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Mordprozess in Hannover: Staatsanwältin fordert Freispruch

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17:31 26.04.2021
Steht im Mordprozess vor einem Freispruch: Marina S. (47, mit ihrem Anwalt Vyacheslav Varavin) hat laut der Staatsanwältin ihren Ehemann (49) in Notwehr erstochen. 
Steht im Mordprozess vor einem Freispruch: Marina S. (47, mit ihrem Anwalt Vyacheslav Varavin) hat laut der Staatsanwältin ihren Ehemann (49) in Notwehr erstochen.  Quelle: Behrens
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Hannover

Am Notruftelefon hört man das schwere Keuchen von Marina S. (47). Bis zur körperlichen Erschöpfung versucht sie, ihren Mann Eugen (49) zu reanimieren. „Das machen Sie sehr gut“, spricht der Mann am Notruftelefon beruhigend auf die Frau ein. Er zählt ihr vor, wie oft sie die Herzmassage wiederholen muss. Zu diesem Zeitpunkt war Eugen S. schon mehr als zehn Stunden tot, erstochen von seiner Ehefrau Marina. 

„So etwas kann man nicht spielen“, sagt Verteidiger Vyacheslav Varavin. Er nimmt an, dass seine Mandantin in Notwehr zugestochen hat. Auch Staatsanwältin Friederike Riemer kann das zumindest nicht ausschließen. Sie plädierte am Montag auf Freispruch vom Mordvorwurf gegen Marina S. „Inwieweit war der Messerstich erforderlich?“, fragt sie. Und gibt sich selbst die Antwort: „Angesichts der Panik und der Situation hätte die Angeklagte nichts Anderes tun können.“

Anwalt bezeichnet Opfer als „Despot“

Zwischen Mitternacht und ein Uhr starb Eugen S. am 21. Oktober 2020 an einem tiefen Stich in die linke Brusthälfte. Objektive Beweise und die Darstellung der Angeklagten sprechen für Notwehr oder machen diese Darstellung zumindest plausibel. Das Opfer hatte fast drei Promille Alkohol und Cannabis im Blut. Wieder mal kam es zum Streit in der Wohnung auf dem Kronsberg. Und wieder wurde er gewalttätig. Doch zum ersten Mal habe er sie mit dem Unterarm gegen den Hals gedrückt, erzählte die Angeklagte. Ein Angriff, bei dem sehr schnell die Luft wegbleibe, erklärte der Gerichtsmediziner. 

In höchster Panik habe sie mit einem Filetmesser (15 Zentimeter Klingenlänge), das sie eigentlich wegräumen wollte, zugestochen. Die Wunde hat kaum geblutet, der Ehemann wankte ins Bett und verstarb kurze Zeit später. Die Angeklagte dachte, dass er wegen seiner Trunkenheit so wankte.

Marina S. sitzt ganz in Schwarz auf der Anklagebank. Als sie den Notruf anhört, vergräbt sie das Gesicht in ihren Händen. Anschließend trocknet sie mit einem Tempo ihre Tränen. „Er war der Mann ihres Lebens“, sagt der psychiatrische Sachverständige, Michael von der Haar. Sie heiratete ihn, als sie 17 war. Sie haben drei Kinder. Doch schon vor der Geburt des zweiten Kindes vor 16 Jahren sei Gewalt an der Tagesordnung gewesen. Der zweite Verteidiger, Klaudio Kohn, nimmt Worte wie „Despot“ und „Tyrann“ als Bezeichnung für Eugen S. in den Mund. 

Angeklagte lebte in einer Scheinwelt

Trotz der Gewalt und des schweren Alkoholismus ihres Mannes habe Marina S. versucht, eine Fassade der heilen Familie zu wahren. „Sie hat es ein Stück weit über sich ergehen lassen“, erklärt der Psychiater am Montag die fatale Familiensituation.

„Kann sie die Tat verdrängt haben?“, will Richter Stefan Joseph wissen. „Solche Elemente des Verdrängens habe ich festgestellt“, lautet die Antwort des Sachverständigen. Erst am Morgen nach der Tat habe sie wohl realisiert, was geschehen ist. Diese Einschätzung passt zum Aussageverhalten der Angeklagten, anfangs leugnete sie den Messerstich. Im Gericht sagte sie, dass sie den Stich nicht bemerkt habe. Der Rechtsmediziner hielt diese Darstellung angesichts der Todesangst der Frau für nachvollziehbar. 

Aller Voraussicht nach wird Marina S. freigesprochen werden. Sie entkommt also einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe. Schließlich hatte sich schon einmal lebenslänglich – 30 Jahre Ehe mit Eugen S. 

Von Thomas Nagel