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Meine Stadt Kaugummiautomaten in Hannover: Kann man das noch essen?
Hannover Meine Stadt Kaugummiautomaten in Hannover: Kann man das noch essen?
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08:54 03.04.2019
Es gibt sie auch noch in Hannover: Auf der Suche nach Kaugummiautomaten wurde die NP in Linden und in der Oststadt fündig. Quelle: André Pichiri
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Hannover

Münze rein, Kurbel drehen, schon kommt unten die süße Überraschung raus. Wer auf Kinderaugenhöhe durch Hannovers Straßen streift, entdeckt hier und da tatsächlich noch einen Kaugummiautomaten. Wer lebt heute von einem scheinbar längst ausgestorbenen Geschäft? Wo stehen in der Stadt noch intakte Geräte? Und kann man den Inhalt noch essen? Die NP ging auf Spurensuche.

Jahrzehntelang prägten die meist roten Metallkästen in vielen Städten und Gemeinden das Ortsbild mit. Heute wirken sie wie aus der Zeit gefallen. Den Lebensunterhalt allein mit Kaugummiautomaten zu verdienen, ist mittlerweile jedenfalls genauso zäh und hart wie die bunten Kugeln darin. „Ein Automat wirft im Jahr zwischen 10 und 100 Euro ab. 1000 bis 2000 Automaten braucht man schon, um davon leben zu können“, rechnet Paul Brühl, Geschäftsführer im Verband der Automaten-Fachaufsteller (VAFA) im rheinischen Langenfeld, vor. Wie viele Automaten in Hannover noch in Betrieb sind, weiß er nicht. Das sei schwierig zu überprüfen, weil sich das Geschäftsgebiet eines einzelnen Aufstellers meist über mehrere Regionen oder sogar Bundesländer erstreckt. Bundesweit gebe es noch zwischen 400.000 und 600.00 Geräte, verteilt auf 1000 bis 1200 Aufsteller. Meist handelt es sich um Ein-Personen-Betriebe, die teils enorm große Gebiete abdecken müssen. Eine Tour, auf der die Geräte neu befüllt, gesäubert oder repariert werden müssen, ist nicht selten 700 Kilometer lang. „Manche fahren die Strecke einmal pro Woche, manche zweimal im Jahr“, sagt Brühl.

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Vandalismus macht der Branche zu schaffen

In Hannover macht jedoch nicht jedes Gerät den Eindruck, als stehe noch ein engagierter Betreiber dahinter. Verbeulte und verrostete Kästen rotten etwa auf der Falkenstraße in Linden vor sich hin und werden mittlerweile als Mülleimer benutzt. Zwei immerhin noch befüllte Geräte stehen auf der Limmerstraße neben einem Imbiss. „Ich arbeite hier seit über zehn Jahren. Seitdem habe ich noch nie jemanden gesehen, der sich um die Dinger kümmert“, sagt ein Mitarbeiter. Auch um die Ecke in der Albertstraße und der Elisenstraße stehen noch intakte Geräte. Laut aufgedruckter Adresse gehören sie alle einem Aufsteller aus dem über 200 Kilometer entfernten Nussen (Schleswig-Holstein). Am Telefon verweist ein älterer Herr auf seine Tochter. Die hätte das Geschäft schon vor Jahren übernommen. Ein Kontakt zu ihr kommt nicht zu Stande. In der Oststadt werden wir in der Eichstraße fündig. Hier ist sogar ein Betreiber aus Hannover angegeben, unter der Telefonnummer gibt es jedoch kein Anschluss mehr.

Münze rein, Kaugummi raus: In der Eichstraße (Oststadt) gibt es für 10 Cent noch die bunten, zuckersüßen Kugeln. Quelle: Frank Wilde

Warum viele Automaten einsam und verlassen vor sich hin rosten, hat laut Brühl verschiedene Gründe. Manchen Betreiber sind schon seit den Nachkriegsjahren im Geschäft und mit ihren Automaten gealtert. „Wenn jemand verstirbt, lassen sich nicht immer alle Standorte aufspüren“, gibt er zu bedenken. Dazu gebe es in der Branche auch schwarze Schafe, die das Geschäft aufgeben, ohne sich um ihre Geräte zu kümmern. Letztlich sei es einfacher und günstiger, die Automaten einfach hängen zu lassen.

Nichts mehr zu holen: In der Falkenstraße (Linden) verrottet ein Kaugummiautomat vor sich hin. Quelle: André Pichiri

Das größte Problem ist aber Vandalismus: Randalierer seien laut Brühl sehr erfinderisch, um an den Inhalt der Geräte zu kommen. Plastikjetons oder kleine flache Steine verstopfen letztlich aber nur den Münzschacht. Auch auf das Geld haben es manche Leute abgesehen. Dabei ist in den Automaten nicht viel zu holen. „Häufig wird aber einfach nur massiv und mutwillig zerstört“, bedauert Brühl, der in diesem Zusammenhang auch die nötige öffentliche Wertschätzung für die Geräte vermisst. „Wenn ich mit einem Schlüssel ein Auto zerkratze, trifft mit der harte Arm des Gesetzes. Wird so ein Automat beschädigt, scheint das die meisten nicht groß zu interessieren“, so sein Eindruck.

Stadt hat wenig Einfluss

Die Stadt Hannover hat jedenfalls wenig bis gar keinen Einfluss auf den Zustand der Automaten. „Solange die Geräte nicht weiter als 30 Zentimeter in den Straßenraum hineinragen, ist eine Genehmigung nicht erforderlich“, bestätigt Stadtsprecher Udo Möller. Der Aufsteller handelt die Bedingungen direkt mit dem Eigentümer des Gebäudes aus, an dem er das Gerät anbringt. Brühl: „Meist ist das nur ein kleiner Obolus, reich wird man davon nicht.“

Der Profi ist selbst immer noch fasziniert von den kleinen Kurbelkästen. „Mein Vater hat bei Stollwerk gearbeitet. Als Kinder hatten wir Süßigkeiten zu Hause ohne Ende. Trotzdem standen wir draußen mit unseren Groschen vor dem Automaten und waren gespannt, welche Kugel wohl unten rauskommt.“ Heute, da der Markt von Süßkram überschwemmt wird, lässt sich diese Spannung mit Kaugummis allein nicht mehr erzeugen. Die Aufsteller müssen mit neuen Produkten locken. Neben den klassischen bunten Kugeln gibt es süße Schlümpfe, Glibberspinnen oder leuchtende Flummis. Und trotzdem: Wirklich lukrativ ist auch das im Verhältnis zum Aufwand nicht mehr, wie Brühl zugibt: „Ein bisschen Idealismus ist auch dabei.“

Ein Stück Nachkriegsgeschichte

Sie sind auch ein Stück deutscher Nachkriegs-Geschichte. Mit den US-Amerikanern kamen nach dem Zweiten Weltkrieg erst die Kaugummis und dann auch die Automaten nach Deutschland. „Viele Betreiber sind in dieser Zeit aufgewachsen und wurden von ihren Kindheitserinnerungen praktisch inspiriert. Man war stolz auf sein Gewerbe“, blickt Paul Brühl, Geschäftsführer im Verband der Automaten Fachaufsteller (VAFA), zurück.

So prägten die Geräte jahrzehntelang vielerorts das Stadtbild, waren aber auch in Dörfern zu finden und lockten auf dem Schulweg mit Süßigkeiten oder billigem Plastikspielzeug. Kaugummiautomaten waren in ihrer Blütezeit nicht nur an Bartresen und in Kinos zu finden, sondern wurden in ganz Westdeutschland im Außenbereich an Hauswände gehängt, oft an Schulwegen und Bushaltestellen. Bis heute handelt es sich bei den Geräten meist um ganze Automatenbatterien, die zwei bis vier Automaten in einem Metallkubus vereinigen. Häufig sind sie rot lackiert, aber hier und da stößt man auch auf blaue oder weiße Kästen.

Da viele der heute noch verbliebenen Automaten zumindest äußerlich in schlechtem Zustand sind, liegen hygienische Bedenken nahe. Diese seien in der Regel aber unbegründet, da es zunehmend immer weniger, aber dafür umso größere Aufstellbetriebe gibt, die die Magazine spätestens alle drei bis vier Monate auswechseln. Brühl weist außerdem darauf hin: „Kaugummis haben kein Mindesthaltbarkeitsdatum. Deshalb müssen sie per Gesetz mindestens zwei Jahre haltbar sein.“ So lange bleibe aber kein Gerät ohne neue Befüllung.

Von André Pichiri