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Meine Stadt Wie Getränkelieferdienste den Markt in Hannover aufrollen wollen
Hannover Meine Stadt Wie Getränkelieferdienste den Markt in Hannover aufrollen wollen
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06:00 05.06.2019
Hinter den Kulissen: Lagerleiter Rafael Porebski und Fahrerin Chantal Eggerking von Flaschenpost. Quelle: Droese
Hannover

Auf Hannovers Plakaten sind sie derzeit kaum zu übersehen – und auch ihre Autos prägen mittlerweile das Stadtbild: Getränke-Bringdienste, die mit unkomplizierter und vor allem schneller Lieferung den Markt neu aufrollen wollen. Nach Flaschenpost ist nun schon ein zweiter „Player“ in Hannover aufgetaucht: Durstexpress. Droht nun der Kampf der Kistenlieferanten? Und droht den etablierten Getränkehändlern das Aus? Die NP wagte einen Blick hinter die Kulissen von Flaschenpost.

Powerfrau schleppt 50 Kisten

Täglich 20 bis 30 Getränkekisten die Treppenhäuser hochschleppen – nach einem Traumjob klingt das eigentlich nicht. Doch Chantal Eggerking kann sich derzeit nichts Schöneres vorstellen. Die ehemalige Sportstudentin ist Fahrerin bei „Flaschenpost“, liefert mit insgesamt rund 200 Kollegen in Hannover Bier, Wasser, Saft und Co. bis vor die Wohnungstür.

Vor allem die flexiblen Arbeitszeiten und das tolle Team hätten sie von Anfang an für den Job begeistert. „Der Muskelkater ist dagegen nach etwa drei Tagen weg“, sagt sie. „Man lernt schnell, wie man die Kisten richtig hebt. Und Sackkarren haben wir auch immer dabei.“ 20 bis 30 Kisten schaffe sie inzwischen mühelos am Tag, wenn es drauf ankommt sogar bis zu 50. „Dazu gibt es ja das positive Feedback von den Kunden – egal ob junge Mutter oder älterer Herr. Das motiviert.“ Motivieren würde auch das Trinkgeld, dass viele Kunden einem zustecken. Der Stundenlohn selbst liegt für Fahrer am Anfang bei 10 Euro. „Die Fahrer können aber schnell auf 12,50 Euro kommen“, sagt „Flaschenpost“-Sprecherin Sabine Angelkorte. Die Arbeit an sich sei unkompliziert. Der Scanner, mit dem die Fahrer Getränke und Leergut vor Ort verrechnen, ist dabei die „Allzweckwaffe“. In ihm ist auch die zugewiesene Tour bereits gespeichert.

Medienberichte über kaputte Klimaanlagen in den Fahrzeugen in Hamburg seien nicht mehr zutreffend, hieß es aus dem Vorstand. Die Mängel habe man inzwischen gelöst. Neue Fahrer seien übrigens dringend gesucht – um die steigende Nachfrage bedienen zu können.

Eine hangargroße Halle in Langenhagen. Glatter, sauberer Betonboden. Darauf Bier, Saft, Cola, Wasser, blockweise in Kisten aufgereiht soweit das Auge reicht. Wie ein überdimensionierter Getränkegroßhandel wirkt die Lagerhalle von Flaschenpost.

Schlichte Effizienz: Kisten so weit das Auge reicht. Quelle: Droese

Doch es fehlen die bunten Werbeschilder, die knalligen Preistafeln. Über den Kistenstapeln von Becks, Veltins und Co hängen lediglich laminierte Schilder mit Strichcodes. Im krassen Gegensatz zum lockeren Internetauftritt ist hier alles sehr nüchtern.

Es geht um Effizienz

Kein Wunder, denn hinter den Kulissen geht es bei Flaschenpost vor allem um eins: Effizienz. Das muss auch so sein, erklären Regionalleiter Roland Gluntz und Lagerleiter Rafael Porebski. Sonst wäre nicht möglich, womit das Unternehmen derzeit seine Erfolge feiert: eine Getränkelieferung spätestens zwei Stunden nach der Online-Bestellung bis vor die Wohnungstür – egal ob Erdgeschoss oder oberster Stock. Schnell. Unkompliziert. Und zu einem Preisniveau, wie es in den meisten Getränke- oder Supermärkten üblich ist.

„Ziemlich komplexes System“

Das Geheimnis hinter den 120 Minuten bei Flaschenpost ist die Software, die Gründer Dieter Büchl 2014 in Münster mit viel Mühe entwickelte, bevor er vor drei Jahren in der Studentenstadt an den Markt ging. Während der Kunde „mit quasi drei Klicks“ einen Kasten Bier und zwei Kisten Wasser bestellt hat, rechnen die Computer im Hintergrund bereits die optimale Route für den Fahrer aus, damit dieser mit einer Fahrt etwa zehn Kunden abgrast, möglichst ohne Umwege. „Ein ziemlich komplexes System“, so Porebski. „Zu viel“ verraten will er lieber nicht, sagt er und lächelt. „Geschäftsgeheimnis.“

Bereits in elf Städten

Ein Geschäftsmodell, das gut ankommt. Bereits in elf deutschen Städten. Seit Oktober 2018 ist Flaschenpost in Hannover aktiv, liefert in der Woche bereits um die 12 000 Kisten aus. „Tendenz massiv steigend“, so Lagerleiter Porebski. In Münster, wo Flaschenpost im Jahr 2016 als Startup gegründet wurde, liegt der Marktanteil bereits bei 30 Prozent. „Da wollen wir in Hannover auch hin“, so Gluntz.

Grundidee ist nicht neu

Eine Ansage, die den etablierten Getränkehändlern Angst machen könnte – zumal viele von ihnen bereits einen Bringdienst anbieten. Aufgrund der eher sperrigen Lieferzeit von meist ein bis drei Tagen setzte sich dieser aber flächendeckend nie durch.

„Hol ab“ wartet ab

Bei dem Branchenriesen „Hol ab“ gibt man sich dennoch gelassen. Auch wenn man die Neuankömmlinge wahrgenommen habe: „Eine fassbare Veränderung im Markt hier vor Ort ist aber noch nicht spürbar“, sagt Walter-Friedrich Gerlach, Geschäftsführer von „Hol ab“. Sein Unternehmen ist seit Jahrzehnten im Geschäft und mit 210 Filialen Marktführer der Getränkefachmärkte in Norddeutschland.

Bevor man Gegenstrategien umsetze, wartet „Hol ab“ zunächst ab, ob Flaschenpost und Co ihre Preise überhaupt halten können: „Dieses sehr aggressive Angebot ist nicht wirtschaftlich. Irgendwann müssen die Preise hochgehen“, glaubt der Chef des Branchenriesen aus Achim. Auch ob die hohe Anzahl an kleinen Lieferfahrzeugen in Hannover ökologisch vertretbar ist, hinterfragt Gerlach.

Noch nicht profitabel

Letzterem widerspricht man bei Flaschenpost sofort: „Wenn jeder Kunde selbst zum Getränkemarkt fährt, werden 50 Prozent mehr Emissionen verursacht“, hat Regionalleiter Gluntz ausgerechnet. Und wirtschaftlich sei das Angebot allemal – wenn genügend Kunden mit im Boot seien.

Davon ist man in Hannover noch entfernt. „Wir erwarten in Hannover noch in diesem Jahr profitabel zu arbeiten“. Bis dahin handelt es sich noch um ein Zuschussgeschäft. „Genügend Finanziers sind allerdings vorhanden, die in unser Konzept vertrauen“, so Gluntz. Ohne die wäre der breit aufgestellte Start in Hannover –mit Manpower und ordentlichem Werbebudget – gar nicht möglich. Und das gilt offenbar auch für Durstexpress – wie man an den großflächigen Werbeplakaten in Hannover derzeit gut sehen kann.

Die Kistenlieferer in Zahlen

Seit der Gründung als Startup in Münster 2016 ist „Flaschenpost“ rasant gewachsen. Mit Hannover und zuletzt Essen ist das Unternehmen nun in elf Städten vertreten. Insgesamt 2000 Mitarbeiter beschäftigt die Firma inzwischen, die in 700 Fahrzeugen rund 500 000 Getränkekisten im Monat ausliefern. Etwa 40 000 Bestellungen gehen pro Woche ein. Zu den insgesamt 1000 Artikeln im Onlineshop gehören außer Getränken inzwischen auch Snacks, Tee und Grillkohle.

Durstexpress“ hat auf NP-Anfrage nicht reagiert. Das Unternehmen mit Sitz in Berlin gehört zur Radeberger-Gruppe und startete 2017. Laut NP-Informationen hat „Durstexpress“ Niederlassungen in drei deutschen Städten – darunter Hannover, wo derzeit dringend Fahrer gesucht werden.

Interview: Der Kunde ist Bequemlichkeit gewohnt

Über neue Wege und zunehmende Bequemlichkeit sprach die NP mit Mark Alexander Krack, Geschäftsführer des Handelsverbands Niedersachsen-Bremen.

Mark Alexander Krack Quelle: privat

Erst Flaschenpost, jetzt Durstexpress – neue Anbieter drängen in den Markt.

Wie wirkt sich das auf die traditionellen Getränkehändler und auf den Einzelhandel aus?

Die Zeitspanne ist noch zu kurz, um signifikante Auswirkungen zu messen. Jedoch ist der Markt begrenzt und das Konzept kommt bei vielen Kunden gut an. Deshalb stellen Flaschenpost und Co. sicherlich eine Herausforderung für den Einzelhandel dar.

Warum ist das Konzept so beliebt? Und ist es auch erfolgreich?

Die Kunden sind durch den Internethandel und Versand mehr und mehr Convenience, also Bequemlichkeit gewöhnt. Und gerade in dieser Sparte ist das Angebot angenehm, weil jeder gerne auf das Schleppen der schweren Kisten verzichten kann. Gelingen kann so ein Konzept nur, wenn sich der Anbieter sehr breit aufstellt, mit viel Manpower, einer großen Flotte und stark in Werbung investiert. Denn nur über eine hohe Anzahl von Kunden rechnet sich der Aufwand für den Bringdienst.

In seiner Gründungsstadt hat die „Flaschenpost“ laut eigener Aussage einen Marktanteil von 30 Prozent.... das ist ein erheblicher Marktanteil. Ist so eine Marktmacht auch in Hannover denkbar?

Denkbar schon – auch weil in Hannover viele Menschen auf engem Raum leben. Der Lieferant kann so auf einer Fahrt mehrere Kunden unmittelbar bedienen und muss nicht tagelang sammeln, bis genug Bestellungen für eine Fahrt zusammen sind. Allerdings funktioniert das Konzept wahrscheinlich nicht in Mittelzentren, oder auf dem Land. Flächendeckend wird es weiterhin auch den Getränkehandel geben, etwa im Supermarkt.

Viele Märkte – Getränke- wie auch Supermärkte – bieten ja bereits einen Lieferservice an, wenn meist auch ohne kurzfristige Lieferung. Warum hat sich das Angebot nicht durchgesetzt?

Die Nachfrage war schlichtweg nicht so stark, dass sich der Ausbau der Sparte gelohnt hat.

Andererseits hatten die traditionellen Märkte den Lieferservice auch nicht so stark beworben, oder mit solcher Manpower und Internetpräsenz versehen, wie etwa Flaschenpost. Wird sich das ändern?

Ich glaube, dass sich der klassische Einzelhandel aufgrund der Nachfrage gegen die Konkurrenz verteidigen wird. Wie, bleibt abzuwarten.

Wird sich der Lebensmittelhandel insgesamt immer mehr ins Internet verlagern?

Das Internet-Angebot wächst – auch im Lebensmittelsegment. Allerdings bei weitem nicht in solchen Raten, wie etwa Mode. Bei Nahrungsmitteln spielt immer auch Verderblichkeit eine Rolle. Besonders bei frischen Waren, Käse und Wurst. Die Logistik einer durchgängigen Kühlkette bis zum Kunden ist nicht unerheblich. Bislang sind etwa Obst und Gemüsebestellungen im Internet eher ein Nischenmarkt. Wie das in zehn Jahren aussieht, kann aber keiner voraussagen.

Von Simon Polreich

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