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Meine Stadt Käßmann lehnte Trauerrede für Enke im Stadion ab
Hannover Meine Stadt Käßmann lehnte Trauerrede für Enke im Stadion ab
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12:14 21.11.2009
Margot Käßmann Quelle: ddp
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Die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und hannoversche Landesbischöfin Margot Käßmann spricht von einer „würdigen Form“ der Anteilnahme, erläutert im Gespräch mit ddp-Korrespondent Haiko Prengel aber auch, warum sie es ablehnte, bei der Feier als Rednerin aufzutreten.

Frau Käßmann, wohl lange war die Nation nicht mehr so bewegt wie nach dem Tod von Nationaltorwart Robert Enke. Die anschließende Art der kollektiven Trauerbewältigung war einzigartig in der Geschichte der Bundesrepublik - ein Trauerzug und eine anschließende Trauerfeier im Stadion mit jeweils 35 000 Menschen - dazu ein spontaner Gottesdienst mit Ihnen in Hannovers Marktkirche. War das alles aus Ihrer Sicht verhältnismäßig?
Ich hatte die Öffnung der Marktkirche einen Tag nach Robert Enkes Tod zu verantworten. Dafür überzeugt haben mich letztendlich drei Väter in E-Mails, die gesagt haben: Unsere Söhne sind schockiert und fassungslos, da muss es doch mehr geben als einen Schweigemarsch. Da müssen Sie doch etwas in Worte fassen, das Halt gibt. Und deshalb fand ich diese Feier in der Kirche absolut richtig, die Kirche aufzumachen, wenn die Menschen Antworten suchen.

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Das haben Sie ja beispielsweise nach dem schweren Busunglück auf der Autobahn 2 bei Hannover mit 20 Toten im vergangenen Jahr auch gemacht. Dieses Mal hatten die Feierlichkeiten aber ja doch eine andere, neue Dimension - zuletzt mit einem vor Zehntausenden aufgebahrten Sarg in einem Fußballstadion.
Beim Stadion, das gebe ich ganz offen zu, hatte ich auch Bedenken, ob das noch angemessen ist. Andererseits musste man dieser Trauer und Betroffenheit in irgendeiner Form Raum geben. Es ist doch ein Phänomen, dass so viele Menschen teilnahmen, ohne dass die Würde verloren ging. Die Anteilnahme hängt wohl damit zusammen, dass alle denken, diese Idole seien makellos, glücklich, schön, erfolgreich. Und dann zu erleben, dass alle Menschen Brüche im Leben haben, dass es kein perfektes Leben gibt, das ist ein Bruch, der viele nachdenklich macht.
Die Frage ist doch auch, ob man der Familie, der Witwe von Robert Enke einen Gefallen getan hat. Hätte man Frau Enke, die schon am Tag nach dem Tod ihres Mannes eine Pressekonferenz gab, nicht vor sich selbst schützen müssen? Ihr Schicksal ist ja ausgeschlachtet worden als mediales Event.
Die Medien müssen die Privatsphäre der Menschen respektieren. Wenn ich es insgesamt sehe, hat Frau Enke den Schritt in die Öffentlichkeit sehr bewusst gemacht und vielen Menschen damit auch einen Weg bereitet, über ihre eigenen Depressionen beziehungsweise Schwächen zu sprechen. Das fand ich mutig und auch würdevoll. Über die Stadionfeier kann man noch lange nachdenken. Aber ich verstehe auch, dass man gesagt hat: Wir brauchen Raum für diese Anteilnahme. Die Stadionfeier ist nicht eskaliert weder in absolute Trivialität noch in Peinlichkeit. Das, was ich gesehen habe, war doch eine würdige Form.

Liegt die Hauptproblematik gerade für die Kirchen nicht auch darin, dass diesem außergewöhnlichen Trauerereignis ein Selbstmord vorausging? Suizid versucht man doch gerade dort zu verhindern, indem der Gemeinde gesagt wird: Ihr müsst nicht verzweifeln, es gibt immer Hoffnung.
Ich bin davon überzeugt, dass die Liebe Gottes größer ist als das, was Menschen anrichten können. Aber wir dürfen uns nichts vormachen: Das ist ein sehr brutaler Tod und ich habe deshalb in dem Gottesdienst auch der beiden Lokführer und der Rettungskräfte gedacht. Unsere Notfallseelsorger können viel davon erzählen, was es bedeutet, Lokführer zu sein oder die Leichenteile nach so einem Unglück aufzusammeln. Das darf also in keiner Weise beschönigt werden. Aber was sehr wichtig war - das haben mir auch alle Psychologen gesagt - den Fußballfans zu sagen: Ahmt das nicht nach! Das ist ein ganz großes Problem bei solchen Suiziden.

Es waren ja auch viele Kinder bei den Trauerfeiern dabei.
Deshalb habe ich in der Predigt auch gesagt, dass Robert Enke gerne gelebt hat, aber krank war. Dass er sicher wollen würde, dass seine Fans alle weiterleben. Also unter dem Strich würde ich sagen, die Umgehensweise mit diesem Trauerfall war eine grenzwertige Herausforderung. Im Rückblick insgesamt ist es mit Ruhe und Würde bewältigt worden. Aber das Phänomen Fußball, Männlichkeit, Idole schaffen - das hinterlässt bei mir schon auch Fragen.

Sie meinen also, dass dieses Ereignis für Veränderungen sorgen wird in der Gesellschaft?
Ich hoffe das. Die Botschaft des Glaubens ist ja: Du bist eine angesehene Person, weil Gott Dich ansieht und nicht weil Du so leistungsstark bist, so klug, so schön oder so reich. Diesen schönen Schein nicht alles sein zu lassen, sondern auch die tieferen Werte im Leben zu sehen - das wäre für mich eine neue Nachdenklichkeit, die ich gerne sehen würde. Ob sich die hält in unserer Gesellschaft, das weiß ich nicht, das bezweifle ich auch.

Hat man Sie eigentlich gefragt, ob Sie auch bei der Trauerfeier im Stadion reden möchten?
Ja.

Und Sie haben Nein gesagt.
Weil ich denke, dass es etwas anderes ist, ob ich in meine Kirche einlade und sage, das ist der Raum, oder zu einer doch letztendlich säkularen Feier gehe.

Aber Sie reden doch sonst auch nicht nur in Ihrer Kirche.
In dem Stadion habe ich meinen Ort nicht gesehen.

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