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Meine Stadt Säure-Opfer Vanessa: „Manchmal habe ich Panik“
Hannover Meine Stadt Säure-Opfer Vanessa: „Manchmal habe ich Panik“
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20:00 14.08.2018
VORM PROZESS: Vanessa Münstermann will ihrem Peiniger Daniel F. (Foto im Gericht) auf keinen Fall begegnen. Quelle: Kutter
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Hannover

Das rechte Bein schmerzt und der Po – Gürtelrose. Wahrscheinlich eine Folge des Stresses, dem sich Vanessa Münstermann nur ein Stück weit entziehen kann. Das Säureopfer wird am Donnerstag nicht an dem Schmerzensgeldprozess gegen ihren Peiniger Daniel F. teilnehmen (Beginn 11 Uhr in Saal 4 H 1 des Landgerichts), „Ich will ihn nicht sehen.“

„Ich will nicht“ heißt in diesem Fall auch „ich kann nicht“. Vor zwei Monaten ist die 29-Jährige Mutter eines Mädchens geworden. Ihre Devise „Zähnen zusammen beißen und durch“ funktioniert seitdem begrenzt. „Vor jeder Operation habe ich jetzt panische Angst, dass etwas schief geht“, erzählt sie. Ihr stehen noch etliche Eingriffe bevor.

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In der Öffentlichkeit ist Vanessa Münstermann nach wie vor die Starke. „Manchmal habe ich Panik“, gibt sie zu. Dann klappt sie weinend zusammen. Zuletzt geschehen in einem Drogeriemarkt. Ein Kunde, dunkelhäutig wie Daniel, erinnerte sie an den einstigen Freund, der sie nach der Trennung und einer Anzeige wegen Stalkings und Gewalt am 15. Februar 2016 mit Säure angegriffen hatte. Der ätzende Rohrreiniger traf das Gesicht der Kosmetikerin. Ihr linkes Ohr fehlt, ein Auge ist durch ein gläsernes ersetzt, der Mund schief.

Vanessa Münstermann hat den Mut, anderen mit diesem Gesicht Mut zu machen. Familie und Freundeskreis fangen sie auf, vor allem aber ihr Lebensgefährte, der Vater der Kleinen. Die drei wohnen jetzt zusammen. „Ohne das Gehalt von Max (Name geändert) könnte ich mir diese Wohnung nie leisten“, sagt die Mutter.

Denn was sind schon 500 Euro Erwerbsminderungsrente und 500 Euro aus dem Opferschutzgesetz? „In meinem Beruf werde ich nie wieder arbeiten können“, sagt das Säureopfer. „Weil ich nicht mehr richtig sehen kann, ist die Verletzungsgefahr zu groß.“ Andere Perspektiven sieht sie derzeit nicht. Da kommt Bitterkeit auf, spürbar bei der Bemerkung: „Wirtschaftlich in ich nicht mehr tragbar.“

Für die Attacke, die sie auf Dauer entstellte, klagt Vanessa Münstermann auf 250 000 Euro Schmerzensgeld. Die Summe sei nicht unangemessen hoch, argumentiert ihr Rechtsanwalt, Andreas Hüttl. Auch wenn das Daniel F. so sieht. der wegen gefährlicher Körperverletzung zu zwölf Jahren Haft verurteilte Mann hatte beantragt, die Klage abzuweisen. vergeblich. Dass er keine Prozesskostenhilfe erhält, könnte schon als Hinweis auf mangelnde Erfolgsaussichten für ihn zu bewerten sein.

Die Pflegeeltern des Täters waren bereit, sich mit Vanessa Münstermann außergerichtlich über Schmerzensgeld zu einigen. Aber zu welchem Preis? „ich sollte nie wieder über das Geschehene sprechen“, berichtet sie über die Forderung. „Das geht doch nicht! Darüber zu reden und gehört zu werden, ist für mich wie eine Therapie.“ Darum auch verarbeitet sie den Angriff und die Folgen auch in einem Buch, das im Januar 2019 erscheinen wird.

Bis dahin, bis zur nächsten Welle von Aufmerksamkeit, wird die junge Mutter erst mal Kraft tanken. “Ich möchte Kurse mit der Kleinen machen und als Mutter wahrgenommen werden – nicht nur als Säureopfer.“

Von Vera König