„Markt ungesteuert und ungeregelt“: Löst nur ein neues Schulsystem den Anmeldefrust an Hannovers Gymnasien?
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„Markt ungesteuert und ungeregelt“: Löst nur ein neues Schulsystem den Anmeldefrust an Hannovers Gymnasien?

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18:06 14.07.2021
Immer mehr Kinder wollen auch in Hannover einen Platz am Gymnasium haben.
Immer mehr Kinder wollen auch in Hannover einen Platz am Gymnasium haben. Quelle: Felix Kästle
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Hannover

Der Ärger vieler Familien um die Platzvergabe an Hannovers weiterführenden Schulen reißt nicht ab. Wie die NP berichtete, hat in diesem Jahr jeder siebte angehende Fünftklässler keinen Platz an seiner Wunschschule bekommen, allein 216 Mädchen und Jungen erhielten dabei eine Absage ihres Wunsch-Gymnasiums. Zudem wurde jeder Zweite der insgesamt 4042 Viertklässler, die in diesem Sommer auf eine weiterführende Schule wechseln, an einem Gymnasium angemeldet.

Für die Kinder, die nicht an ihre Wunschschule dürfen, hat das zur Folge, dass sie künftig zu Schulen pendeln müssen, die oft in Randlagen, wie etwa Linden-Süd oder am Sahlkamp liegen und damit meist auch deutlich weiter entfernt von ihrem Wohnort.

Schulanmeldungen: „Freier Markt, der völlig ungesteuert ist“

Doch während sich die Stadt nicht als Teil des Problems betrachtet, sieht Stefan Oyen,Leiter der Sekundarstufe 1 der IGS Linden und dort für die Kinder verantwortlich, die das Gymnasium aufgrund schlechter Leistungen verlassen mussten, den Schulträger sehr wohl in der Verantwortung. „Es sind strukturelle Probleme. Die Anmeldungen für Klasse fünf sind im Grunde ein freier Markt, der völlig ungesteuert und ungeregelt ist“, kritisiert er.

Oyen weiter: „Wenn wir einen freien Markt haben, der Unmut abgelehnter Familien mit jedem Jahr aber lauter wird, dann kann sich die Kommune nicht aus der Verantwortung reden und das Losverfahren allein den Schulen überlassen. Wer Vertrauen schaffen will, muss Transparenz bieten.“ Wie konkret soll das aussehen? „Zum einen sollte die Stadt die Schulen beim jährlichen Losverfahren stärker kontrollieren. Bisher sind nur Elternvertreter dabei anwesend.“

Braucht Hannover ein erweitertes Losverfahren?

Auch mit Blick auf die mehr als 50 Prozent Gymnasialanmeldungen müsste für diesen Schulzweig über ein erweitertes Losverfahren, wie es etwa in Bremen üblich ist, diskutiert werden, schlägt Oyen vor: „Dort werden die Anmeldungen teilvorsortiert nach Geschwisterkind, Leistung und zuletzt dem Wohnort.“

Dass die Stadt seit Jahren ablehnt, die Anmeldezahlen an den Gymnasien zu veröffentlichen, weil dies einem Ranking der Schulen gleichkäme, hält der Leiter der Sekundarstufe 1 der IGS Linden für falsch. Vor einem Jahr hatte Stefan Oyen mit einem Konzeptpapier eine hitzige Debatte über „Gymnasien erster und zweiter Klasse“ losgetreten. Sogar Rassismus wurde ihm vorgeworfen, dabei habe er nur Segregation an Hannovers Gymnasien beschrieben. Jene Schulen, die akademisch und wenig migrantisch geprägt seien auf der einen Seite und heterogene, die viele Kinder mit Unterstützungsbedarf unterrichten, auf der anderen.

Pädagoge fordert grundlegende Umstrukturierung

„Diese Ungerechtigkeit ist Tatsache. Statt Zahlen unter Verschluss zu halten, sollte die Stadt lieber offen legen, welche Schulen stark und welche seltener angewählt werden und daraus Schlüsse ziehen, um gemeinsam mit der Stadtpolitik das System grundlegend zu verändern und damit für tatsächliche Bildungsgerechtigkeit zu sorgen“, plädiert Oyen.

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Er fordert eine Umstrukturierung des Schulsystem. „Wir brauchen eine vernünftig aufgebaute Zweigliedrigkeit aus anspruchsvollen Gymnasien einerseits und grundständig von 5 bis 13 aufgebauten Gesamtschulen mit einem alternativen Lernansatz andererseits.“ Denn erst wenn die Stadt ihre Gesamtschulen stark mache und gut aufbaue, seien diese eine echte Alternative für einige Familien zum Gymnasium.

IGS-Lehrer ist enttäuscht von seinen SPD-Genossen

Doch selbst der Stadtverband der SPD, Oyen ist Mitglied in der Partei, habe sich „nicht einmal dazu durchringen können, das zweigliedrige Schulsystem ins Wahlprogramm zu schreiben“. Bedauerlich für eine Partei, die auch auf Bundesebene stets betont, sozialen Aufstieg durch Bildung zu ermöglichen.

Von Britta Lüers