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Meine Stadt Das geheimnisvollste Buch von Hannover
Hannover Meine Stadt Das geheimnisvollste Buch von Hannover
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07:49 15.08.2019
Wenn es nicht hell sein darf: Arbeiten am Bid Book im Schein der Smartphones – das Team der Kulturhauptstadtbewerbung ist auch bei Instagram unterwegs. Quelle: Instagram
Hannover

Das dürfte das zurzeit geheimnisvollste Buch von Hannover sein: das sogenannte Bid Book zur Bewerbung um die „Kulturhauptstadt 2025“. Keiner hat es in seiner Vollendung bisher gesehen, kaum einer durfte es bisher lesen. Es scheint ein Hammer zu werden – zumindest von der Gestaltung her.

Und es ist fertig. 38 ebenso präzise, anspruchsvolle und umfängliche Fragen hatte Hannover hier detailliert zu beantworten – warum die Stadt einfach diesen Titel haben muss. Die Vorgaben sind vergleichsweise bürokratisch. 60 Seiten, keine mehr – und DIN A4, nicht größer. Kein Jumbo-Buch.

Und das ist dann schon rein äußerlich eine echte Herausforderung für einen Bewerbungsprozess, in dem Hannover bisher mit außergewöhnlichen Aktionen und einem besonderen Charme gepunktet hat – vom ersten Slogan „Hannover hat nichts“ bis zur Rap-Vorstellung in der Hauptstadt.

Aber wir leben ja in der Stadt von Kurt Schwitters – der verstand mit seiner Merz-Kunst ja etwas von außergewöhnlicher Typografie. Und das sollte sich doch in einer Bid-Book-Gestaltung fortsetzen lassen. Wenn man zum Beispiel einen Künstler oder Designer an die Gestaltung dieser Schrift lässt.

Könnte Vorbild für das Bid Book sein: Kurt Schwitters war ein bedeutender Typograf in, für und aus Hannover. Quelle: Archiv

In Berlin hört man, dass die Jury schon ein wenig, nun ja, nicht gerade genervt, aber doch schon ein wenig überrascht war über die detaillierten Fragen aus Hannover. Ob man denn genau DIN A4 einhalten muss? Muss man. Ob eine Seite so flach sein muss wie ein Blatt Papier? Muss nicht. Es dürfen aber eben nicht mehr als 60 Seiten sein. Und wie es auf der Titelseite zugehen darf ...

Das hat noch kein Bewerber vorgelegt

Auf der übrigens wohl nicht der Bewerbungsslogan „Hier. Jetzt. Alle.“ stehen wird, sondern etwas eigenes. Eigen wie dieses Bid Book sein wird. So etwas hat noch kein Kulturhauptstadtbewerber vorgelegt. Es wird wohl teuer – Summen sind natürlich nicht zu erfahren – und es hat eine Auflage von 20 kostbaren Exemplaren.

Die müssen bis zum 30. September in Berlin vorgelegt werden: Man kann sich sicher sein, dass diese Sendung dann nicht einfach per DHL nach Berlin befördert wird. Eine Übergabe-Aktion ist geplant. Die Kulturstiftung der Länder wird die Formalien überprüfen – und dann geht es an die Jurymitglieder.

Aber was steht drin? So ein Bid Book ist natürlich kein Wunschkatalog – in dem Sinne, was die Stadt denn gern alles von der EU finanziert bekommen möchte. Das ist auch so ein Missverständnis, wenn die Kulturszene im Rathaus anklopft und sagt, man hätte da ein ganz tolles Europa-Projekt und benötige ein wenig finanzielle Unterstützung.

Warum brennt die Stadt für Europa

In diesem Buch muss sich die Stadt präsentieren, klar machen, warum sie für Europa brennt. Und da hat Hannover einen gewissen Nachteil, weil die Stadt zu wenig Defizite hat. Da sind Chemnitz oder Zittau natürlich im Vorteil – wenn man die Jury überzeugen will, Geld sinnvoll einzusetzen. Andererseits kann Hannover punkten, wenn es einfach mal aufzeigt, was es für Europa tun und bedeuten kann.

Und das muss überzeugend passieren. Indem man sich auch sprachlich ansprechend präsentiert. Hannover will hier das Bürokratische künstlerisch aufbrechen. Wenn man die Beantwortung der Fragen nicht nur typographisch entsprechend gestaltet, sondern vielleicht auch einen Literaten, Dichter oder Denker die Inhalte in schöne Worte kleiden lässt. Und das dann in ein wohlklingendes Englisch übersetzt – denn so muss das Buch vorgelegt werden.

Vorher bleibt alles ziemlich geheim. Warum? Weil die einzelnen Bewerberstädte sich in einem ernsthaften Konkurrenzkampf fühlen, sich genau belauern, wer was macht. In den einzelnen Bewerbungsbüros sind Mitarbeiter eigens für die „Feindbeobachtung“ eingeteilt.

Erst das Thema, dann die Ausgestaltung

Hannover setzt, und das macht die Sache sympathisch, auf naheliegende Kräfte, während andere Städte auswärtige Agenturen beauftragen. Die sich gern auch mal selbst anbieten – da kommt dann auch schon mal eine Offerte aus Paris: dass man dank großer Erfahrung so ein Bid Book schlank hinbekommt. Man habe Expertise und das auch schon für andere Bewerber gemacht. Es ist mittlerweile europaweit eine kleine Kulturhauptstadt-Bewerbungsindustrie entstanden – die Instant-Konzepte und Instant-Slogans liefern zu „Smart City“ und „Empowerment“ und und und ...

Wie konkret muss so ein Bid Book werden? Erst einmal nicht so sehr. Die Jury will grundsätzlich wissen, ob die Richtung stimmt. Also die sogenannten „Leuchtturmprojekte“ en détail sind vorerst nicht gefragt.

Man muss sich das wie bei einer Documenta vorstellen: Das Thema ist benannt, die künstlerische Ausgestaltung kommt später. Erst im Dezember dieses Jahres, wenn Hannover in die engere Wahl, nämlich auf die Shortlist kommt. Die Jury wird dann zwei bis vier Städte benennen, die titelwürdig sind.

Motivation sogar um Dunkeln

Und dann kommt das Bid Book II ins Spiel, das wird noch umfangreicher, und dann wird es ernst. Bis zum Sommer 2020 muss ein genauer Zeitplan mit einzelnen Terminen und Projekten und einer entsprechende Finanzierung vorliegen. Auch daran wird schon gearbeitet. Sollte Hannover auf die Shortlist kommen, muss ein spartenübergreifendes Team aus fünf bis acht Kulturmachern bereit stehen. Namen kursieren, aber da etwas Konkretes zu erfahren, ist zurzeit unmöglich. Auch die Organisationsform dürfte klar sein – eine GmbH ist in solchen Fällen üblich, um unabhängig von politischen Hemmnissen arbeiten zu können.

Obwohl: Wenn man jetzt ins Rathaus reinhört, ist eine durchweg positive Stimmung gegenüber der Bewerbung auszumachen. Und die Motivation des Bewerbungsteams kann man auch auf Instagram nachgucken – da wird noch spät im Schein von leuchtenden Smartphones gearbeitet, weil das Deckenlicht sonst die Opernaufführung am Maschteich stören würde. Ein „Bajazzo“ sollte diesen Prozess doch bitte nicht unterbrechen. Die Telefonzentrale ist dieser „Lost Space“, wo die Bewerbung gestaltet wurde – mit Folien und Papieren an den Wänden, ein bisschen wie in einem Kommissar-Büro bei der Täterermittlung.

Und wann darf jeder das Bid Book sehen? Zumindest in seiner äußerlichen Form nach der Übergabe in Berlin. Dann werden auch Teile im Netz veröffentlicht. Allerdings nicht alles und keine besonderen Details, denn die könnten die Konkurrenten ja wieder auf besondere Ideen bringen.

Der Zeitplan für das Buch

Anfang September stellt die Stadt das Bid Book in Auszügen vor, macht Veranstaltungen zu den Inhalten der Bewerbung. 30. September ist Stichtag für das Bid Book, ein paar Tage vorher wird es überreicht und damit auch der Öffentlichkeit gezeigt. Am 11. und 12. Dezember präsentieren sich die acht Bewerberstädte der Jury.

Am Abend des 12. wird die Shortlist der Bewerberstädte bekannt gegeben. Das Bid Book II muss dann bis Sommer 2020 fertig sein. Dort werden Künstler, Projekte und Termin detailliert festgelegt. Danach kommt die Jury mit Delegationen in die Shortlist-Städte und wird dann den einen Titelträger bekanntgeben.

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