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Meine Stadt Kostenloser Nahverkehr: So läuft der Stresstest in Hannover
Hannover Meine Stadt Kostenloser Nahverkehr: So läuft der Stresstest in Hannover
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18:47 25.11.2019
Engpass: Wie gut der Test mit kostenlosem Nahverkehr am Samstag klappt, entscheidet sich auch in der Kurt-Schumacher-Straße, wo es in den Vorjahren im Advent regelmäßig Probleme gab. Quelle: Dröse
Hannover

Die Innenstadt von Hannover wird am Sonnabend zum Versuchslabor. Die Region will zusammen mit Üstra und Regiobus sowie den Cityhändlern testen, wie sich kostenloser ÖPNV auf den Autoverkehr auswirkt, der sonst an Samstagen im Advent regelmäßig zum Erliegen kam. Werden viele ihre Fahrzeuge stehen lassen, auf Bus und Bahn umsteigen sowie mit dem Fahrrad zum Shoppen in die City kommen? „Wir wissen selbst nicht genau, ob die Fahrgastzahlen stark zunehmen werden und ob sehr viel weniger Menschen mit dem Auto in die Innenstadt fahren“, räumt Verkehrsdezernent Ulf-Birger Franz ein.

Die Aktion am Samstag soll es zeigen und neue Erkenntnisse bringen, was Hannovers öffentlicher Nahverkehr schaffen kann und wo nachgebessert werden muss, um tatsächlich die Zahl der Autos in der City zu begrenzen. Seitdem Hannovers neuer Oberbürgermeister Belit Onay die autofreie Innenstadt bis 2030 als Zielmarke ausgegeben hat, hat der Test zusätzlich an Bedeutung gewonnen. Laut Verkehrsdezernent Franz, der darin „ein Zeichen für die Verkehrswende“ sieht, hat man sich bewusst für einen der besucherstärksten Tage im Jahr entschieden. Nach Angaben der Citygemeinschaft kommen an Adventssamstagen über den Tag verteilt 250.000 bis 300.000 Besucher in die Innenstadt.

Üstra verspricht: „Jeder kann sich entspannt in die Bahn setzen“

Um diesen Ansturm in den Griff zu bekommen, hat die Üstra ihre Kapazitäten um rund 50 Prozent im Vergleich zu üblichen Samstagen aufgestockt. Die Regiobus hat diese sogar fast verdoppelt. „Jeder kann sich ganz entspannt in die Bahn setzen“, verspricht Üstra-Chef Volkhardt Klöppner. Man werde „mehr Platz haben“ als sonst an Samstagen im Advent. Er findet den Testlauf „wichtig für die Verkehrswende in ganz Deutschland“.

Damit der nicht in die Hose geht und die Bahnen ungehindert rollen können, werden wichtige Straßen für den Autoverkehr gesperrt. Vor allem die Linien 10 und 17 waren sonst im Advent regelmäßig in Staus geraten, weil Autos die Gleise blockierten. Sie mussten deshalb in den Tunnel geschickt werden. Damit das am Sonnabend nicht passiert, werden die Goethestraße, der Großteil der Kurt-Schumacher-Straße und der Posttunnel für den Autoverkehr gesperrt. Auch die Georgstraße an der Oper ist dicht, weil auf dem Platz Aktionen stattfinden.

Polizei will härter gegen Verkehrssünder durchgreifen

Auch die Polizei will härter gegen Verkehrssünder durchgreifen und ist deshalb mit einem größeren Aufgebot im Einsatz. Kritisch könnte es vor allem in der Herschelstraße und in der Kurt-Schumacher-Straße werden. Über die Herschelstraße sollen die Parkhäuser erreichbar bleiben, zum Beispiel das unter dem Kaufhof. Laut Christian Donth von der Polizeidirektion Hannover will die Polizei unter anderem dafür sorgen, dass die Kreuzungsbereiche in jedem Fall frei bleiben und nicht mehr Autos darauf fahren, obwohl diese bereits verstopft sind. „Wir werden verkehrslenkend eingreifen“, kündigt Donth an. Sollte es zu voll werden, könnten weitere Straßen gesperrt werden. Dann sollten Autofahrer nach Parkmöglichkeiten „außerhalb des Cityrings“ suchen.

Martin Prenzler, Geschäftsführer der Citygemeinschaft, legt Wert darauf, dass es sich bei der Aktion nicht um einen autofreien Tag handelt. Die Händler und andere Wirtschaftsverbände sehen den Vorstoß von OB Onay kritisch. „Uns war wichtig, dass alle Parkhäuser in der Innenstadt erreichbar bleiben“, betont Prenzler. Nach anfänglicher Skepsis seien die Händler „absoluter Fan der Aktion geworden“. Der Verkehr an dem Adventssamstag werde „besser organisiert“ als sonst. Auch Prenzler erhofft sich „neue Erkenntnisse“ durch den Test.

Gemeindebund findet kostenlosen Nahverkehr „unverantwortbar“

Beim Niedersächsischen Städte- und Gemeindebund stößt der aber auf Kritik. „Ein kostenloser ÖPNV ist derzeit nicht realisierbar und unverantwortbar“, bemängelte Thorsten Bullerdiek, Sprecher des Gemeindebundes. Mit dem Aktionstag am Samstag würde den Bürgern vorgegaukelt, dass der kostenfreie Nahverkehr einfach umsetzbar wäre – dem sei nicht so. Vielmehr würde damit einem stark unterfinanzierten System das Geld für den Betrieb und für Modernisierungen entzogen.

Allerdings gibt es bei der Region Hannover auch gar keine Planungen für einen dauerhaft kostenlosen Nahverkehr. Verkehrsdezernent Franz hat mehrfach betont, dass er kein Fan davon ist. Der Großraumverkehr Hannover (GVH) hatte 2017 Ticketeinnahmen von 272 Millionen Euro. Dieses Geld müsste komplett aus Steuermitteln finanziert werden. Hätte Franz diese Summe zur Verfügung, würde er sie lieber in einen Ausbau des Netzes stecken. Auch ein 365-Euro-Ticket, das Hannovers Rat fordert, sahen Politik und Verwaltung in der Region lange skeptisch. Erst seitdem es dafür Bundesmittel geben könnte, ist die Große Koalition aus SPD und CDU in dieser Frage umgeschwenkt.

Aktionstag kostet rund 600.000 Euro

Dass es am Sonnabend dennoch kostenlosen Nahverkehr geben soll, begründet Franz damit, dass man zeigen wolle, „dass es auch anders geht“. Auch Menschen, die sonst nicht auf den ÖPNV setzen, sollen merken, dass dieser eine echte Alternative zum Auto sein kann. Immerhin rund 600.000 Euro lassen sich Region und Verkehrsunternehmen die Aktion kosten, die darin auch eine Werbemaßnahme sehen.

Kostenlosen Nahverkehr an Adventssamstagen wird es in diesem Jahr auch in Münster und Karlsruhe geben, sogar an allen. „Aber wir sind der erste Verbund, der sich das traut“, sagt GVH-Chef Ulf Mattern, der darin auch „einen Stresstest“ sieht. Er will die Aktion intensiv von Marktforschern begleiten lassen. „Wir wollen den Erfolg auch messen können“, sagt er.

Deutlich mehr Busse und Bahnen

Damit die Aktion auch wirklich ein Erfolg wird, haben die Verkehrsunternehmen ihre Kapazitäten deutlich aufgestockt. Die Kostenlos-Regelung gilt ab 30. November um 0 Uhr und geht bis Sonntagmorgen, 1. Dezember, um 5 Uhr. Die Stadtbahnlinien 1, 4, 6 und 7 fahren die ganze Zeit mit 3-Wagen-Zügen, die Linie 17 mit zwei Wagen. Auf den Linien 1, 2, 8 und 9 fahren zusätzliche Bahnen zur Verstärkung. Zudem wird auf allen Linien im Vergleich zu üblichen Samstagen der Takt erhöht. Die Linie 17 fährt alle 15 statt 20 Minuten. Die Linie 10 fährt zwischen 8 und 21 Uhr alle 7,5 Minuten statt zehnminütig. Alle weiteren Linien verkehren länger als üblich im 10-Minuten-Takt – und zwar von 10 bis 20.30 Uhr.

Die Buslinien 100/200, 120 und 121 lässt die Üstra zwischen 10 und 19 Uhr wie an Werktagen fahren. Zudem wird es auf einigen Abschnitten Zusatzbusse geben. Verstärker fahren auf der Linie 121 zwischen Altenbekener Damm und Hauptbahnhof. Dadurch erhöht sich der Takt auf diesem Abschnitt auf fünf Minuten. Das gilt auch für den Bus 100/200 zwischen August-Holweg-Platz und Kröpcke. Die Linie 120 verkehrt zwischen Ahlem und Schwarzer Bär alle zehn Minuten.

2500 zusätzliche Park & Ride-Plätze

Die Regiobus lässt ihre Sprinterlinien häufiger fahren. Die Linien 300, 500 und 700 fahren von 10 bis 20 Uhr alle zehn Minuten in Hannovers Innenstadt. Die Deutsche Bahn wird auf den besonders nachgefragten S-Bahnlinien S1, S2 und S5 den ganzen Tag über Langzüge einsetzen.

Außerdem wird es 2500 zusätzliche Park & Ride-Plätze geben. Die Conti stellt Flächen ihres Betriebsgeländes am Jädekamp (Stöcken) zur Verfügung. Weitere Plätze wird es auf dem Messegelände (Nord 4 und Nord 9 c-f) geben. Einen Überblick verschafft am Tag die App Nunav, die Autofahrer zu Parkplätzen lotst, die noch frei sind. Insgesamt stehen 10.000 kostenlose Park & Ride-Plätze zur Verfügung.

Für Radfahrer wird es am Steintor und auf dem Opernplatz zusätzliche Stellplätze geben. Auch ein Reparaturservice ist vorgesehen. Auf dem Opernplatz ist außerdem ein Gepäckservice geplant, bei dem Citybesucher ihre Einkäufe abgeben können.

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Von Christian Bohnenkamp

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