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Meine Stadt So reagiert Hannover auf die Linnemann-Forderungen
Hannover Meine Stadt So reagiert Hannover auf die Linnemann-Forderungen
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21:02 07.08.2019
Integration:Ein Flüchtlingsmädchen meldet sich während des Unterrichts in der Sprachlernklasse an der Peter-Ustinov-Schule. Bis zu 90 Prozent der Schüler haben dort einen Förderbedarf. Quelle: Foto: dpa
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„Ein Kind, das kaum Deutsch spricht und versteht, hat auf einer Grundschule noch nichts zu suchen.“ Mit dieser Äußerung hat CDU/CSU-Fraktionsvize Carsten Linnemann eine hitzige Debatte ausgelöst. Der Politiker musste viel Kritik einstecken. Linnemann betonte, es gehe ihm nicht um ein Grundschulverbot, sondern um gleiche Chancen für Kinder.

Dass in Deutschland die soziale Herkunft noch immer in stärkerem Maß über den Bildungserfolg bestimmt als in vielen anderen Ländern, ist ein Armutszeugnis. Ist es deshalb der richtige Weg, Kinder, die nicht fließend Deutsch sprechen, von der Regelschule fernzuhalten? Die NP sprach mit Hannoveranern mit Migrationshintergrund, die es trotz erschwerter Startbedingungen nicht nur in der Schule geschafft haben.

„Wenn man Kinder ausgrenzt, ist das kontraproduktiv“

Afra Gamoori ist schulpolitische Sprecherin der SPD, jüngste Ratsfrau Hannovers und angehende Lehrerin. Das Ergebnis harter Arbeit. Denn ihr Schulstart Ende der 90er Jahre sei für sie, die Tochter politischer Flüchtlinge aus dem Iran, „echt schwierig“ gewesen. „Meine Mutter war nicht nur alleinerziehend, sie hatte auch keine Ahnung, wie das deutsche Schulsystem funktioniert. Noch dazu war sie selber damit beschäftigt, Deutsch zu lernen“, so die 28-Jährige. Mit vier Jahren besuchte die SPD-Frau die Vorschule, Einschulung mit fünf. „Eine Kita habe ich nie besucht.“ Und doch fiel Gamoori das Lernen stets leicht. „Ich habe immer gute Noten geschrieben, schnell Deutsch gelernt und wollte schon damals das Abitur machen.“ Den Grund für ihren erfolgreichen Bildungsweg, sieht die Politikerin darin: „Je jünger die Kinder sind, desto schneller lernen sie die Sprache. Wenn man Kinder ausgrenzt, ist das kontraproduktiv. Man nimmt ihnen alle Chancen.“ Doch auch multiprofessionelle Teams an Schulen seien für den Lernerfolg entscheidend, so Gamoori: „Es muss in mehr Personal und eine bessere Lehrerausbildung investiert werden.“

Hozan Partawies Wurzeln liegen im Irak. Mit zwei Jahren kam er nach Deutschland. Die Aussagen von CDU-Mann Linnemann nennt er „puren Schwachsinn“. In der Grundschule habe er viel Unterstützung erfahren. „Statt mich wegen mangelnder Deutschkenntnisse auszugrenzen, hat man mir geholfen.“ Erst in der Realschule habe ihm einmal sein Mathelehrer gesagt, dass er den Abschluss sowieso nicht schaffen werde. Partawie: „Habe ich dann doch.“ Heute leitet er die Bolia-Filiale in der Schillerstraße.

Belit Onay lernte Deutsch „von meiner deutschen ’Oma’, unserer Nachbarin“

Belit Onay sitzt für die Grünen im Landtag, im Oktober will er Hannovers neuer Oberbürgermeister werden. „Ich bin der klassische Aufstieg-durch-Bildung-Typ“, sagt Onay. Seine Eltern kamen als Gastarbeiter nach Niedersachsen, Belit wurde 1981 in Goslar geboren. „Wir haben zu Hause nur Türkisch gesprochen, das ist noch heute so. Meine Eltern sprechen inzwischen zwar gut Deutsch, hätten mir die Sprache aber nie beibringen können.“ Schon vor der Einschulung lernte Belit Onay Deutsch – „im Spiel mit meinen Nachbarsfreunden oder von meiner deutschen ’Oma’, unserer Nachbarin“. Sie war es, die Belit und seiner Schwester Geschichten vorlas, ihnen später Nachhilfe gab. „Obwohl ich also schon recht gut Deutsch konnte, als ich in die erste Klasse kam, war mein Wortschatz viel kleiner als der von deutschen Kindern.“

Zum Glück gab es Frau Wiese. Onay: „Sie war eine tolle Klassenlehrerin, sehr empathisch, hat sich immer die Zeit genommen, mir Worte zu erklären.“ Deutsch lerne man nicht, in dem man Kinder ausgrenze, so der OB-Kandidat: „Kinder brauchen dafür möglichst viele Berührungspunkte, man lernt nur im Kontakt mit anderen deutschen Kindern.“

Expertin: Kindern sollten möglichst lange gemeinsam lernen

Laut Lehrerverband spricht mindestens jedes fünfte Kind in der ersten Klasse zu schlecht Deutsch, um dem Unterricht zu folgen. Auch die Zahl der Schüler ohne Abschluss steigt, so eine Caritas-Studie.

Die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli (SPD), die als Kind palästinensischer Eltern erst in Klasse eins Deutsch gelernt hat, halte die Debatte für wichtig, allerdings werde sie zu emotional geführt. Es gehe um Teilhabe, Chancengleichheit und „letztendlich um die Zukunft dieser Kinder und dieses Landes“. Es müsse dafür gesorgt werden, dass Kinder, die aus verschiedenen Gründen nicht gut Deutsch können, genügend Unterstützung bekommen, um vor der Einschulung gute Deutschkenntnisse zu erlangen.

Bei der Erziehungswissenschaftlerin Mona Massumi, Mitautorin der Studie „Neu zugewanderte Kinder und Jugendliche im deutschen Schulsystem“, lassen die Aussagen von CDU-Mann Carsten Linnemann die Alarmglocken schrillen, sagte sie im „Deutschlandfunk“. Das Bildungssystem fuße doch auf dem Gedanken der Bildungsgerechtigkeit und darauf, dass alle Kinder und Jugendliche Zugang bekommen, so die Expertin. In den vergangenen Jahren sei viel über die Schule geredet worden, aber die Elementarbildung sei sehr stark vernachlässigt worden. Daher fordert Massumi: Keine Deutschgebote in Kitas und Schulen, stattdessen Förderung der Mehrsprachigkeit; kleinere Kita-Gruppen und besseres Lernmaterial und statt früher Selektion in Grundschulen sollten Kinder möglichst lange gemeinsam lernen.

Von Britta Lüers

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