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Meine Stadt Rossmann: Gentechnik-Verzicht mit Hintertür
Hannover Meine Stadt Rossmann: Gentechnik-Verzicht mit Hintertür
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00:17 29.12.2018
UNAUFFÄLLIG: Reese's Süßwaren Riegel mit Gentechnik-Anteilen zwischen anderen wie Twix und After Eight.
UNAUFFÄLLIG: Reese's Süßwaren Riegel mit Gentechnik-Anteilen zwischen anderen wie Twix und After Eight. Quelle: Foto: Ralph Hübner
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Hannover

Raus aus dem Süßwarenregal: Rossmann hat angekündigt, die drei Gentechnik-Schokoriegel des US-Herstellers Reese’s zum Jahresende aus dem Sortiment zu nehmen. Dass überhaupt solche Produkte im Regal gelandet sind, sei „ein Einzelfall“ gewesen – den ein aufmerksamer Kunde bemerkt hatte und worüber die NP berichtete. Der Drogeriefilialist erklärt nun auch einen Gentechnikverzicht - allerdings mit Hintertür.

Während etwa Edeka und Rewe schon im Sommer der NP klar sagten: Wir nehmen keine Gentechnik-Produkte ins Sortiment, tut sich Rossmann da irgendwie schwer mit: Auf Nachfrage und die mehrfach geäußerte Bitte, sich doch einfach und klar verständlich zu positionieren, antwortet die Rossmann-Presseabteilung nach Verweis auf die Kennzeichnungspflichten in der EU so: „Wir dürfen Ihnen versichern, dass die bei Rossmann geführten Lebensmittel in jedem Fall entsprechend dieser gesetzlichen Bestimmungen gentechnikfrei sind.“

Keine Sicherheit für Verbraucher

Eine klare Ansage, dass man auf Gentechnik-Produkte verzichten wolle, sei das nicht, meint Brigitte Ahrens, Lebensmittelexpertin der Verbraucherzentrale (VZ) in Hannover: „Das kann man so nicht als Verzicht deuten, man bleibt da etwas offen – damit gibt es keine Sicherheit für die Verbraucher.“ Dadurch bleibe auch hier den Verbrauchern nur „der Blick aufs Etikett, um zu sehen, ob das Produkt eventuell gekennzeichnet ist“. Dabei wäre es aus ihrer Sicht durchaus möglich, dass Rossmann erklärt, auf Gentechnik-Produkte zu verzichten, soweit das möglich ist – also in jedem Fall auf solche, die gekennzeichnet werden müssen. „Dann könnte Rossmann auch das Siegel ‚ohne Gentechnik‘ führen.“ Klar sei aber: 100-Prozent-gentechnikfrei, diese Aussage geht nicht – allein schon, weil etwa die Kennzeichnungspflicht erst bei einem Gentechnikanteil von mehr als 0,9 Prozent in einer Zutat (also nicht am Gesamtprodukt!) greife.

Auch Dario Sarmadi von der Verbraucherschutzorganisation Foodwatch erklärt auf NP-Anfrage: „Diese Hintertür gibt es. Inwiefern Rossmann diese nutzt, können wir nicht sagen.“

Die VZ nannte es im Sommer „fragwürdig, warum bei den Eigenmarke-Produkten auf gentechnisch veränderte Zutaten verzichtet wird und bei Produkten anderer Hersteller nicht“. Diese Vorgabe sollte doch für alle Produkte im Markt gelten, „schließlich sind Eigenmarke-Produkt und der Schokoriegel in einem Markt oder gar im gleichen Regal zu finden“. Und: „Das Vertrauen der Verbraucher in den Drogeriemarkt und die Verbrauchererwartung an nicht gentechnisch veränderte Lebensmittel sollte nicht getäuscht und missbraucht werden“. Auf jeden Fall sollten nach Ansicht der VZ „solche Produkte und seine Zutaten „eindeutig und lesbar als gentechnisch verändert erkennbar sein“ – möglichst auf der Sichtseite des Produktes erkennbar, damit „der Verbraucher so tatsächlich die Wahlfreiheit hat und ausüben kann.“ Mit seiner Praxis aber erzeuge Rossmann „Irritationen: Hier der verantwortungsvolle Verzicht, auf Gentechnik bei den Eigenmarken und direkt neben so … das ist kein transparentes Vorgehen. Da sollte Rossmann eindeutig sein!“

Umfragen ergeben regelmäßig, dass etwa 80 Prozent der hierzulande Befragten keine Gentechnik in ihren Lebensmitteln möchte.

Gentechnik in Lebensmitteln

Laut der Verbraucherzentrale (VZ) in Hannover müssen Lebensmittel/Zutaten, die aus einem gentechnisch veränderten Organismus stammen, gekennzeichnet werden. Dazu zählen etwa Sojamehl, Sojaeiweiß aus Gen-Soja oder Maismehl und, Maltodextrin aus Gen-Mais. Egal, ob die gentechnische Veränderung im Endprodukt nachweisbar ist oder nicht.

Ausnahmen gibt es für Produkte von Tieren, die gentechnisch verändertes Futter erhalten haben – Milch, Fleisch, Wurst, Eier. Hier muss nicht auf Gentechnik hingewiesen werden. In der ökologischen Landwirtschaft ist Gentechnikeinsatz allerdings verboten.

Gentechnische Verunreinigungen müssen nicht deklariert werden, sofern die Spuren von gentechnischen Produkten/Zutaten zufällig oder technisch nicht zu vermeiden sind (unbeabsichtigt). Verunreinigungen bis zu einem Anteil von 0,9 Prozent je Zutat müssen auch nicht ausgewiesen werden.

Gentechnisch veränderte Mikroorganismen wie Bakterien, Hefen oder Schimmelpilze dienen als Hilfsstoffe zur Herstellung anderer Substanzen. So können etwa Enzyme, Vitamine, Aromen oder andere Zusatzstoffe mit Hilfe gentechnisch veränderter Mikroorganismen produziert werden. Daraus hergestellte Produkte müssen ebenfalls nicht gekennzeichnet werden.

Von einer fehlenden Kennzeichnung kann nicht darauf geschlossen werden, dass ein Lebensmittel nicht mit Gentechnik in Berührung gekommen oder „gentechnikfrei“ ist. Ohne Gentechnik hergestellte Lebensmittel können trotzdem Spuren von Verunreinigungen aufweisen.

Von Ralph Hübner