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NP-Serie 50 Jahre 68er Die Emanzipation im Klassenkampf
Hannover Meine Stadt NP-Serie 50 Jahre 68er Die Emanzipation im Klassenkampf
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14:04 10.06.2018
ür mehr Gleichberechtigung: Jutta Meyer-Siebert war in der 68er Frauenbewegung aktiv. Quelle: Heusel
Hannover

m Anfang flogen die Tomaten. Denn das Wort hatten die Männer. Und weil diese am 13. September 1968 der einzigen Rednerin der Delegiertenkonferenz des SDS (Sozialistischer Deutscher Studentenbund), Helke Sander, in Frankfurt am Main mit Borniertheit, Arroganz und Ignoranz begegneten, flog eben jenes Gemüse. Und zwar auf die Machos auf dem Podium. Jutta Meyer-Siebert fand es super.  „Ich habe das persönlich nicht miterlebt, aber es wurde ja damals überall kommuniziert. Es war DAS Ereignis“, erinnert sich die 70-Jährige aus Hannover.

Helke Sander hatte eine „Politisierung des Privaten“ eingebracht und argumentiert, dass frau schwer die Faust zur Revolution erheben könne, wenn sie denn den ganzen Tag ein Kind tragen müsse: „Genossen, wenn ihr zu dieser Diskussion, die inhaltlich geführt werden muss, nicht bereit seid, dann müssen wir allerdings feststellen, dass der SDS nichts weiter ist als ein aufgeblasener konterrevolutionärer Hefeteig.“ Was das männerdominierte SDS-Klientel immer noch nicht so richtig interessierte – bis besagte Tomaten flogen.

Die spätere RAF-Terroristin Ulrike Meinhof zeigte in der linken Zeitschrift „konkret“ bereits radikalere Züge: „Die Reaktion der Männer auf der Delegierten-Konferenz (...) zeigte, dass noch erst ganze Güterzüge von Tomaten verfeuert werden müssen, bis da etwas dämmert.“ Während der nächsten SDS-Delegiertensitzung Mitte November 1968 in Hannover verschärfte sich dann der Ton vieler Frauen. Ein Flugblatt kursierte gar mit der Forderung: „Befreit die sozialistischen Eminenzen von ihren bürgerlichen Schwänzen!“

So weit wäre Jutta Meyer-Siebert nicht gegangen, aber ihr Kampfruf ging auch in  eine konsequente Richtung: „Wir müssen die Familie abschaffen, um unsere Persönlichkeit durchzusetzen.“ Die Institution Ehe hätte die Frauen in der Unterdrückung gehalten. Was viele auch körperlich zu spüren bekamen. Immerhin war die Vergewaltigung  in der Ehe ja noch bis 1997 keine Straftat.
Jutta Meyer-Siebert heiratet trotz allem 1973. „Das war natürlich inkonsequent, aber auch wir haben bis in die Nächte über Lebensweisen und Geschlechterrollen diskutiert.“ Die linke Lehrerin und der Mann aus dem Leistungssport „handelten unsere Rollen und Zuständigkeiten immer neu aus. Das war oft Thema, allerdings kein Kampf, den ich führen musste“.
Meyer-Siebert war nach ihrem Lehramtsstudium in Gießen der Liebe wegen nach Hannover gezogen. „Damals gab es Lehrermangel und ich konnte quasi  sagen, wo ich wohnen

und arbeiten will.“ Gewohnt wurde in Anderten – nicht in der WG, wie viele ihrer Freunde und Mitstreiterinnen, sondern gleich zusammen mit ihrem späteren Ehemann –  „mit dem ich ja immer noch zusammen bin“. An einer Realschule in Misburg unterrichtete Jutta Meyer-Siebert auch in Demokratie. „Wir schafften den damals gängigen Frontalunterricht ab, kämpften dafür, die Gesamtschulbewegung nach vorn zu bringen, duzten die Schülerinnen und Schüler – und die uns. Und wir diskutierten mit ihnen, natürlich auch über Geschlechterbeziehungen im Kapitalismus.“

Eine Art neuen Unterrichts, den Jutta Siebert bereits als Schülerin genießen durfte. „Wir hatten in den letzten drei Jahren auf dem Mädchengymnasium eine junge Lehrerin, die verkörperte eine ganz andere Frauenfigur. Da wurde der Muff der alten Jahre wirklich abgestreift.“ Die junge Frau bekam Zugang zu Büchern von Simone de Beauvoir bis Karl Marx, „in autonomen Seminaren haben wir das nach der Schule fortgesetzt“. Rauchende Köpfe in verrauchten Räumlichkeiten, die Verweigerung des Althergebrachten und daraus resultierend auch die Gleichheit der Geschlechter  – die Zeit war einfach reif dafür. „1966 machte ich mein Abitur und verweigerte danach die schwarz-weißen Kleidervorschriften. Stattdessen nähte ich mir für die Abi-Feier ein lila Kleid“.

Gewerkschaftliches Engagement, linke Politik und der Kampf um Gleichberechtigung gingen für Jutta Meyer-Siebert dann auch in Hannover Hand in Hand, „das hat sich einfach so ergeben“. Anfang der 1980er gab sie nach dem Radikalenerlass ihren Lehrerjob auf und studierte Diplom-Psychologie in Hamburg, die linke Politik der Sudentenbewegung begleitete sie weiter. Was nicht dazu gehörte, waren Auswüchse wie die der Kommune 1 in West-Berlin. „Die haben wir ambivalent und auch kritisch begleitet“, sagt die 70-Jährige. „Frauen als eine Art Matratzen der politischen Männerbewegung, das war ja nicht das, was wir wollten“. Die sexuelle Befreiung des Mannes, „für die Frauen zur Verfügung zu stehen hatten“, sei nie ihr Ding gewesen.

Was ist – 50 Jahre nach der zweiten Frauenbewegung – übrig geblieben? „Die kulturelle Veränderung, die Lebensweisen, die Selbstbestimmung der Frauen in der Ehe, in ihrer Eigenständigkeit – auch der finanziellen, in ihrer Sexualität. Die Emanzipation der Frauen ist im Vergleich zu damals schon stark vorangeschritten“, sagt Jutta Meyer-Siebert. „Gleichzeitig ist erschütternd, dass das Patriarchat geblieben ist. Und Frauen noch mehr leisten müssen als früher.“ Sie müssten Familie und Beruf vereinbaren. Ihre auch soziale Arbeit etwa in den Familien – der Kitt, der eine Gesellschaft zusammenhält – sei weiterhin selbstverständlich, nicht oder unterbezahlt und wäre im Kapitalismus nichts wert. Aber auch Frauen trügen ihren Teil dazu bei, dass sich letztlich zu wenig bewege. „Die haben zum Teil eine super Ausbildung und gehen dann trotzdem in unterbezahlte Mädchenberufe. Viele geben ihre eigenen Namen automatisch ab, wenn sie heiraten. So etwas schmerzt schon.“

Von Petra Rückerl