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Meine Stadt MHH-Neubau hat Folgen: „Verliere ich diesen Garten, muss ich mein Studium aufgeben“
Hannover Meine Stadt MHH-Neubau hat Folgen: „Verliere ich diesen Garten, muss ich mein Studium aufgeben“
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12:51 09.05.2019
Ein Garten mit Bedeutung: Inga Vardhan leidet unter epilepsieartigen Anfällen und kann nur Medizin an der MHH studieren, weil ihre Gartenhütte schnell erreichbar ist.
Hannover

Inga Vardhan (33) sitzt in ihrem Kleingarten in der Kleeblatt-Kolonie und lernt für ihre nächste Prüfung. „Nur dank dieses Gartens konnte ich mir den Traum vom Medizinstudium erfüllen“, sagt sie. Auf ihrem Gartentisch liegen Medizinbücher, ihr Hund Merlin flitzt umher. Pure Kleingartenidylle – mit hoher Bedeutung.

Denn Vardhan leidet unter epilepsieartigen Krampfanfällen, bricht zweimal am Tag zusammen. „Als ich vor zwei Jahren die Diagnose bekam, dachte ich, mein Leben sei vorbei, ich wollte nicht mehr“, erzählt sie. „Und heute gehe ich mit einem Lächeln durch meinen Garten und merke, dass doch noch alles gut geworden ist.“ Der MHH-Neubau bedroht das neue Lebensglück jetzt.

Kurzer Weg in die Gartenhütte zu den Medikamenten

Die heute 33-Jährige konnte trotz ihrer Behinderung mit dem Traumstudium beginnen – denn sie bekam einen Hund, der dafür ausgebildet ist, ihre Anfälle vorher zu wittern – und den Kleingarten. Wittert Merlin einen Krampfanfall, gibt er seinem Frauchen ein Signal und führt sie in ihre nur zwei Gehminuten vom Hörsaal entfernte Gartenhütte. Dort nimmt Vardhan ihre Medikamente und legt sich hin bis der Anfall vorbei ist. Danach geht es zurück in die Vorlesung.

„Verliere ich diesen Garten, muss ich mein Studium aufgeben“, sagt sie. Nun ist das Realität: Vardhan wird ihre Parzelle aufgeben müssen – wie mehr als 200 weitere Pächter. Am Dienstagabend erfuhren sie bei einer Infoveranstaltung, wann sie ihre Gärten verlassen müssen. Vardhan hat noch Zeit bis Ende November 2020, manche müssen ihre Gärten schon im Oktober räumen.

Diese Information war ein Schockmoment auf der Veranstaltung, das Publikum schimpfte. Doch als sich Vardhan erhob und ihre Geschichte erzählte, um den Politikern zu verdeutlichen, welche Schicksale an den Gärten hängen, war es still im Raum. Als sie ihren letzten Satz beendet hatte, applaudierten die Menschen.

Die Stadt verstehe nicht, wie wichtig die Gärten sind

„Aber ich bin nicht der einzige Härtefall hier – alle Kleingärtner haben ihre Geschichten“, so Vardhan. Sie kenne Garten-Nachbarn, denen ihre Parzelle dabei helfe, über eine Scheidung hinwegzukommen. Oder Rentner, die ihren Lebensabend dort verbringen – und darauf angewiesen sind, dass der Garten fußläufig von ihrer Wohnung zu erreichen ist. „Doch irgendwie versteht die Stadt nicht, wie wichtig die Gärten sind.“

Ihrer Meinung nach laufe einiges schief – und die MHH stehe als Sündenbock da. „Das finde ich nicht fair, die MHH tut mir leid“, so die Medizinstudentin. „Die Klinik kann da gar nichts zu, die haben ihr Recht auf die Fläche und planen ein tolles Projekt, von dem jeder profitieren wird.“ Doch sie versteht auch die anderen Kleingärtner: Sie seien emotional, fühlen sich überrannt. „Natürlich können sie sich nicht für die MHH freuen und sehen den Neubau nicht als etwas Positives an.“

Es sei die Aufgabe der Stadt, zwischen MHH und Kleingärtnern zu vermitteln. Am Infoabend sei das nicht gelungen. „Am Ende des Abends waren wir nur noch wütender – ich auch“, so die 33-Jährige. Dezernentin Sabine Tegtmeyer-Dette zeigte sich jedoch berührt von Vardhans Geschichte und stellte ihr einen Ersatz-Garten in Aussicht. „Das reicht aber nicht, ich bin doch nur ein Einzelfall“, so die Studentin.

Von Josina Kelz

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