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Meine Stadt Freiherr-von-Fritsch-Kaserne: Der letzte Zapfenstreich in der Geisterstadt
Hannover Meine Stadt Freiherr-von-Fritsch-Kaserne: Der letzte Zapfenstreich in der Geisterstadt
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15:42 30.01.2020
Eine Geisterstadt: Die Gebäude der früheren Freiherr-von-Fritsch-Kaserne zerfallen. Quelle: Dröse
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Hannover

Es ist stockdunkel. Der Lichtkegel der Taschenlampe reicht gerade aus, um den kleinen Raum etwas zu erleuchten. An der Wand hängen vier Feldbetten übereinander. Darauf könnte man noch liegen, wenn man denn wollte. Doch in diesem verstaubten Raum unter der Erde will man nicht bleiben, sondern einfach nur raus.

Vorbei geht es an Halterungen, in denen Gewehre abgelegt werden können. Es geht durch dicke Stahltüren. Auf dem Boden liegen größere Glassplitter. Sie zerspringen, wenn man drauf tritt. Überhaupt muss man hier aufpassen. Mal liegt ein Stück Holz im Gang, eine miese Stolperfalle in der Dunkelheit. Fluoreszierende Streifen an den Wänden weisen den Weg nach draußen.

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Galerie: So sieht die Kaserne heute aus

Bis 1998 war die Bundeswehr in der Freiherr-von-Fritsch-Kaserne stationiert. Seitdem fällt das Gebäude zusammen. Es steht vor dem Abriss.

Endlich Licht am Ende des Labyrinths. „Exit“ steht mit gelber Farbe an einer Wand, die von der Sonne angestrahlt wird. Es hat dort jemand dran gesprüht. Die Treppe ist mit Efeu und anderen Pflanzen mit Dornen zugewachsen. Sie bröckelt in dieser Geisterstadt vor sich hin.

Spezialeinheiten testen auf dem Gelände

Draußen wartet Rolf-Willi Lehmann (86). Er ist nicht mit in den alten Bunker unter dem Regimentsgebäude der früheren Freiherr-von-Fritsch-Kaserne hinab gestiegen. Er ist froh, dass er nie den Ernstfall erlebt hat und in den Bunker musste. Dann, wenn es tatsächlich zu einem Atom-Krieg zwischen der USA und der Sowjetunion gekommen wäre. 23 Jahre hat Lehmann hier als Soldat gedient.

Er zeigt auf das gegenüberliegende Gebäude. „Das war mal mein Dienstzimmer“, erinnert sich der Rentner. Jetzt eindeutig nicht mehr. Denn ein großes Loch ist im Dach. Hier hat jemand versucht, Bratwürste zu grillen. Die Feuerwehr musste löschen. Bis 1998 waren auf dem Gelände Soldaten der Bundeswehr stationiert, seitdem stehen die etwa 30 Gebäude und das riesige Kasernengelände leer. 27 Hektar, also ungefähr 66 Fußballfelder, ist es groß. Die Natur erobert es zurück. Auf einigen Dächern wachsen Bäume.

Doch ganz verlassen ist dieser Ort nicht. „Halt Polizei! Raus aus dem Auto“, schreit plötzlich ein Mann. Er hat die Pistolen im Anschlag. Drumherum seine Kollegen, sie haben ein Fahrzeug im Visier. Ganz langsam öffnet sich die Autotür. Eine Person steigt aus, die Hände nach oben. Doch er kann sie wieder herunternehmen. Einsatzbesprechung.

Lehmann war einer der ersten Soldaten

Der Mann, der aus dem Auto kam, ist kein Gewaltverbrecher. Er gehört dem Mobilen Einsatzkommando (MEK) an, einer Spezialeinheit der Polizei. Sie nutzt die verlassene Kaserne ebenso wie das Feuerwehr, THW oder das SEK. An kaum einen anderen Ort kann man so ungestört trainieren wie hier – und es macht auch nichts aus, wenn mal ein Fenster zu Bruch geht. An einigen Gebäuden klaffen dicke Löcher in der Häuserwand, hier haben die Spezialkräfte stärkeres Geschoss eingesetzt.

Auch Lehmann wurde schon einmal von der Polizei gestoppt, als er sich seine ehemalige Dienststelle anschauen wollte. Er kam 1960 in die Kaserne. Der damals 27-Jährige war einer der ersten Soldaten der Bundeswehr, die hier stationiert wurden.

Rolf-Will Lehmann war viele Jahre in der Freiherr-von-Fritsch Kaserne stationiert. Das linke Bild zeigt ihn Anfang der 60er-Jahre bei der späteren Fahrschule. Rechts steht er im Dezember 2019 vor der Ruine des Gebäudes. Quelle: Dröse

„Wir haben uns sehr wohl gefühlt und konnten hier viel Eigeninitiative reinstecken.“ Auf dem Sportplatz bauten die Soldaten zum Beispiel eine Weitsprunggrube. Ein altes Foto zeigt Lehmann auf der Treppe vor der späteren Fahrschule der Kaserne. Freundlich lächelnd, mit Uniform und Schirmmütze.

Hakenkreuz an der Decke

Lehmann war lange Zeit im Versorgungs- und Nachschubbataillon dafür zuständig, dass es der Truppe an nichts fehlte. Zeitweise hatte er 200 Menschen unter sich. „Ich vermisse die Zusammengehörigkeit. Wenn du deinen Aufgabe ernst genommen hast, dann warst du Heiligabend bei den Soldaten in der Kaserne.“

Die Zeit war geprägt vom Kalten Krieg. Der Russe ist der Feind, der Eiserne Vorhang war ganz nah. Ein Teil der Soldaten in der Freiherr-von-Fritsch-Kaserne war immer in Bereitschaft. Sie schliefen in vollständiger Montur, sofort zum Einsatz bereit. Doch mit der Wende kam der letzte Zapfenstreich: Dass die Kaserne zur Geisterstadt wurde, hängt auch eng damit zusammen, dass nach dem Mauerfall die Bundeswehr verkleinert worden ist.

Vereidigung der Rekruten im Februar 1988. Quelle: Archiv

In einem älteren Gebäude in der Nähe des Zauns rieselt der Putz von der Decke und bringt Abbildungen zum Vorschein, die hier niemand mehr sehen möchte. Ein Reichsadler ist zur erkennen, das Eichenblatt und darüber die letzten Ecken eines Hakenkreuzes. Die Freiherr-von-Fritsch-Kaserne hatte schon eine Geschichte vor der Bundeswehr.

Bald beginnt der Abriss

Bis zum Kriegsende war die Flakstammbatterie der Wehrmacht in der Kaserne. Bei einem Luftangriff im Jahr 1943 zerstörten die Alliierten große Teile der Kaserne. Ob da noch was unter der Erde liegt? Noch ist nicht jeder Quadratmeter abgesucht.

Chronik Freiherr-von-Fritsch-Kaserne

1939: In zwei Jahren Bauzeit hat die Wehrmacht die Kaserne errichtet – damals noch ohne Namen.

1943: Bei einem Luftangriff werden große Teile der Kaserne zerstört. Die Bauten werden provisorisch wieder hochgezogen.

1945: Nach Kriegsende werden auf dem Areal Flüchtlinge und Vertriebene untergebracht.

1960: Bundeswehr-Soldaten des Artillerieregiments ziehen ein.

1972: Einzug des Versorgungs- und Nachschubbataillons.

1998: Die Bundeswehr verlässt die Freiherr-von-Fritsch-Kaserne.

2000: Während der Expo ist die Polizei und der Bundesgrenzschutz in der Kaserne untergebracht.

2016: Die Niedersächsische Landgesellschaft kauft das Gelände.

2020: Der Abriss der alten Gebäude beginnt.

„Es ist schon ein wenig traurig, wenn man sich ansieht, wie das zerfällt“, sagt Lehmann. Die langen Gänge in den Gebäuden sind verlassen. An den Wänden sind Graffiti. In einem Raum lächelt ein Donald Duck von der Wand. In einem anderen hängt eine Lampe mit Leuchtröhren senkrecht zum Boden. Die Decke ist eingestürzt.

Rekruten lernen in der Freiherr-von-Fritsch-Kaserne 1978 das Schießen mit dem Gewehr. Quelle: Archiv

Für Lehmann war es ein letzter Spaziergang über den Ort, in dem er viele Jahre seines Lebens täglich marschierte. Er wohnt noch heute direkt nebenan. Von seinem Balkon aus kann er auf die alten Ruinen blicken. Von innen hat er sie heute wahrscheinlich das letzte Mal gesehen. In wenigen Tagen beginnt der Abriss.

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Von Sascha Priesemann

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