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NP-Serie 50 Jahre 68er Glocksee: Als eine neue Idee Schule machte
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00:21 07.06.2018
REISE IN DIE VERGANGENHEIT: Für die Serie besuchte NP-Redakteurin Julia Braun die Glockseeschule von heute. Als Sechsjährige wurde sie an der Reformschule eingeschult (kleines Foto) – zwei Jahre, nachdem sie gegründet worden war. Quelle: Fotos: Wilde (3), privat, Archiv, Glockseeschule
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Wie sollte Schule nach den gesellschaftlichen Umwälzungen von 1968 funktionieren? Die Antwort derer, die daran mitarbeiteten, dass 1972 in dem ehemaligen Fuhramt an der Glockseestraße die Glockseeschule entstand, war eindeutig. Anders.

Es war eine mutige, trotzige und in mancher Hinsicht visionäre Idee, aus der – von der eigenen Schulzeit erschütterte – Eltern, Lehrer und Wissenschaftler die Schule erfanden, die anfangs „Schulversuch“ hieß. Frontalunterricht, nachsitzen, in der Ecke stehen: Alle Kennzeichen des autoritären Lehrbetriebs wurden abgeschafft. Glocksee war maximal anders. Es gab keinen Stundenplan, keine Zeugnisse, keinen Pausengong. Die Teilnahme an den Angeboten der Lehrer war freiwillig; Wer wollte, ließ sich vorlesen statt lesen zu lernen, spielte Gitarre, Fußball oder in den halb kaputten Autos der Werkstatt, die sich neben dem Unabhängigen Jugendzentrum Glocksee auf dem Gelände angesiedelt hatte. Glocksee war Abenteuer. Und manchmal abenteuerlich.

„Selbstregulierung“ hieß die Prämisse, unter der wir unsere große Freiheit geschenkt bekamen. Kinder sollten sich auf der Glockseeschule ohne Druck ausleben können, selbst entscheiden, was sie lernen wollen und wann. Eine große Aufgabe für kleine Menschen, die höchst unterschiedlich gelöst wurde. Noch anspruchsvoller war für viele Schüler, dass wir auch unsere Konflikte „selbst regulieren“ sollten. Gab es Streit, hielten sich die Lehrer ausdrücklich zurück. Wir sollten alleine lernen, Lösungen zu finden. Fanden wir meist schnell: Der mit der größeren Klappe hatte recht. Wieso hätte das bei uns auch anders laufen sollen als bei anderen Kindern?

Dass wir anders waren, merkten wir im Kontakt mit Kindern von „normalen“ Schulen. „Wie – ihr duzt eure Lehrer? Woher wisst ihr, ob ihr gut seid, wenn ihr keine Noten kriegt? Lernt ihr da überhaupt was?“ Das waren Fragen, auf die wir nicht immer Antworten fanden. Auch die häufigen Besuche von Reportern und Fotografen, etwa von „Stern“ oder „Brigitte“, in unserer Schule machten uns unsere Andersartigkeit klar. Das war aufregend, aber auch verwirrend. Schließlich war diese Welt ja unsere normale Welt.

Eine Welt übrigens, in der die einzige autoritäre Person von uns Kindern abgöttisch geliebt wurde. Der Hausmeister an unserer Schule, an der Erwachsene keine Nachnamen zu haben schienen, hieß Friedel. Bei Friedel kauften wir Waldmeistersaft und Kakao oder durften mittags zuhause anrufen. Sein Hausmeisterzimmer wurde auch Zufluchtsort, wenn uns die Jungs zu ausdauernd ärgerten. Hatten wir uns aber lange genug bei ihm herumgedrückt, schnappte uns Friedel wie Welpen im Nacken und schob uns vor die Tür.

Ansonsten setzte Glocksee selten Grenzen, und doch fanden Kinder und Konzept näher zueinander. Immer häufiger nutzten wir die Möglichkeit, Themen für die Glocksee-typischen Projektarbeiten anzuregen. Als wir in der 5. Klasse mit „AKW? Nee!“-Buttons an unseren Jeansjacken durch die Straßen liefen, stießen wir immer wieder auf ältere Leute, die uns wütend bepöbelten: Wir Rotzlöffel wüssten doch gar nicht, wovon wir redeten. Daraus entstand unser „Energie-Projekt“.

In den folgenden Wochen besichtigten wir ein Kohlekraftwerk, bauten Sonnenkollektoren und bekamen die komplexen Vorgänge der Kernspaltung erklärt. Das war keineswegs Unterrichtsstoff der 5. Klasse, doch wir begriffen die physikalischen Abläufe in einem Atomkraftwerk, weil wir es wollten. Und bei der nächsten Pöbelei auf der Straße Argumente haben würden. Ganz nebenbei hatten die Lehrer zahlreiche Schulfächer in einem Projekt vereinen können – ein Grundgedanke der Reformpädagogik, der längst Schule gemacht hat.

Seine Schulzeit wird jedes Glockseekind anders erlebt haben. Eine kollektive Erinnerung aber mag es geben. Eine halbe Stunde, bevor uns die drei Schulbusse abholten, versammelten wir uns am Ausgang, Lehrer Dieter kam mit seiner Gitarre, und wir sangen. Oft den „Baggerführer Willibald“, immer den „Cowboy Jim aus Texas“, dessen acht Strophen jedes Glockseekind im Schlaf beherrschte.

Für uns war damals nach der 6. Klasse Schluss mit Glocksee. Wir lernten eine andere, größere Welt kennen: die der IGS Linden, in der wir uns meldeten, bevor wir sprachen, Diktate schrieben und manche Lehrer sogar siezten. Wir lernten anders – und auch andere Dinge. Etwa, was es bedeuten soll, in der Pause einen Zettel mit der Frage „Willst du mit mir gehen?“ zu bekommen. Derlei Kommunikationsrituale der pubertierenden Generation hatten sich in unserer Oase noch nicht herumgesprochen. Heute verlassen die Schüler die Glocksee nach der 10. Klasse Richtung Abitur oder Ausbildung, die allermeisten mit dem erweiterten Sekundarabschluss, wie Schulleiter Holger Braun betont.

Die Schule ist reicher geworden. An Schüler- und Lehrerzahl und an Erfahrung. Immer noch erleben Glockseeschüler eine große pädagogische Freiheit, immer noch wird auf individuelle Lernangebote viel Wert gelegt. Schüler sollen auch heute noch lernen, sich selbst zu organisieren – das Postulat der Selbstregulierung hat sich aber deutlich relativiert.

Eines war Glocksee allerdings von Anfang an und wird es glücklicherweise auch immer bleiben. Anders.

Von Julia Braun

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