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Meine Stadt Kaufsucht: Eine Betroffene aus Hannover spricht
Hannover Meine Stadt Kaufsucht: Eine Betroffene aus Hannover spricht
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10:42 11.07.2019
„Kaufsüchtig ist man sein ganzes Leben“, Sieglinde Zimmer-Fiene leitet in Hannover eine Selbsthilfegruppe. Quelle: Frank Wilde
Hannover

Am Ende war es wie eine Hetzjagd. Einfach nur schnell musste es gehen, als ob jemand hinter ihr her ist. Der Kopf: aus. „Ich war morgens um 10 Uhr die erste im Geschäft in Hannover, weil ich irgendetwas gesehen hatte, was ich haben musste“, erzählt Sieglinde Zimmer-Fiene. Was sie damals haben musste? Völlig egal. „Mode, Cremes, Deko – zum Schluss habe ich einfach alles gekauft“, sagt die 63-Jährige. „Ich habe gekauft, gekauft, gekauft.“ Sie bezeichnet sich selbst als Kaufsüchtige. Nach Jahrzehnten der Sucht, hat sich Zimmer-Fiene wieder gut im Griff. Doch die Kaufsucht ist in Deutschland stärker denn je. Und sie wächst.

An das „ekelhafte Gefühl“ der Sucht erinnert sich die Betroffene noch genau: „Es war kein Wollen, es war ein Habenmüssen“, schildert sie. „Ich stürmte rein in den Laden, schnappte mir den Artikel, ab zur Kasse und raus.“ Kaum draußen, meldete sich dann schon wieder der Kopf, fragte: „Was hast du gerade für eine Scheiße gemacht?“ Denn zu dem Höhepunkt ihrer Sucht, hatte sie sich bereits hoch verschuldet. Hatte Kredite aufgenommen, um mehr kaufen zu können. „Aber zurückbringen konnte ich die Sachen auch nicht: Sie waren meine Beute.“

„Zittern, schwitzen, übergeben“

Eine wahre Sucht ist diese Kauf-Sucht – für die Anerkennung als Krankheit kämpft die Betroffene seit mehr als zehn Jahren. „Kaufsucht ist aber genauso schlimm wie die Abhängigkeit von Alkohol oder Tabletten. Mit heftigen gesundheitlichen Auswirkungen.“ Zittern, schwitzen, übergeben – die Entzugserscheinungen kamen in der Hochphase längst einer körperlichen Sucht gleich. Mit Shopping-Lust hatte das längst nichts mehr zu tun.

Schleichend kam die Sucht, erinnert sich die Zimmer-Fiene: „Ich hatte schon früh die Neigung, mehr auszugeben, als ich mir leisten konnte.“ Warum, ahnt sie erst heute: eine schwierige Kindheit, wenig Anerkennung durch die Eltern. „Ich wollte mir eine heile Welt erkaufen.“ Auch auf spätere Schicksalsschläge, etwa den Tod des ersten Ehemanns, reagierte sie mit verstärktem Kaufverhalten.

Sieben Alarmsignale für Kaufsuchtgefahr

Wann wird die Kauflust zur Kaufsucht? An diesen sieben Warnsignalen kann sich eine Neigung oder beginnende Sucht ablesen.

1. Das monatliche Gehalt reicht aufgrund des Shoppings nicht mehr.

2. Man redet sich das Problem schön: „Nächsten Monat gebe ich weniger aus...“

3. Viele Gegenstände werden zweifach gekauft.

4. Man verheimlicht den Kauf.

5. Man leugnet den Kauf.

6. Man versteckt gekaufte Artikel vor Familie oder dem Partner.

7. Man schämt sich, dass man so viel kauft.

Am Anfang bekommt man noch Lob

„Am Anfang bekommt man ja viel Lob für die neue Mode, die man sich oder den eigenen Kindern gekauft hat“, erzählt die zweifache Mutter. „Irgendwann beginnen die Leute zu fragen: Du hast ja immer neue Sachen, wie machst du das? Dann fängt es an, negativ zu werden.“

Aufhören kann Zimmer-Fiene zu diesem Zeitpunkt aber schon nicht mehr. Sie beginnt die neuen Sachen vor der eigenen Familie zu verstecken, ihre Einkaufsbummel werden immer hektischer. Mehr und mehr kreisen die Gedanken nur noch um neue Artikel, die sie haben muss. „Gleichzeitig steigt der Selbsthass, weil man weiß, dass es falsch ist.“

Waren im Wert von 6000 DM nahm die Kaufsüchtige von einer Einkaufstour mit nach Hause. Quelle: dpa

Bei ihrem Ehemann, ihren Kindern klingeln längst die Alarmglocken. Sie flehen die Mutter an, endlich mit dem Kaufen aufzuhören. „Meine Tochter sagte: Mama schwör’ mir, dass du es nie wieder tust“, erzählt die 63-Jährige mit heiserer Stimme. „Geschworen habe ich es. Doch ich wusste, dass ich es trotzdem tun werde.“ Die nächste „Hetzjagd“ kommt bestimmt.

6000 DM pro Einkauf

Zur „Hoch-Zeit“ ihrer Sucht in den 1990ern nimmt sie sich Waren im Wert von bis zu 6000 DM pro Einkauf „zur Auswahl“ mit nach Hause. Bezahlen braucht die gute Kundin erst später. „Die Boutiquen und Geschäfte unterstützten mein Verhalten, so lange ich die Rechnungen noch beglich. Für sie war ich ein willkommener Gast, wurde sogar mit Sekt empfangen.“ Durch ihr Einkommen im öffentlichen Dienst konnte Zimmer-Fiene ihre Sucht zudem lange bedienen.

Acht Jahre in der forensischen Klinik

So lange, bis es zu spät war. Wegen ihrer massiven Zahlungsrückstände muss Zimmer-Fiene schließlich vor Gericht. Wird wegen Betrugs verurteilt, gilt als vorbestraft. Mit 39 Jahren bringt man sie in der forensischen Psychiatrie Moringen unter – dort werden strafrechtlich eingewiesene Personen mit zugrunde liegenden psychischen Störungen behandelt. Jahrelang hatte sie zuvor nicht nur gekaufte Waren vor der Familie versteckt, sondern auch Rechnungen, Mahnungen, Vollstreckungsbescheide. Dieses Kartenhaus fiel plötzlich zusammen. Zu viele Gläubiger wollten nicht länger auf ihr Geld warten.

Acht Jahre blieb die zweifache Mutter in der Klinik – mit Drogenabhängigen, Sexualstraftätern und anderen Kriminellen. Dort galt sie als Exot. Denn unter Kaufsucht konnte sich dort niemand etwas vorstellen – weder Ärzte noch andere Patienten. „Helfen konnte man mir dort nicht.“ Als sie auf Initiative ihrer Anwältin 2002 die Klinik mit Vorstrafen und Schulden verlässt, ist sie eben nicht geheilt.

„Kaufsüchtige denken, sie wären allein“

Deshalb beschließt sie, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Auf Anraten der Beratungsstelle Kibis gründet sie „Lindes Selbsthilfegruppe für Kaufsucht“ in Hannover. „Damals gab es nichts in der Art“. Schnell wird Zimmer-Fiene klar: „Viele Kaufsüchtige denken, sie sind allein – sie sind es aber nicht.“ Innerhalb von einigen Wochen hat die Gruppe bereits sieben Mitglieder.

Heute gibt es die Gruppe bereits seit 17 Jahren, sie besteht aus rund 20 Frauen wie Männern zu gleichen Teilen, ihre Mitglieder kommen aus allen Gesellschaftsschichten. Die Süchte sind vielfältig: Kleidung, Technik, Wein, sogar Bücher oder Kaffeemaschinen kaufen die Betroffenen maßlos. Öffentlich dazu bekennt sich aber keiner. „Kaufsucht ist ein Tabuthema. Viele reden nur in der Gruppe darüber.“

Fünf Prozent sind kaufsuchtgefährdet

Und immer noch kämpft Zimmer-Fiene um Anerkennung, hat eine Online-Petition zu dem Thema angestoßen. „Kaufsucht wird von den Krankenkassen nicht als Suchtkrankheit anerkannt.“ Dabei ist die Zahl der Kaufsüchtigen in den vergangenen Jahren stark gewachsen, sind sich Experten sicher. Mindestens fünf Prozent der Erwachsenen in Deutschland sind laut Erhebungen kaufsuchtgefährdet, die Dunkelziffer liegt vermutlich deutlich höher. Das spürt auch die Gründerin der Selbsthilfegruppe in Hannover: „Der Zulauf ist größer geworden“, sagt sie.

Kaufsucht: Hier finden Betroffene Hilfe

Wer sich von Kaufsucht bedroht fühlt, sollte sich das Problem nicht schönreden, oder von anderen schönreden lassen, rät Sieglinde Zimmer-Fiene, die seit Jahren eine Selbsthilfegruppe in Hannover leitet. Sie rät, eine nahe stehende Person einzuweihen und um Hilfe zu bitten. Auch der Austausch mit Kaufsuchtbetroffenen hilft, so Zimmer-Fiene. Sie selbst ist in ihrer Sprechstunde erreichbar.

Gibt es bereits finanzielle Engpässe, lohnt der Gang zur Schuldnerberatung und, falls bereits Anzeigen von Gläubigern vorhanden sind, sofort einen Anwalt für Strafrecht aufzusuchen.In weiter fortgeschrittenen Fällen ist ein Therapeut für Verhaltenssucht von Nöten: Neben dem Besuch der Selbsthilfegruppe empfiehlt Psychologin Dr. Astrid Müller die Verhaltenssuchtsprechstunde und Psychotherapie der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie (MHH) sowie das Aufsuchen von Fachstellen der Suchthilfe (etwa Drobs Hannover). Weitere Infos:

www.kaufsuchthilfe.de.

Online-Shopping verstärkt den Prozess

Einen großen Teil dazu trägt das Internet bei: „Online-Shopping verstärkt den Prozess noch“, so Zimmer-Fiene. Die scheinbare Anonymität mache es dem Süchtigen auf der einen Seite leichter, ohne die Blicke des Verkäufers oder anderer Kunden der Sucht nachzukommen.

Zum anderen haben Internetshops keinen Ladenschluss. „Es gibt Menschen, die gehen nicht mehr aus dem Haus, hängen nur noch vor dem Computer und vereinsamen zwischen den ganzen bestellten Kartons. Es gibt Süchtige, bei denen kommen jeden Tag vier, fünf neue Kartons, mieten sogar Lagerräume dafür an.“

Mit einem Klick: Onlineshopping steigert die Kaufsucht bei vielen Betroffenen noch. Quelle: dpa

„Man ist nie ganz geheilt“

Perfide sei Online-Shopping auch deshalb, weil ein einmal angesehener Artikel immer weiter beworben wird: „Der Kaufsüchtige kann dem einfach nicht entkommen. Das Internet ist in der Hinsicht der Teufel. Es führt ins Uferlose.“

Um in diesem Strom nicht unterzugehen und sich trotz Schuldenberg immer wieder aufzurichten, braucht es viel Kraft und Disziplin. Ohne fremde Hilfe geht es nicht, weiß Zimmer-Fiene. „Mir hat die Gruppe sehr geholfen, auch wenn der Weg steinig war – und ist“, sagt sie leise. Denn auch Rückfälle gehören dazu. „Von der Kaufsucht ist man nie ganz geheilt.“

Von Simon Polreich

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