen wenig Großbetriebe, sondern viele familiengeführte Höfe. Das soll auch in Zukunft so sein.

Ist ökologische Landwirtschaft für Familienbetriebe eine Chance, sich besser aufzustellen?
Es ist eine Möglichkeit. Daher fördern wir in Niedersachsen mit erheblichen Mitteln die ökologische Landwirtschaft. Aber jeder Betriebsleiter muss für sich die Entscheidung treffen, was ihm Spaß macht und ihm gut tut und womit er sein Geld verdienen möchte. Die Betriebe in der ökologischen Landwirtschaft haben gute Entwicklungsmöglichkeiten. Das sieht man schon daran, dass „Bio“ schon lange kein Nischenphänomen mehr ist.

Ließe sich Deutschland komplett mit Produkten aus ökologischer Landwirtschaft ernähren?
Nein, wir brauchen auch die konventionelle Landwirtschaft, um die Märkte zu bedienen. Bei dem großen Bedarf an Lebensmitteln werden wir die Menschen in Deutschland und Europa nicht ausschließlich mit ökologischer Landwirtschaft ernähren.

Weil es zu teuer ist?
Das müssen wir trennen. Einerseits ernten wir auf den ökologisch bewirtschafteten Flächen oft nicht die Mengen, die wir brauchen, um alle Menschen satt zu bekommen. Und andererseits ist der Mehraufwand bei der Erzeugung auch mit Mehrkosten verbunden. Wir müssen die Ernährung der gesamten Bevölkerung sichern. Das heißt: Jeder muss essen können, was er essen möchte, und sollte es auch bezahlen können.

Zum Thema Bezahlung hat Bundes-Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) gesagt, dass es keine Frage des Geldbeutels sei, sich gesund zu ernähren. Was halten Sie von dieser Aussage?
Das Wissen um gesunde Ernährung muss bei den Menschen ankommen. Ich verfolge die Linie, dass wir die Menschen in unserem Land dazu befähigen müssen, entscheiden zu können: Was tut mir gut? Was ist gesund? Dieses Wissen ist verloren gegangen. Wir müssen mehr Ernährungswissen vermitteln, aber auch über Wertschätzung von Ernährung und Lebensmitteln sprechen. Wir müssen wieder lernen, das Geld beim Einkauf gut einzusetzen.

Zu lernen, mit dem Geld geschickt einzukaufen, ist das eine. Aber was ist, wenn das Geld gar nicht erst für gesunde Lebensmittel da ist?
Die Menschen müssen wissen, dass es ganz einfach und oft auch preiswerter ist, sich gesund zu ernähren. Ich kann in einen Naturjoghurt einen Apfel und eine Banane hineinschneiden und habe ein gesundes Essen. Ich kann mich aber auch für die Fertigprodukte entscheiden. Für die Produkte zahle ich aber am Ende noch ordentlich Geld für die Werbung. Dabei lässt sich mit kleinem Geld gesundes Essen kochen, aber das wissen viele Menschen leider nicht mehr.

Also beeinflusst die Werbung uns bei der Entscheidung, gesunde Lebensmittel zu kaufen?
Ja, die Werbung suggeriert, dass wir glücklich werden, wenn wir bestimmte Produkte essen. Die sind aber häufig viel teurer als die Dinge, die wir uns selbst zubereiten können und die gesünder sind. Auch mit einem kleinen Geldbeutel kann ich mich gut ernähren.

Kinder werden immer dicker. Lebensmittelverbände setzen sich für eine Zuckersteuer ein oder sogar dafür, dass die Mehrwertsteuer bei gesunden Lebensmitteln entfällt. Was halten Sie davon?
Wir müssen dahin kommen, dass die Menschen wissen, wie viel Zucker wirklich in den Produkten ist. Jeder kann das zwar jetzt schon durch die Nährwerttabellen sehen. Das reicht aber nicht, weil es kaum jemand tut. Wenn wir das noch besser erklären, dann ist jeder für sich selbst verantwortlich und kann entscheiden, ob er sich gesund oder eher krankmachend ernähren möchte. Und bei Kindern stehen die Eltern in der Verantwortung. Mal etwas Süßes schadet nicht – aber es muss im Rahmen bleiben.

Kinder haben aber ein Problem. Sie können nur bedingt selbst entscheiden, sie sind ja abhängig von ihren Eltern ...
Man muss das Kind anders schützen – auch vor der Werbung. Damit befassen wir uns auch auf Bundesebene bei der Verbraucherschutzministerkonferenz. Lebensmittel, die Kinder gerne essen, werden häufig witzig beworben. Aber das sind genau die Lebensmittel, in denen viel Zucker oder Fett steckt. Kinder entscheiden schon mit, was sie essen wollen. Aber die Eltern sollten im Interesse der Kinder manchmal auch standhaft bleiben und dürfen sich nicht „weichklopfen“ lassen.

Neben gesunder Ernährung geht es vielen Menschen auch um den Tierschutz. Spielen da Siegel eine Rolle?
Ja, wir benötigen ein bundeseinheitliches Label, das über die Haltung des Tiers Auskunft gibt. Wichtig ist, dass das Label klar sichtbar auf der Verpackung zu erkennen ist und der Verbraucher danach bewusst seine Entscheidung treffen kann.

Anfang des Jahres haben Sie sich vom Tierschutzplan verabschiedet. Warum?
Ich habe mich nicht verabschiedet, sondern entwickle ihn weiter. Es war ein guter Plan, der über sieben Jahre lief und 2018 beendet war. Wir werden ihn jetzt ausbauen zu einer niedersächsischen Nutztierstrategie. Es wird ein Arbeitsprogramm mit klaren Zielen und Maßnahmen erstellt werden. Beim Tierschutz legen wir übrigens noch eine Schippe drauf: Wir werden uns intensiv um Fragen rund um das Schlachten und Tiertransporte kümmern – das geht weiter als bisher.

Worauf kommt es bei Tiertransporten in Zukunft an?
Wir müssen zum Beispiel dafür Sorge tragen, dass die Transporte zur nächst gelegenen Schlachtstätte möglichst kurz sind. Auch das Einfangen von Masthähnchen für den Transport zum Schlachthof möchte ich zusammen mit allen Beteiligten noch weiter verbessern.

Ein großes Thema im Tierschutz ist auch das „Kükenschreddern“. Ist jetzt in Niedersachsen wirklich mit einem Ende zu rechnen?
Der Ausstieg aus dem Töten männlicher Eintagsküken muss zügig vorangetrieben werden. Derzeit gibt es verschiedene Projekte, mit deren Hilfe die Praxisreife der beiden zielführendsten Verfahren getestet wird. Nach den Pressemitteilungen des Zentralverbands der Geflügelwirtschaft könnten erste Geräte ab Ende des Jahres in den großen Brütereien stehen. Inzwischen gibt es Signale aus den Projekten, dass sich der routinemäßige Einsatz in der Praxis noch etwas hinauszögern wird. Nichts desto trotz muss der Ausstieg so schnell wie möglich erfolgen!

Barbara Otte-Kinast

*18. September 1964 in Ehmen (Niedersachsen). Barbara Otte-Kinast machte nach ihrem erweiterten Realschulabschluss eine Ausbildung zur Ländlichen Hauswirtschafterin. Nach ihrer Heirat 1991 arbeitete sie als Familienangestellte auf dem Milchhof ihres Mannes in Bad Münder. Seit 2004 ist sie Mitglied des Kreistages des Landkreises Hameln-Pyrmont und seit 2017 Mitglied im Stadtrat von Bad Münder. Vor der Landtagswahl 2017 wurde Otte-Kinast von Bernd Althusmann (CDU) in sein Schattenkabinett berufen. Seit November ist sie Ministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz im Kabinett Weil. Die CDU-Politikerin ist Mutter von einer Tochter und zwei Söhnen.

Von Dirk Altwig und Mandy Sarti