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NP-Rendezvous 2019 Altersrisiko Sturz: Was ihn so gefährlich macht
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18:45 19.07.2019
Henriettenstift: Sturzpatientin Christa Kienast muss mit ihrer Ergotherapeutin Marion Sabottka alle Bewegungen neu erlernen. Quelle: Michael Wallmüller
Hannover

Christa Kienast (78) dreht sich auf ihrem Krankenbett im Henriettenstift von links nach rechts, nur ganz langsam. Sie muss im Alter von 78 Jahren nochmal alles neu erlernen, was ein Leben lang selbstverständliche Bewegungen für sie waren: aus dem Bett aufstehen, die Hose hochziehen, Treppen gehen. Und all das nur wegen eines Sturzes – der jungen Menschen vermutlich nur einen blauen Fleck beschert hätte.

„Je älter, desto größer die Gefahr, sich bei einem Sturz etwas zu brechen“, so Meiken Brecht (51), Oberärztin im Zentrum für Medizin im Alter (Henriettenstift). „Hinzu kommen Vorerkrankungen und eine eingeschränkte Beweglichkeit – all das begünstigt eine Sturz.“

Und so war es auch bei Kienast. Die Rentnerin leidet unter Parkinson, bei ihrem Sturz zog sie sich eine hüftgelenks-nahe Fraktur zu. „Mein Mann wollte mir einen Stützstrumpf anziehen. Ich stand dabei nur auf einem Bein und habe den Halt verloren“, schildert die 78-Jährige jenen Tag Ende Mai. „Ich habe mich noch am Waschbecken festgehalten, doch dann bin ich auf den Badezimmerboden gestürzt.“

In Bewegung bleiben

Bewegung ist für alte Menschen der Schlüssel, um Sturzgefahr zu vermeiden. Meiken Brecht empfiehlt, zumindest drei bis fünf mal pro Woche spazieren zu gehen. Außerdem würden alle Ausdauerarten helfen, die auf Erhalt von Muskulatur ausgerichtet sind: Schwimmen, Laufen, Fahrradfahren. Auch Tanzen sei sehr gut untersucht – weil es durch das Koordinieren einer Schrittfolge helfe, körperlich und geistig in Bewegung zu bleiben.

Es gibt mittlerweile viele Initiativen im Netz, die die Bewegung im Alter unterstützen. Sowohl das Bundesgesundheitsministerium als auch verschiedene Vereine und Krankenkassen bieten Programme an. Diese unterstützen Programme darüber hinaus teilweise mit bis zu 80 Prozent der Kosten.

Der Krankenwagen kam, die Hüfte war gebrochen, noch am gleichen Tag wurde sie im Friederikenstift operiert – und ab dem Tag begann für die Dame eine mehrwöchige Klinik-Odyssee. Fünf Tage Krankenhaus, drei Wochen Bettlägerigkeit auf der Akutstation im Henriettenstift, danach Reha-Klinik. Seitdem versucht Kienast, wieder mobil zu werden: Physiotherapie, Ergotherapie, Lymphdrainage, Hüft-Gruppentherapien.

„Die schnelle Mobilisation der Patienten ist das Wichtigste, um wieder gesund zu werden“, so Brecht. „Früher war so ein Bruch ein Todesurteil – weil die Menschen zu lange im Bett geblieben sind und an Thrombosen gestorben sind.“ Doch liegen zu bleiben, wäre auch für Kienast keine Option. Man sieht, wie anstrengend das Training für sie sein muss. Doch als unser Fotograf Kienast fragt, ob sie ihre Übungen nochmal für die Kamera vormachen würde und ihre Therapeutin sagt: „Sie sind sicherlich erschöpft, oder Frau Kienast?“, entgegnet diese: „Ich hab mich doch während des Interviews erholt. Los geht’s!“

Kienast habe eine gute kognitive Leistung und mache alles sehr gezielt mit, sagt ihre Ergotherapeutin Marion Sabottka. Ihren Humor habe sie auch nicht verloren – und positiv bleiben helfe im Heilungsprozess auch. „Nicht wieder auf die Beine zu kommen, war für mich keine Option. Diese Sorgen habe ich gar nicht erst hochkommen lassen“, sagt die 78-Jährige.

Jetzt freut sie sich auf das Küchentraining. „Und wenn es zuhause viel zu schnippeln gibt, muss der Vatta halt mithelfen“, ergänzt sie mit einem Grinsen in Richtung ihres Mannes. „Nebenbei lernt er dann auch endlich mal kochen.“ Ihr Mann, Manfred Kienast (80), freut sich aber nicht nur wegen des Essens wieder auf ihre Rückkehr. Der Sturz war im Mai, erst Ende Juli wird sie wieder zuhause bei ihrem Mann sein.

NP-Interview mit Oberärztin: Warum Patienten wieder zügig auf die Beine gestellt werden müssen

Meiken Brecht ist Oberärztin im Zentrum für Medizin im Alter im Henriettenstift. Sie spricht den Sturz als Risiko und die Gründe, warum in ihrer Abteilung die Patienten zügig auf die Beine gestellt werden.

Sturzfolgen und Knochenbrüche sind bei über 65-Jährigen ein häufiger Grund für eine Krankenhauseinweisung. Kann ich mich vor dem Hinfallen schützen, indem ich möglichst selten auf die Straße gehe?

Wer so denkt, macht alles falsch. Bewegung zu vermeiden, macht Menschen eher krank. Mit zunehmender Gangunsicherheit und Mobilitätsverlust steigt das Risiko hinzufallen enorm. Man kann davon ausgehen, dass rund ein Drittel der über 65-Jährigen einmal im Jahr stürzt. Bei den über 85-Jährigen fällt beinahe jeder Zweite mindestens einmal im Jahr hin, wenn nicht gar öfter. Und es droht ein Teufelskreis: Sturz, Angst, Mobilitätsverlust, zunehmende Sturzgefahr, Sturz, Immobilität. Dieser Kreislauf endet dann oft in der Pflegebedürftigkeit. Um das zu vermeiden ist es wichtig, in Bewegung zu bleiben.

"Aktiv älter werden". Treffen mit Dr. med. Meiken Brecht Quelle: Michael Wallmüller

Und was macht man gegen die Angst?

Na ja, Angst an sich ist ja erstmal gut, wenn sie einem ein umsichtiges Verhalten beschert. Aber Angst ist dann schlecht, wenn sie einen lähmt, zum Verkrampfen bringt und vor allem dazu bringt, Bewegung zu vermeiden und sich gar nichts mehr zuzutrauen. Das ist sicherlich auch ein Faktor, dass nach einem Sturz viele Patienten einfach Bewegung meiden, die Wohnung nicht mehr verlassen und dadurch weiter an Muskeln und in der Folge irgendwann an Funktionsfähigkeit und sozialen Kontakten abbauen.

Bewegung minimiert also das Sturzrisiko, kann es aber nicht verhindern.

Das stimmt, Bewegung senkt das relative Risiko. Trotzdem fallen viele ältere Menschen irgendwann mal hin. Leider steigt mit zunehmendem Alter auch die Wahrscheinlichkeit, sich dabei eine Fraktur zuzuziehen ziemlich deutlich. Das hängt natürlich auch mit Osteoporose zusammen. Wir haben viele Patienten mit den klassischen Schenkelhalsbrüchen oder Wirbelkörperfrakturen.

Vor 30 Jahren sind derartige Verletzungen häufig nicht gut ausgegangen, oder?

Ja, früher war ein Schenkelhalsbruch ein Todesurteil. Das lag unter anderem daran, dass man nicht die Operationsmethoden hatte, um die Menschen gleich nach dem Eingriff wieder aus dem Bett zu holen. Die blieben dann Wochen bis Monate liegen und bekamen dann Lungenentzündungen oder Thrombose, Lungenembolien, kamen nicht mehr in Gang und sind daran gestorben. Wenn man erstmal zum Liegen gekommen ist, ist es im Alter bei schwereren Erkrankungen schwierig, wieder auf die Beine zu kommen.

Wie schnell stellen Sie die Patienten in ihrer Abteilung auf die Beine?

Nach Möglichkeit am selben Tag, wenn die Patienten zu uns verlegt werden. Am nächsten Werktag beginnen physio- und ergotherapeutische Übungsbehandlungen. Klar muss man schauen, wie belastungsstabil die- oder derjenige ist. Die Operationsmethoden werden aber in der Behandlung Älterer möglichst so gewählt, dass sie zügig Vollbelastung ermöglichen. Bei uns wird niemand wochenlang liegen gelassen. Es gibt mittlerweile so gut wie keine Erkrankung mehr, die wirklich längere Bettruhe erfordert.

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