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NP-Serie 50 Jahre 68er Timm Ulrichs: Viel Kunst, Hasch und Happenings
Hannover Meine Stadt NP-Serie 50 Jahre 68er Timm Ulrichs: Viel Kunst, Hasch und Happenings
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18:13 06.06.2018
Timm Ulrichs heute in Hannover Quelle: Steiner
Hannover

Das sind diese Ideen, die Höheres verdient haben: Wenn man nach durchkiffter Nacht sich morgens erhebt und seinem Hasch-Kumpel mit dröseligem Kopf erklärt, jetzt gehe man erstmal seine „Praxis“ aufmachen. Der Mann ist aber kein Arzt, sondern Künstler. Heißt Timm Ulrichs – und so wird seine „Kunstpraxis. Sprechstunden n. Vereinbarung“ zu einer frühen Kunstaktion des hannoverschen „Totalkünstlers“.„Das Leben als Experiment“ – das war für Ulrichs das Motto für ’68, wie er heute sagt. Dazu gehörten Drogen. Und die dazugehörigen Hausdurchsuchungen. „Da lag der Stoff bei mir noch auf dem Tisch, aber man hatte das Gefühl, die wollten nichts finden.

“Wie die Staatsgewalt auf den subversiven Künstler gekommen ist? Durch auffällige Aktionen am Staatstheater. Da gab’s ein Stück mit dem bezeichnenden Titel „Magic Afternoon“, bei denen Ulrichs die Proben sah – und seine volle Kompetenz zur Verfügung stellte: „Die torkelten auf der Bühne herum wie besoffen – da habe ich gesagt, Kinder so geht das nicht, und alle zu mir eingeladen, Monika Bleibtreu hat bei mir auf dem Teppich gesessen und ein Pfeifchen geraucht – danach konnten sie es lebensechter spielen.“

Die besten Ideen mit klarem Kopf

Seine Kreativität hat Ulrichs durch Drogen allerdings eher selten gefunden: „Die besten Ideen kommen doch mit klarem Kopf.“ Wie die ersten Aktionen mit Zeitungskunst – wo Timm Ulrichs per Annonce seine Heirat mit der imaginären Kurt-Schwitters-Muse Anna Blume bekannt gab.Aber so richtig leben von der Kunst konnte Timm Ulrichs am Anfang noch nicht. „Ich habe Softeis am Steintor verkauft.“ Gewohnt erst in einer unübersichtlichen WG in der Ferdinand-Wallbrecht-Straße („Mit sechs Frauen, nie wieder“) und dann in einem Abbruchhaus an der Stelle, wo heute das Bredero-Hochhaus steht. Und nebenbei ein erstaunliches Lebenswerk begonnen – von dem Bestandteile zuletzt vom Pariser Centre Pompidou angekauft wurden.

Studiert hatte Ulrichs (geboren 1940 in Berlin) in Hannover von 1959 bis 1966 Architektur – dann abgebrochen. Wie wird man dabei rebellischer Künstler? Durch Rock’n’Roll. Das war (und ist) seine Musik, Chuck Berry, Bill Haley, „One, two, three o’clock...“ Der „Street fighting Man“ von den Rolling Stones brachte es einfach nicht, vielleicht Creedance Clearwater Revival. Aber ein Song sollte schon unter zwei Minuten dauern: „Mehr dulde ich nicht.“

Dada, Hausmann, Schwitters als Vorbilder

Soul war natürlich auch noch klasse. Wenn er einen Song für ’68 finden sollte, der alles umfasst? Von den Chambers Brothers mit dem bezeichnenden Titel „Time has come today“Und die Zeit von Timm Ulrich kam dann auch ziemlich schnell und war eigentlich nie vorbei – er hat Kunstrichtungen wie Body Art, Konzeptkunst, Neo-Dadaismus, Kunst im öffentlichen Raum, Buchkunst durch teils prägende Werke bereichert – was seine letzte große Ausstellung 2011 im Sprengel Museum unterstrich. Witziger Titel: „Betreten der Ausstellung verboten“ – was dann 20 000 Besucher freundlich ignorierten.

Künstlerische Vorbilder war die Dada-Bewegung, waren Raoul Hausmann und Kurt Schwitters – als das alles noch nicht cool war. Und solche Aktionen hätten noch jeden Dadaisten erfreut, als Ulrichs mit dunkel getönter Brille, Blindenstock über eine Kunstmesse stolperte und ein Schild um den Hals hatte: „Ich kann keine Kunst mehr sehen.“ Oder die Sache mit dem Blitzableiter, nackig über ein freies Feld laufen mit einer großen, gen Himmel gereckten Metallstange – und das bei Gewitter.

Voller Energie: 68 war auch ein Aufbruch der Bildenden Kunst, Happening hieß das Zauberwort. Wolf Vostell war der Obermagier. Und Joseph Beuys. Bei einem war Timm Ulrichs mittelbar dabei. Dank der hannoverschen Fotolegende Heinrich Riebesehl, der damals auch für die NEUE PRESSE arbeitete. In Aachen stieg das Hochamt, Beuys zauberte mit seinen urigen Materialen auf dem Podest, Säure gehörte dazu, die spritzte einem Beteiligten auf die Hand, Aua. Es gab einen Schlag mit der Faust auf die Nase von Beuys. Blut. Beuys riss geistesgegenwärtig ein Kruzifix in die Höhe, Riebesehl drückte auf den Auslöser – und es entstand diese schwarzweiße Ikone der damaligen Kunst.

Hannover als Kurt-Schwitters-Stadt

Es ging auch stressfreier: Zu solchen Aktionen gehörte die Versuch eines neuen Namens für die Stadt Hannover. „Wir wollten das ein bisschen wie Karl-Marx-Stadt machen – Hannover sollte umbenannt werden in Kurt-Schwitters-Stadt.“ Mit Petition und Unterschriftenlisten. Hat aber nicht geklappt, wie man heute weiß.

Kunst, Proletariat und Weltrevolution gingen schon immer schwer zusammen. Ob er Demos durch seine Gegenwart geadelt hatte? „Klar, bei einer Rote-Punkt-Aktion vor dem Bahnhof war ich dabei, meine Freundin damals hat auch ihr Fäustchen machtvoll geballt, ich habe mir im Bahnhof ein paar Berliner gekauft.“ Das habe aber nichts mit Elitebewusstsein oder ähnlichem zu tun. „Ich habe grundsätzlich etwas gegen Aufmärsche. Weil es nichts bringt außer einer wohligen Selbstvergewisserung.“

Und mit Mao und Kommunismus wollte er auch nichts zu tun haben, immerhin hatte Ulrichs die Studentenzeitschrift „Konkret“ abonniert. Dietrich Kittner habe ihn immer lustvoll politisch von links beschimpft – als sie in der Bödeckerstraße mal Nachbarn waren. „Ich hatte mir diese ganzen politischen Theorien angeguckt, zur Kenntnis genommen – aber diese Rabiatheit nie richtig verstanden.“

Der lange Marsch durch die Institutionen führte Timm Ulrichs über Lehraufträge an der Kunstuni Braunschweig zu einer lebenslangen Professur („die hat mich gerettet“) in Münster, weil seine Kunstaktionen in die Zeit passten – der Marxistische Studentenbund (MSB-Spartacus) hatte sich für die Berufung eingesetzt. „Ich hatte lange Haare und war ein bisschen ungepflegt, das qualifizierte.“ Selbstironie ist eine der sympathischen Eigenschaften von Timm Ulrich, der immer noch auf einem Augenlid ein prägnantes Tattoo trägt. Die Haut ist nach Jahrzehnten schon ein wenig runzelig, aber man kann es immer noch lesen: „THE END“.

Klassenschranken überwinden

Und als Künstler kann man auch die Klassenschranken überwinden, das hat Ulrichs erfahren. Sogar bis hin zur reichsten Bourgeoisie. Ein Spross der Albrecht-Familie (Aldi Süd) konnte sich gar nicht mehr einkriegen und war hochinteressiert an einer speziellen Ulrichs-Arbeit für das Münchner Haus der Kunst mit dem unverdächtigen Titel „Verborgenes Objekt III“. Und das entstand so: Wandverputz im Quadrat aufgestemmt, zwei 500-Euro-Scheine feinsäuberlich hineingesetzt ­ zugemörtelt ­ ordentlich geweißelt. „Unglaublich, ein Milliardär, und wird ganz feucht, weil man so mit Geld umgeht.“

Seit Jahren weisen die Steuererklärungen von Timm Ulrichs keinen Gewinn aus. Geld ist ihm nicht so wichtig. Dafür anderes.Vor einigen wenigen Jahren hat Timm Ulrichs noch einmal geheiratet. Zur Hochzeit spielte per Cassettenrecorder Chuck Berry auf. Nein, nicht die wilden Sachen. Sondern „You never can‘t tell“. Darin geht es um... eine Teenage-Hochzeit. Es ist auch eine Kunst, wenn man sich die Freude an sowas bewahren kann.

Von Henning Queren