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NP-Serie 50 Jahre 68er Glockseeschule heute: Mit Atemübungen durch den Tag
Hannover Meine Stadt NP-Serie 50 Jahre 68er Glockseeschule heute: Mit Atemübungen durch den Tag
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00:21 07.06.2018
Im SitzKREIS: In der „Zicke-Zacke“-Gruppe lernen Kinder der Klassen eins bis drei gemeinsam. Der Tag beginnt mit der Klassenversammlung.
Hannover

Manche Schüler der „Zicke Zacke“-Gruppe spielen um 8.30 Uhr mit einem Softball vor dem Klassenraum, andere haben sich bereits mit Lehrerin Melanie Baie in einem Sitzkreis zusammen gefunden und singen, wieder andere liegen auf dem Boden und blättern in einem Buch. Der offene Anfang des Schultages an der Glockseeschule ist ein zentrales Ritual. „Wir wollen die Kinder in Ruhe ankommen lassen“, sagt Schulleiter Holger Braun. „Manche sind sehr aufgedreht, die kommen erst einmal runter, andere sind noch verschlafen, die werden jetzt wach.“

Um neun Uhr haben sich alle 22 Kinder in den Sitzkreis eingereiht, die Klassenversammlung beginnt mit einer Atemübung. Eine Minute lang zählen die Schüler ihre Atemzüge, manche schließen die Augen, andere gähnen, ansonsten ist es mucksmäuschenstill. „Wer hat einen ruhigen Atem gehabt?“, fragt Melanie Baie anschließend, oder: „Wer fühlt sich jetzt ruhiger?“. Viele Finger schießen in die Höhe.

In der folgenden Runde kann jedes Kind sagen , was es heute schön oder blöd findet. Ein Mädchen findet es schön, dass es sein Kuscheltier dabei hat, das ausgiebig gestreichelt wird. Ein Junge findet es blöd, dass er keinen Pullover, sondern ein T-Shirt trägt, für doof wird außerdem befunden, dass gestern der Nachbarskater geblutet hat. Jeder darf ausreden, wer Fragen zu einem Beitrag hat, hebt die Hand.

Die „Zicke-Zacke“-Gruppe besteht aus Kindern der ersten bis dritten Klasse, auch die Klassen vier bis sechs sind an der Glockseeschule jahrgangsübergreifend zusammengesetzt. „Nicht alle Achtjährigen brauchen das gleiche Angebot“, erklärt Schulleiter Braun den gruppendynamischen Ansatz. „Wir machen den Schülern Angebote. Was sie wann lernen, entscheiden sie selbst. Die Lehrer begleiten diesen Prozess, bei dem der eine Schüler mehr, der andere weniger Unterstützung braucht.“ Auch das Lerntagebuch, in dem die Schüler ihre Arbeitsschritte protokollieren, hilft bei dieser Form des selbstständigen Lernens.

„Lernzeit“ steht jetzt auch für die „Zicke-Zacke“-Gruppe an. Jedes Kind berichtet Melanie Baie, was es für die nächsten Stunden plant – sich gar nichts vorzunehmen oder einfach nur zu spielen, ist heute keine Option mehr. Einige organisieren sich in Grüppchen, um Matheaufgaben zu lösen, andere machen Wortschatzübungen oder lesen, die Lehrerin schaut, wer Fragen hat.

„Wir interessieren uns für das Individuum“, sagt Braun. „Wir schauen, was jedes Kind mitbringt und würdigen das. Das Kind soll sich nicht an die Institution anpassen müssen, sondern umgekehrt“, formuliert er eine Grundidee der Glockseeschule. Die Unterschiede zu den frühen Jahren sind dennoch deutlich. „Das Radikale des Anfangs war nötig“, glaubt der 52-Jährige, „Reförmchen hätten nichts gebracht.“ Viele Postulate aus den 70er Jahren hätten sich aber längst überholt. „Bei Konflikten lassen wir die Kinder nicht allein“, betont Holger Braun. „Erwachsene müssen eine Haltung haben und zur Not auch eingreifen.“

Eine Eigenart sei wesentlich für die Schule mit dem etwas anderen pädagogischen Konzept: „Sie entwickelt sich immer weiter.“ Tatsächlich wird gerade an der nächsten Glocksee-Reform gefeilt: „Wir möchten auch die Klassen sieben bis zehn jahrgangsübergreifend mischen, das Lernen auch in diesem Altersbereich individualisieren“, kündigt Holger Braun an. Ein Plan, der bei Teilen der Schüler und Eltern Skepsis hervorruft. „Wir werden das noch ausgiebig diskutieren“, kündigt Braun an.

Manches ändert sich eben auch an der Glockseeschule nicht.

Von Julia Braun

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