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Meine Stadt Wenn Lesen zum Abenteuer wird
Hannover Meine Stadt Wenn Lesen zum Abenteuer wird
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00:20 28.10.2018
ABENTEUER LESEN: NP-Redakteurin Petra Rückerl mit Noah  und Swantje aus der Johanna-Friesen-Schule. Die beiden lesen normalerweise mit Nina Pehrisch.
ABENTEUER LESEN: NP-Redakteurin Petra Rückerl mit Noah und Swantje aus der Johanna-Friesen-Schule. Die beiden lesen normalerweise mit Nina Pehrisch. Quelle: Fotos: Wilde
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Der Text ist wahrlich nicht einfach: „Im Lande Eule-Sule“. liest Noah sehr tapfer und mit seinen sieben Jahren sehr schön, aber er wird von mir unterbrochen: „Steht denn da ein E oder ist das ein H? – wobei das H nicht wie ein Ha, sondern wie ein gekeuchtes Höh ausgesprochen wird, um den Zweitklässler nicht zu verwirren. Also noch einmal: „Im Lande Hule-Sule, zehntausend Tagesreisen weit, da gibt es eine Schule für Ungezogenheit.“ Noah weiß auch, was „Ungezogenheit“ ist: „Wenn man frech ist“. In den nächsten Sätzen aus Michael Endes „Die Rüpelschule“ geht es ums Prahlen und Protzen. „Das ist wie angeben“, erkläre ich. Noah nickt wissend: „So wie einer aus meiner Klasse.“

Dann ist Swantje dran, die Gleichaltrige will mindestens genauso viel lesen wie ihr Klassenkamerad aus der Johanna-Friesen-Schule Oststadt). Und sie macht das genauso super wie Noah. Denn für beide gilt: Lesen macht Spaß.

Dass die Kinder dies so empfinden und dass sie es immer besser können, hat mit Nina Pehrisch zu tun. Die 47-jährige Leselernhelferin setzt sich einmal die Woche mit Noah und Swantje zusammen, um mit ihnen Lesen und auch das Verstehen von Texten zu üben. Immer wieder dienstags schenkt sie den Siebenjährigen jeweils etwa eine halbe Stunde. „Eine Zeit, von der auch ich etwas habe. Man bekommt wahnsinnig viel zurück“, sagt Pehrisch strahlend. Die Stewardess, selbst Mutter von drei Kindern im Alter zwischen elf bis 18 – „alle lesen gern“ – fing vor sieben Jahren als sogenannte Lese-Mama an der Johanna-Friesen-Schule an, seit vier Jahren unterstützt sie für den Verein Mentor die Grundschüler hier. Die Mädchen und Jungen mit einem Förderbedarf werden von Klassen- und Kontaktlehrerin Annette Düe (58) vorgeschlagen, die allein für ihre Klasse auf drei Mentoren zurückgreifen kann.

Lehrerin Annette Düe Quelle: Frank Wilde

„Für die Kinder ist das etwas ganz Besonderes“, sagt sie. „Die freuen sich die ganze Woche darauf, weil sie in dieser Zeit eben die volle Aufmerksamkeit bekommen. Die kann ich ihnen im normalen Unterricht gar nicht geben – da wird zwar auch vorgelesen, aber es kann eben nicht jeder drankommen.“ Die Schule wäre ärmer ohne die insgesamt 20 Leselernhelfer – zumal „Förderstunden bei uns gestrichen worden sind“. Annette Düe nimmt nicht nur die Freude und den Riesenspaß ihrer Schüler wahr, sie sieht auch echte Fortschritte ihrer Schützlinge. Die ehrenamtlich arbeitenden Helfer würden unschätzbare Dienste leisten. „Die Kinder haben die Chance, wirklich gut lesen zu können. Sie sind motiviert, auch mal zu Hause ein Buch in die Hand zu nehmen.“

Christiane Eisenhauer Quelle: Frank Wilde

Im Einzugsgebiet dieser Schule ist es laut Annette Düe normal, dass zu Hause gelesen wird. Aber der Verein Mentor ist eben auch dort, wo diese Selbstverständlichkeit fehlt. „Wir betreuen Schüler in Vahrenheide, die kein einziges Buch zu Hause haben“, berichtet Christiane Eisenhauer (72), nach Gründer Otto Stender (82) zweite Vorsitzende des Vereins. Diesen Kindern den Lese-Gedanken überhaupt nahe zu bringen, sei schon ein Riesenschritt nach vorn. Und auch der Tatsache, dass immer mehr Eltern ihren Nachwuchs auf Schulen schickten, in die sie nicht unbedingt gehörten, trügen die Leselernhelfer Rechnung. „Natürlich können die Kinder in der fünften Klasse der Gymnasien pro forma lesen, aber viele verstehen die Texte nicht und können schon gar nicht eigene Texte gestalten“, weiß Eisenhauer.

In Zeiten von Smartphones und hohem Fernsehkonsum bieten die Lernlesehelfer den Jungen und Mädchen ein ganz eigenes Abenteuer. Das Abenteuer Lesen. Spannende Geschichten Buchstabe für Buchstabe, Wort für Wort, Satz für Satz zu erfahren, Betonungen zu erlernen und zu erkennen. „Da ist etwas am Ende, weißt Du, was das ist?“, fragte Nina Pehrisch den siebenjährigen Noah. „Ein Fragezeichen.“ „Und wie liest man das?“ Noah liest den Satz fragend. Und mit einem zufriedenen Lächeln. Das zaubert Nina Pehrisch auch Swantje ins Gesicht, die gerade sehr flüssig „Geschwindigkeitsmesser“ gelesen hat. „Toll, das ist ein schweres und langes Wort, das hast Du super gelesen.“

Mentor

Der Buchhändler Otto Stender hat den Verein „Mentor – die Leselernhelfer“ im Jahr 2003 ins Leben gerufen. Wer Mentor oder Mentorin werden will, muss nicht Mitglied im Verein sein. Aber der Verein schult und begleitet die ehrenamtlichen Helfer, bevor und während sie Jungen und Mädchen beim Lesenlernen unterstützen. Kontinuität ist wichtig: Ein- bis zweimal wöchentlich trifft sich ein Mentor mit seinem Schützling, es wird ge­lesen, aber man kann sich auch gegenseitig etwas erzählen. Wer Lust und Zeit hat:

www.mentor-leselernhelfer-hannover.de

Von Petra Rückerl