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NP-Rendezvous 2019 NP Reportage: Wie lebt es sich im Altenheim?
Hannover Meine Stadt NP-Rendezvous 2019 NP Reportage: Wie lebt es sich im Altenheim?
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16:41 19.07.2019
Freundschaftlich verbunden: Gerlinde Nölke und Pflegerin Patricia Schürmann bereiten ein Pizza vor. Quelle: Foto: Wilde
Hannover

 Gerlinde Nölke (74) sitzt in ihrem Rollstuhl in einer kleinen Küche im Altenpflegezentrum und schnippelt Gemüse. Es gibt Pizza. Jeden Mittwoch kocht sie mit einer kleinen Gruppe von Bewohnern des Hilde-Schneider-Hauses. „Danach gehen wir in ein gemütliches Zimmer neben dem Speiseraum, decken dort hübsch ein und essen gemeinsam“, erzählt Nölke. Es ist immer wieder die gleiche Gruppe von Bewohnern, die sich hier mittwochs trifft.

„Frau Nölke ist eine der aktivsten Menschen hier im Haus. Sie macht fast alles mit, was wir anbieten“, sagt ihre Pflegerin Patricia Schürmann (29). Zweimal pro Woche eine Andacht in der Kapelle, Musikabende, Bingo spielen, Grillen, Besuche im hauseigenen Café – „mir wird es nicht langweilig“, sagt Nölke. „Sie macht das Beste aus ihrem neuen Leben im Altenpflegezentrum“, sagt ihre Pflegerin und lächelt sie an.

Die 74-Jährige lebt seit vier Jahren hier, leidet unter einer unklaren und wenig erforschten Muskelerkrankung. Sie kam nach einem mehrwöchigen Aufenthalt in der Berliner Charité in das Hilde-Schneider-Haus. Seitdem bewohnt sie das gleiche Zimmer auf Station Drei, wo Schürmann Leiterin ist. Hier hat es sich Nölke gemütlich gemacht. Bilder von ihren vier Kindern und drei Enkeln hängen an der Wand, Erinnerungen an ihr früheres Leben schmücken den Raum.

Mit in ihrem Zimmer lebt eine 92-jährige Dame. „Das ist meine dritte Zimmergenossin, die zwei davor sind schon gestorben“, erzählt Nölke. „Vieles ist hier im Altenpflegezentrum ganz nett – vieles ist aber auch schwierig am Leben hier.“ Es hätten sich zwar Freundschaften entwickelt, aber nicht so wie damals, als sie noch in ihrem Reihenhaus in Wunstorf lebte. „Ich hätte gerne mehr mein eigenes Leben, das ist manchmal in einem Doppelzimmer schwer“, sagt sie.

Altenpflege in Hannover

Diakovere betreibt drei Alten- und Pflegezentren in der Stadt: Das Altenzentrum Kirchrode, das Haus am Leuchtturm im Henriettenweg, das Hilde-Schneider-Haus und das Pflegezentrum für Seniorinnen in der Marienstraße. Zudem gibt es sieben städtische Alten- und Pflegezentren für 640 Bewohner. Hinzu kommen einige private Betreiber. Insgesamt listet das Deutsche Seniorenportal 156 Pflegeheime in Hannover auf.

Doch sie hat ihren Ausgleich gefunden, geht viel raus. Ganz begeistert ist sie von ihrer Entdeckung des Üstra-Begleitservices. „Das sind Ein-Euro-Jobber, die Menschen wie mich zu Terminen oder Erledigungen begleiten“, erklärt sie. „Da gibt es ganz geduldige Menschen – ich habe drei Lieblingsmenschen da –, die nach einem Arzttermin auch noch mit mir zu H&M shoppen gehen.“

Nölke achtet nämlich auf ihr Aussehen. Heute trägt sie ihre dunkel gefärbten Haare zu einem Zopf geflochten, dazu einen bunten Schal mit Blumenmuster. Ein eher ungeliebtes Accessoire ist der Rollstuhl. „Ich war irgendwann in einem schlimmen Erschöpfungszustand, bin ständig gestürzt. Der Rollstuhl hat mir Sicherheit gegeben“, erzählt die Dame. „Und jetzt komm ich nicht mehr raus“, fügt sie hinzu. Ihr Ziel: Wenigstens wieder stehen können. „Und bis zum ersten Schritt ist es dann auch nicht mehr weit“, sagt Pflegerin Schürmann.

Doch jetzt ist erstmal Essenszeit, die Pizza ist fertig. Und wenn Nölke Mittwochs mit ihrer Kochgruppe speist, fühlt es sich doch wieder ein bisschen wie ihr früheres Leben an. Ein Bewohner, der augenscheinlich jüngste und fitteste, schneidet die Pizza und verteilt die Stücke, neckt seine Genossen mit Kosenamen. „Und noch ein Stück für dich, mein Hase“, sagt er. „Das Leben ist ja schon schwer genug, dann muss man wenigstens ein bisschen Spaß machen.“

NP-Interview: Wie ist es, Wachkomapatienten zu pflegen?

Peter Borck (53) arbeitet seit mehr als 30 Jahren als Fachkraft in der Pflege. Mehr als 20 Jahre davon hat er alte Menschen gepflegt. Seit Oktober 2018 pflegt Borck im Hilde-Schneider-Haus, einem der vier Altenpflegezentren der Diakovere-Altenhilfe Henriettenstift in Hannover. Dort kümmert er sich im Spezialpflegebereich des Pflegezentrums um Menschen mit schweren und schwersten Schädel-Hirn-Traumata und um Wachkomapatienten.

Peter Borck, Intensiv-Krankenpfleger Quelle: Michael Wallmüller

Herr Borck, wie sieht der Arbeitsalltag bei der Pflege von Wachkomapatienten aus?

Es gibt zwei Parts: die Körper- und Behandlungspflege. Bei der Körperpflege, klar, kümmert man sich ums Waschen und um die Versorgung der Menschen mit Nahrung und Flüssigkeit. Die Behandlungspflege be-inhaltet, dass ich dem Patienten Medikamente stelle, Verbände anlege, das Tracheostoma, also die Kanüle bei einem Luftröhrenschnitt, absauge, die Menschen mobilisiere. Dazu kommen verschiedene Therapieformen, die speziell ausgebildete Therapeuten ab-decken: Krankengymnastik, Ergotherapie, Logopädie. Damit können Reize gesetzt werden, die die Patienten auch ein Stück weit wahrnehmen.

Wie alt sind die Bewohner auf Ihrer Station?

Das Alter der Patienten hat eine große Spanne, aber die wenigsten sind im Rentenalter, vielleicht drei, vier. Die meisten sind jünger als 60 bis Mitte 40. Der Jüngste ist aktuell 28 Jahre alt. Er ist auf der Flucht vor dem Krieg nach Deutschland gekommen und ist dann hier verunfallt. Jetzt liegt er im Wachkoma undwird diesen Zustand voraussichtlich auch nicht mehr verlassen. Die Ursachen sind vielfältig: Manche haben sich durch Drogen oder versuchte Suizide selbst in diese Situation gebracht. An-dere sind durch Schlaganfälle, Hirntumore oder als Folge von Unfällen zu Wachkomapatienten geworden.

Wie kommunizieren Sie mit den Patienten?

Je nach Grad des Schädel-Hirn-Traumas, also nach Schwere des Stadiums, ist es so, dass du Blickkontakt hast. Du merkst, dass, wenn du den Menschen in die Augen schaust, sie den Blickkontakt halten. Man sieht tatsächlich beim Versorgen manchmal dem einen oder anderen an, wie er sich entspannt. Oder dass sie Reize, beispielsweise beim Streicheln, wahrnehmen. Es gibt auch die andere Seite. Es laufen plötzlich Tränen, die Mimik zeigt, der Mensch hat Schmerzen. Dann müssen wir herausfinden, woher es kommt. Das ist schwierig. Und wir haben auch Bewohner, die versuchen, Worte zu bilden.

Nehmen Sie Schicksale mit nach Hause?

Nein, negativ nicht mehr. Das war früher vielleicht so. Aber man muss eine Distanz wahren können. Im Laufe der Jahre habe ich das gelernt. Es ist natürlich schwierig, wenn du ein neun Monate altes Baby einer Mutter in den Arm legst, die bei der Geburt ihres dritten Kindes ein Aneurysma bekommen hat – was für ein Schicksal. Das ist eine harte Nummer, ja. Das besprechen wir dann untereinander. 

Sie haben viele Jahre in der Altenpflege gearbeitet. Warum haben Sie sich zu dem Schritt entschlossen, Wachkomapatienten zu betreuen?

Das ist ja auch eine pflegerische Tätigkeit, nur eben in der Regel mit jüngeren Menschen. Und das ist schon etwas Besonderes und begeistert mich auf eine gewisse Weise. Diese Menschen haben genau den Respekt und Versorgung verdient wie unsere alten Menschen auch.

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