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NP-Serie 50 Jahre 68er Geisteswissenschaftler bringen frischen Wind in die Hochschule
Hannover Meine Stadt NP-Serie 50 Jahre 68er Geisteswissenschaftler bringen frischen Wind in die Hochschule
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00:21 07.06.2018
LETZTE SPUREN: Vieles hat sich an der Uni geändert. Nur das oft umkämpfte Graffiti erinnert an die Aufbruchstimmung. Quelle: Florian Petrow
HANNOVER

Im Treppenhaus des Gebäudes Schneiderberg 50 wird der Geist von 1968 für einen kurzen Moment sichtbar. Über der Tür zum Flur zieht ein Zitat von Peter Brückner – „Der sich Mäßigende setzt Fett an...“ – wohl nur wenige Blicke auf sich. Mehr Beachtung findet zweifellos das wandgroße bunte Graffiti im Stil des Karikaturisten Gerhard Seyfried, ein bisschen Anarcho-Pop in dem ansonsten eher trübsinnig stimmenden, von Studenten früher ironisch „Vergnügungsgebäude“ genannten Universitätsbau. Noch heute sitzt hier das Institut für Politische Wissenschaft, damals mit der Soziologie eine Art Zentrum der Studentenbewegung in Hannover.

Heiko Geiling, Jahrgang 1952, hat noch immer ein Büro in diesen Fluren. Inzwischen im Ruhestand arbeitet der Politikwissenschaftler weiter in einem Forschungsverbund zum kulturellen Erbe an den Themen Fußball- und Kleingartenvereine. „Alltagsgeschichte, die heute kaum noch im Blick der Forschung ist“, sagt er.

1968 war Geiling noch Schüler. Doch schon wenig später schnupperte er als angehender Abiturient die studentenbewegte Luft politischer Seminare in der Fakultät für Geistes- und Sozialwissenschaften. Die war von dem späteren Kultusminister Peter von Oertzen gegründet worden. Der SPD-Linke war 1963 auf den neuen Lehrstuhl für politische Wissenschaften an die damals noch Technische Hochschule Hannover berufen worden.

„Er hatte mit 15 Studenten im Üstra-Gebäude am Clevertor angefangen“, berichtet Geiling. „Das reichte natürlich nicht, um Politikwissenschaftler über den Lehrerbedarf hinaus zu produzieren.“ Er habe die Hochschulleitung von der Notwendigkeit einer Fakultätsgründung überzeugen können, die letztlich auch Voraussetzung war, dass aus der Hochschule eine Universität werden konnte.

Die neue Fakultät des linken Wissenschaftlers, zunächst an der Wunstorfer Straße gelegen, habe deutschlandweit Anziehungskraft entwickelt. Viele interessante Leute seien nach Hannover gekommen. Junge Wissenschaftler wie Peter Brückner, Oskar Negt, Jürgen Seifert oder Michael Vester, aber auch aufgeschlossene Studenten.

Und eben der Schüler Heiko Geiling, der seine Nase in einen Marx-Kurs von Horst Kern steckte. Was wörtlich zu nehmen war. „Durch die Türen drang dicker Qualm, die Studenten tranken Bier, ich dachte, was ist hier denn los?“ Da das Rauchen ihn störte, habe er nur zweimal teilgenommen. „Verstanden habe ich nicht viel. Aber gemerkt, das ist hier eine ganz andere Art von Lernen.“ Statt Frontalpaukerei gab es lebhafte Diskussionen.

Für ihn war klar, dass er hier studieren wollte. Politik und Germanistik, wie viele andere eigentlich für das Lehramt. Auch der von Hans Mayer begründete Lehrstuhl für deutsche Literatur zog namhafte kritische Geister wie Heinz Brüggemann oder Leo Kreutzer an, um die sich gesellschaftlich interessierte Studenten scharrten.

Das Besondere an Hannover war offenbar der Praxisbezug. „Wir machten keine Theorie im Elfenbeinturm“, erinnert sich Geiling. „Unsere Forschung war immer mit einem konkreten Untersuchungsgegenstand verbunden, diese Gegenstände lagen auf der Straße.“ Womit sich die linken Akademiker klar von den so genannten K-Gruppen abhoben, die in starren Ritualen alten Revolutionsrezepten nacheiferten. „Die waren ziemlich penetrant und haben mit blöden Standardsprüchen provoziert. Wir haben sie eher veräppelt, nach dem Motto: Wo bleibt denn da der Spaß?“ Sie hätten einfach nicht verstanden, dass die Mobilisierung der Jugendlichen nach 1968 kulturell begründet gewesen sei, nicht ideologisch.

Ein weiterer Meilenstein der Fakultätsentwicklung in Hannover war 1978 die Einrichtung des Diplom-Studiengangs Sozialwissenschaften. „Es war die Idee von Oertzens, Geschichte, Soziologie, Politologie und Psychologie zusammenzuführen“, erklärt Geiling. Um Ereignisse in ihrer ganzen Komplexität und ihrem Kontext zu erfassen und zu erklären brauchte es einen interdisziplinären Ansatz. Vielleicht eine der wichtigsten wissenschaftlichen Errungenschaften der damaligen Aufbruchsstimmung. „Eine erfolgreiche Form der Zusammenarbeit der 68er-Professoren“, nennt es Geiling. Als Student saß er in der Arbeitsgruppe, die diesen Studiengang zu entwerfen hatte.

Es war aber auch eine Art der Offensivverteidigung. Denn es ging die Angst um, dass von konservativer Seite aus die Lehrerausbildung in Hannover reduziert werden sollte. Dies würde der Fakultät ein wenig das Wasser abgraben, schließlich war das Lehramt die am ehesten Erfolg versprechende berufliche Perspektive für Politikstudenten. Der neue Studiengang sollte das kompensieren. „Und er war sehr erfolgreich, da die Studierenden umfassend nicht nur methodisch sondern auch thematisch ausgebildet wurden“, betont Geiling. Bis er von der schwarz-gelben Regierungskoalition in den 90er Jahren gekippt wurde.

Geschichte speist sich meist im Auf und Ab gegensätzlicher Bewegungen. Aktion führt zwangsläufig zur Reaktion, nicht nur in den Naturwissenschaften. Und so ließ auch die Gegenbewegung zu den 68ern in Form des neoliberalen Umbruchs nicht lange auf sich warten. An den Universitäten lief dies letztendlich auf den Bologna-Prozess hinaus.

„Thatcher und Reagan haben damals die Dämme geöffnet“, so Geiling. „Und auch bei uns geriet die Hochschulpolitik zunehmend unter Druck.“ Natürlich war auch die Radikalisierung der Linken durch die RAF von Bedeutung, das eine führt zum anderen. Insbesondere Peter Brückner geriet ins Kreuzfeuer der Konservativen, zunächst wegen vermeintlicher Unterstützung der Terroristen, später in der so genannten Mescalero-Affäre wegen der Mitherausgabe eine Nachrufes auf den ermordeten Generalbundesanwalt Siegfried Buback, in dem eine „klammheimliche Freude“ zum Ausdruck gebracht wurde.

Das spaltete auch die eigentlich von den Studenten als Einheit wahrgenommenen Professoren. „Einige sagten, Brückner gefährde die gesamte Fakultät, andere standen zu hundert Prozent hinter ihm“, erinnert sich Geiling. „Als Studenten fanden wir diesen Nachruf gar nicht so schlimm. Ich war verunsichert, aber mochte Brückner. Er war für uns ein Märtyrer. Erst später kamen wir dazu, die Sache differenzierter zu betrachten.“

Für die Konservativen waren die Affären aber Wasser auf ihre Mühlen. Doch ironischerweise sei es ausgerechnet eine SPD-Bildungsministerin, Edelgard Buhlman, gewesen, die als erste in der Politik wieder von „Elite“ gesprochen habe. „Das war ihr aufgedrängt worden. Man hatte angefangen, die Universitäten mit Harvard oder Stanford zu messen. Das ist wie Äpfel mit Birnen zu vergleichen.“ Das gesellschaftliche Klima sei völlig umgeschlagen. An der geisteswissenschaftlichen Fakultät fiel der Wandel zusammen mit dem Generationenwechsel bei den Lehrenden.

Geiling hatte nach seinem Studium 1984 einen Lehrauftrag am Institut für Politische Wissenschaft erhalten und arbeitete parallel als Assistent für Oskar Negt. 1990 übernahm er die Politikprofessur von Michael Vester. Da er erst später hinzugestoßen war, blieb er noch an Bord.

„Anfang der 2000er Jahre sprossen dann jede Menge sehr spezifische Studiengänge wie Pilze aus dem Boden“, erzählt er. „Ich versuchte, zwischen den Kulturen zu vermitteln, aber mit wenig Erfolg.“ Sei es ursprünglich bei den sozialwissenschaftlichen Studiengängen um ein kulturell-politisches Interesse gegangen, gehe es heute nur noch um Verwertbarkeit und um Karriere. Allgemeine Zusammenhänge wurden nebensächlich, scheinbar Banales geriet aus dem Blick. „Der interdisziplinäre Ansatz war weg.“ Das Studium heute sei wie in der Schule an einem Curriculum orientiert. „Das ist das genaue Gegenteil von 68“.

Die Bewegung damals sei eine Modernisierungsbewegung gewesen, von der kaum etwas übrig sei. „Ich glaube aber, dass das wieder kommen wird“, bleibt Geiling optimistisch. „So etwas geschieht immer dann, wenn eine junge Generation sich blockiert fühlt.“

Von Andreas Krasselt

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