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Meine Stadt Nach Zyklon: Partnerstadt Blantyre bittet Hannover um Hilfe
Hannover Meine Stadt Nach Zyklon: Partnerstadt Blantyre bittet Hannover um Hilfe
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06:38 25.03.2019
Versorgungswege unterbrochen: Die zerstörte Mukumba-Brücke an einer der Hauptstraßen der Region um Mangochi in Malawi.
Versorgungswege unterbrochen: Die zerstörte Mukumba-Brücke an einer der Hauptstraßen der Region um Mangochi in Malawi. Quelle: Juma Mido Wasili
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Hannover

Die Lage in den von dem Zyklon „Idai“ zerstörten Landstrichen Südostafrikas wird immer schlimmer. Nach offiziellen Angaben aus den betroffenen Ländern Mosambik, Simbabwe und Malawi hat es mittlerweile 644 Tote gegeben, die britische BBC berichtete am Sonntag sogar von mehr als 700 Opfern, 417 in Mosambik, 259 in Simbabwe und 56 in Malawi.

Sorgen machen sich auch viele Menschen in Hannover, denn die Stadt ist mit Malawi auf vielfältige Weise verbunden, insbesondere durch die Städtepartnerschaft mit Blantyre. „Auch in Blantyre sind Straßen, Häuser und Schulen zerstört worden“, weiß Silvia Hesse, Vorsitzende des Freundeskreises Malawi. „8249 Haushalte sind betroffen, drei Menschen gestorben, 319 verletzt worden. 554 Häuser sind total zerstört und nicht mehr bewohnbar.“ Durch die Zerstörung von Brücken und anderer Zugänge seien Wege nach Blantyre blockiert. Die Ernährung werde zum Problem, die Stadt habe sich schon um Hilfe an Hannover gewandt.

Ein Baum fällt auf das Bett einer 13-Jährigen

Hesse ist erschüttert von den katastrophalen Ereignissen. Sie hat enge Beziehungen in das Land, nicht nur nach Blantyre, sondern auch nach Makanjira, östlich des Malawi-Sees. Dort unterstützt der Freundeskreis unter anderem auch die MpiliMpili-Schule. Hesse hat enge persönliche Kontakte zu mehreren Familien. So erfuhr sie auch von der 13-jährigen Schülerin, die von dem Tropensturm auf heftigste Weise aus dem Schlaf gerissen wurde. „Ein Baum stürzte auf das Haus der Familie“, berichtet Hesse. „Genau auf das Schlafzimmer des Mädchens, auf ihr Bett.“ Ihre Schwester und eine Tante konnten die 13-Jährige schließlich befreien. Zum Glück war der Schülerin, die erst vor einem Jahr mit einer Musikgruppe in Hannover gewesen war, bis auf den Schreck nichts passiert.

Das sieht für viele Menschen, insbesondere auch Kinder in dieser Region Afrikas, derzeit anders aus. In Folge des Zyklons vom 15. März sind weite Teile des Landes überflutet, eine Fläche von 3000 Quadratkilometern, größer als das Saarland, sind zerstört. Allein in Mosambik schätzt die Unicef die Zahl der Betroffenen auf 1,8 Millionen, darunter eine Million Kinder. Hilfsorganisationen melden erste Cholerafälle, auch andere Durchfallerkrankungen und Malaria würden durch das stehende Wasser zunehmen. Trinkwasser ist Mangelware, weshalb das Technische Hilfswerk (THW) jetzt zwei Anlagen zur Trinkwasseraufbereitung in das Krisengebiet der verwüsteten Hafenstadt Beira in Mosambik geschickt hat.

„Das Schlimmste kommt erst noch“

„Doch das Schlimmste kommt erst noch“, befürchtet Hesse. „Alle Ernten sind zerstört. Alles, was die Menschen dort mit sehr viel Mühe in der trockenen Erde gesät haben.“ Es werde eine riesige Hungersnot geben. Auch das Welternährungsprogramm (WFP) der UNO stuft die Krise seit dem Wochenende mit der höchsten Warnstufe Drei ein, wie etwa im Jemen oder Syrien. Schätzungsweise 600 000 Menschen seien auf der Flucht, die Dimension der Katastrophe sprenge die schlimmsten Befürchtungen hieß es.

Viele, wenn nicht die meisten dieser Flüchtlinge würden derzeit nach Malawi strömen, hat Hesse von einem ihrer Kontaktleute vor Ort erfahren, der sogar von 700 000 Flüchtenden gesprochen habe. Betroffen sei vor allem die Region um Mangochi, die östlich unmittelbar an Mosambik grenzt. Auch hier hätten die Fluten Brücken an den drei wichtigsten Straßen zerstört. Nach Angaben der dortigen Bezirksregierung hätten 5450 Menschen ihr Obdach verloren, berichtet Hesse. Nun kämen die Flüchtenden dazu. „Jetzt beginnt der Kampf um Nahrung und Unterkünfte.“

Malawi war erst vor zwei Jahren von einer Flut betroffen, mit deren Folgen das Land noch immer zu kämpfen hat. „Wir überlegen gemeinsam mit der Welthungerhilfe und dem deutschen Botschafter vor Ort, wie wir helfen können“, sagt Silvia Hesse. „Wir sind uns alle einig, dass wir ganz viel tun müssen.“ Das Netzwerk der Institutionen, Organisationen und Einzelpersonen, die sich seit Jahren für und in Malawi engagieren, sei in Gang gesetzt. „Ich denke, wir sollten ein Bündnis für die Hilfe gründen. Da sollte dann auch die Stadt dabei sein.“

Wie kann die Stadt Hannover helfen?

In der Kommunalpolitik hat sich immerhin bereits der unabhängige Einzelvertreter Tobias Braune mit einem Antrag an die Ratsversammlung zu Wort gemeldet. Er fordert, dass die Stadt eine Million Euro Soforthilfe bereit stellen und ein Hilfsteam für Aufräumarbeiten nach Blantyre schicken sollte.

Spenden sind fraglos wichtig, wichtig sind aber auch die Adressaten. Für Sylvia Hesse ist es wesentlich, dass man weiß, in welche Hände Hilfsgelder kommen – und für welche Zwecke. Es lasse sich am ehesten vor Ort entscheiden, welche konkreten Arten von Hilfe gebraucht würden. Wozu die guten Kontakte des Freundeskreises beitragen können. „Es ist wichtig, alles gut zu durchdenken und mit den Menschen vor Ort abzusprechen.“

Neben der aktuellen Katastrophenhilfe sei auch weiterhin nachhaltige Unterstützung nötig – auch um eben solche Katastrophen künftig zu verhindern, oder zumindest in ihrem Ausmaß einzuschränken. Die Überflutungen hätten nämlich nicht erst mit dem Zyklon eingesetzt, sondern bereits noch während der Regenzeit Anfang März. Der Tropensturm habe dann die Situation eskalieren lassen. Eine wichtige Ursache für die Überschwemmungen sei auch die Abholzung, ist Hesse überzeugt. Die Gründerin und ehemalige Leiterin des Agenda-21-Büros der Stadt Hannover ist erst im vergangenen November für ihr Umweltengagement mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet worden.

Es sei total erschreckend, wie viele Bäume in Malawi gefällt würden. Aber einfach sei das Problem nicht aus der Welt zu schaffen. Von den 19 Millionen Einwohnern des Landes würden 75 Prozent unter der Armutsgrenze leben, davon weitere 40 Prozent als extrem arm gelten. Hauptnahrungsmittel sei ein einfacher Maisbrei. Der aber müsse gekocht werden, und dafür bräuchten die Menschen Feuerholz. Ein gutes Beispiel für die Komplexität eines Problems, und dafür, dass es eben nicht reicht, dort Bäume zu pflanzen, sondern dass man vor Ort mit den Betroffenen nach Lösungen suchen muss, wie diese Bäume auch erhalten werden können.

Von Andreas Krasselt