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Meine Stadt MHH-Herzspezialist: So gefährlich sind Diesel-Partikel wirklich
Hannover Meine Stadt MHH-Herzspezialist: So gefährlich sind Diesel-Partikel wirklich
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16:57 08.02.2019
Warnt vor Feinstaub: MHH-Herzspezialist Axel Haverich setzt sich deshalb für eine Senkung der Grenzwerte ein. Quelle: Wallmüller
Hannover

Professor Axel Haverich (65) leitet seit 23 Jahren die Herzklinik der Medizinischen Hochschule der MHH und forscht seit einiger Zeit intensiv zum Thema Feinstaub. Die NP sprach mit ihm über die Gefahren dreckiger Luft und die aktuelle Debatte darüber.

Mehr als 100 Lungenärzte haben in einer gemeinsamen Erklärung die aktuellen Grenzwerte für Feinstaub und Stickoxid in Frage gestellt. Sind die Schadstoffe in der Luft also doch nicht so gefährlich?

Für den Herz- und Kreislaufbereich sind die Zusammenhänge so eindeutig belegt, dass man gar nicht darum herum reden kann. Bei hoher Feinstaubbelastung steigt das Risiko für Schlaganfälle und Herzinfarkte spürbar an. Das gilt nicht nur bei langfristiger Belastung. Studien aus China belegen, dass es an Tagen mit hoher Feinstaubbelastung mehr Herzinfarkte und Schlaganfälle gibt. Für Lungenerkrankungen ist das Risiko vielleicht nicht ganz so hoch. Aber eine Studie mit Schwangeren aus Belgien belegt zum Beispiel, dass Kinder ein geringeres Geburtsgewicht haben, wenn ihre Mütter in der Schwangerschaft einer höheren Feinstaubbelastung ausgesetzt waren. Viel häufiger sind allerdings Schäden des Herz-Kreislauf-Systems.

Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) sieht in dem Beitrag der Lungenärzte eine „Versachlichung der Debatte“. Haben Sie und andere Kollegen, die vor den Gefahren dreckiger Luft warnen, bisher unsachlich argumentiert?

Ich kann Herrn Scheuer gerne auf elektromikroskopischen Aufnahmen die Dieselpartikel zeigen, die wir in Arterienverkalkungen gefunden haben - und zwar bei der Hälfte der Atherosklerose-Erkrankten, die wir untersucht haben. Außerdem haben wir zahlreiche Herzinfarkte mit der Feinstaubbelastung am Wohnort herz-transplantierter Patienten verglichen und dabei ganz klare Zusammenhänge festgestellt. Wer in Hannover-Stöcken wohnt, hat ein höheres Risiko als jemand aus dem Harz. Zusätzlich zu den Patienten aus Hannover haben wir mittlerweile auch Daten aus Hamburg und Regensburg bekommen. Der statistische Zusammenhang ist dadurch noch deutlicher geworden.

Die aktuellen Grenzwerte gehen also in Ordnung?

Als Mediziner muss ich mich sogar für eine Senkung aussprechen. Es gibt jedenfalls keinerlei Belege, die begründen, dass man sie nach oben korrigieren sollte.

Ihr Kollege Professor Tobias Welte, der die Lungenklinik der MHH leitet, hat in einem Interview den Unterzeichnern der Grenzwert-Kritik im Kern Recht gegeben, vor einer hysterischen Debatte gewarnt und davon gesprochen, dass es zu Stickoxid und Feinstaub keine verwertbaren Ergebnisse gebe. Haben Sie schon mit ihm geredet?

Wir reden regelmäßig miteinander und wollen auch ein gemeinsames Forschungsprojekt machen. Auf die Lunge bezogen kann ich seine Meinung teilen. Als Herz-Kreislauf-Mediziner muss ich aber eine andere Position beziehen. Was Herzinfarkte und Schlaganfälle angeht, sind die Zusammenhänge sehr viel deutlicher.

Was erwarten Sie von der Politik?

Sie muss die Grenzwerte akzeptieren und danach handeln. Sie sollte auch darauf hinweisen, dass jeder Mensch einen Beitrag leisten kann. Ich fahre seit zwölf Jahren mit dem Fahrrad zur Arbeit - und jeden Morgen sehe ich, dass in neun von zehn Autos, die mir auf der Walderseestraße entgegenkommen, nur ein einzelner Mensch sitzt. Vor allem brauchen wir aber auch Unterstützung, um Studien durchzuführen. Wir müssen wissen, welche Partikel wirklich Krankheiten auslösen. Dieselpartikel sind schlimm. Aber auch Reifenabrieb ist gefährlich. Das müssen wir genau untersuchen. Wenn wir noch mehr Belege haben, können auch nicht mal eben 100 Lungenärzte kommen und alles in Frage stellen.

Im vergangenen Jahr beklagten Sie, dass Sie sich vergeblich um Fördergelder für Forschungen zum Thema Feinstaub bemühen. Waren Sie mittlerweile erfolgreich?

Das ist leider immer noch schwierig. Wir haben aber gerade einen neuen Forschungsantrag zusammen mit Ingenieuren und Naturwissenschaftlern der Leibniz-Universität eingereicht. Mit dem Projekt wollen wir herausfinden, welche Arten von Feinstaub in der Luft sind und wie sich das auf den Organismus auswirkt.

Man könnte den Eindruck gewinnen, der Bund sei derzeit nicht an neuen Erkenntnissen interessiert, die den Druck auf die Autoindustrie weiter erhöhen.

Den Eindruck könnte man tatsächlich gewinnen. Ich sehe da aber eher ein Zuständigkeitsproblem. Das Umweltministerium sagt, es sei ein Wissenschaftsthema. Das Wissenschaftsministerium hält es für ein Gesundheitsthema. Und das Gesundheitsministerium sagt, das Umweltministerium sei zuständig. Ich würde mich freuen, wenn jemand die heiße Kartoffel anfassen würde.

Von Christian Bohnenkamp