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Meine Stadt Interview: Warum Wulff gerne den Rasen sprengt
Hannover Meine Stadt Interview: Warum Wulff gerne den Rasen sprengt
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18:36 19.06.2009
Eine seiner Lieblingsbeschäftigungen: Ministerpräsident Christian Wulff (50) in seinem Garten in Großburgwedel. Quelle: Decker
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Er war mal der ewige Zweite. Seit er im März 2003 zum Ministerpräsidenten wurde, ist das anders. Christian Wulff war mal so, wie man sich einen Familienvater mit CDU-Parteibuch vorstellt. Dann ließ er sich scheiden und begann ein neues Glück mit seiner jetzigen Frau Bettina Wulff (35). Die NP besuchte ihn im neuen Haus in Burgwedel, wo er mit seiner Frau und dem gemeinsamen Sohn Linus Florian (1) lebt. Hier wohnt auch ihr Sohn Leander (5), seine Tochter Annalena (15) ist häufig da. Wir lernen: Auch in einer Patchwork-Familie lässt es sich aushalten – sogar mit CDU-Parteibuch. Ach ja: Christian Wulff galt auch mal als brav und langweilig. Auch vorbei, das zeigt endgültig dieses Interview. 50 Fragen zum 50., den er heute feiert. Glückwunsch!

VON ZORAN PANTIC

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Lieber „Hoch soll er leben“ oder „Happy Birthday“ – was ist Standard im Hause Wulff?

„Happy Birthday“!

Singt das Ihre Frau heute?

Meine Frau singt gut und gerne. Deswegen habe ich schon lange den ganz heimlichen Wunsch, dass sie an meinem Geburtstag etwas singt. Es muss aber nicht „Dear Mister President“ sein …

Und Frau Merkel schickt wieder nur eine SMS?

Angela Merkel wollte ursprünglich vorbeikommen, wovon ich ihr wegen ihrer Terminlage abgeraten habe. Sie muss sich um viele wichtige Dinge kümmern. Aber sie ruft an, was ich eigentlich gar nicht wissen darf …

Warum ist aus Ihnen eigentlich kein ordentlicher Sozialdemokrat geworden? Ist doch auch ehrenwert ...

Die Jusos, die ich in der Schulzeit kennengelernt habe, wollten alles in Frage stellen. Ich hatte aber das Gefühl, dass wir in einem intakten und freiheitlichen Land mit vielen Möglichkeiten leben, in dem es sich mehr lohnt, im Kleinen Veränderungen zu betreiben. Und mit einer sozialen Ader passt man in die CDU!

Sie haben es immer wieder versucht, bis Sie Ministerpräsident wurden. Sie sind stur?

Ich halte viel von Beharrlichkeit. Mühe und Einsatz werden auf Dauer von Erfolg gekrönt!

Ist Beharrlichkeit also Ihre größte Stärke?

Eine wesentliche. Noch größere Stärken sind vielleicht mein niedriger Blutdruck und die Gelassenheit, Bilder aus der Ferne wirken zu lassen.

Das schönste Kompliment eines politischen Gegners?

Fairness und Verlässlichkeit.

Hören Sie das häufiger?

Erfreulich häufig!

Das schönste Kompliment im Privatleben?

Tolerant zu sein.

Ein politischer Gegner, der Sie beeindruckt hat?

Henning Scherf (SPD-Politiker, ehemaliger Bürgermeister von Bremen, d. Red.) und seine unendliche Zuneigung zu Menschen.

Wie verstehen Sie sich mit Gerhard Schröder?

Ich habe ein geordnetes Verhältnis zu ihm. Die Auseinandersetzungen liegen lange zurück. Das war schon mit seinem Weggang als damaliger Bundeskanzler nach Berlin abgehakt. Seitdem hatten wir viele gute Gespräche über wirtschaftliche Fragen. Wir haben einen ungezwungenen und kurzen Draht zueinander.

Eine Eigenschaft, die Ihnen fehlt?

Da gibt es einige. Ich würde zum Beispiel gerne ein Musikinstrument spielen, etwa ein Klavier oder ein Saxofon.

Um andere zu beeindrucken?

Nein, zum Ausgleich, zur eigenen Erbauung. Leider hat es früher dafür an Talent, Fleiß und Geld gefehlt. Klavierspielen soll man ja noch in jedem Alter lernen können, aber sicher auch nur mit großem Fleiß.

Was stört Sie an Politik?

Dass manche den anderen herabwürdigen, um sich selber zu profilieren, anstatt sich durch eigene Leistung zu etablieren.

Sind Sie frei davon?

Ich bin um Sachlichkeit bemüht.

Mal angenommen, Ihre Kinder wollten Berufspolitiker werden. Sagen Sie denen, dass sie lieber etwas Ordentliches lernen sollen?

Nein, ich fände das toll!

Aber Ihre Zunft hat nicht den besten Ruf. Auch nicht bei Jugendlichen oder Kindern!

Meiner Tochter habe ich schon im Kindergartenalter immer einen Tipp mit auf den Weg gegeben, falls mal ein anderes Kind sagt, dass Politiker doof sind. Dann könnte sie antworten, dass sie es toll findet, dass ihr Papa sich nicht nur um seinen eigenen Kram kümmert, sondern auch um Radwege und Kindergartenplätze. Das ging ganz gut.

Die lehrreichste Erfahrung aus 50 Jahren?

Dass man sich mehrfach im Leben sieht. Und dass man das immer berücksichtigen sollte.

Die traurigste Erkenntnis aus 50 Jahren?

Dass es unendlich viele stille Stars gibt, die Aufmerksamkeit verdient hätten, sie aber nie bekommen. Ich denke da etwa an Menschen, die über lange Zeit Angehörige pflegen.

50 – und noch nicht …

… weniger neugierig als je zuvor.

50 – aber schon …

… glücklich und zufrieden.

50 – und noch immer das Nesthäkchen unter den deutschen Ministerpräsidenten. Ein gutes Gefühl?

Eindeutig! Das erleichtert den 50. Geburtstag ungemein.

19.06.2009