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Meine Stadt Ins Koma geprügelt: Christoph Rickels kämpft gegen Gewalt
Hannover Meine Stadt Ins Koma geprügelt: Christoph Rickels kämpft gegen Gewalt
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06:03 24.05.2019
WILL MEHR MITEINANDER: Gewaltopfer Christoph Rickels spricht vor den Schülern der Wilhelm-Raabe-Schule in Hannover. Quelle: Frank Wilde
Hannover

„Ich würde gerne mal wieder so richtig heulen“, sagt Christoh Rickels, als er humpelnd vor die Achtklässler der Wilhelm-Raabe-Schule tritt und sich auf den Lehrertisch setzt. „Aber ich kann nicht mehr weinen“, sagt Rickels. Stattdessen müsse er selbst in traurigen Momenten immer lachen. „Das macht mein Körper einfach so, ich kann es nicht verhindern“, sagt Rickels – und lacht.

Ab diesem Moment kleben die Schüler an seinen Lippen. Rickels sieht in seinem kurzen Hemd auf den ersten Blick aus, wie ein normaler 32-jähriger Mann. Er reißt einen Witz nach dem anderen, obwohl er eigentlich gar nicht lustig sein möchte. Denn der Ostfriese, der inzwischen in Kassel lebt, hat eine ernsthafte Botschaft für die Schüler im Gepäck.

Ein Schlag verändert Rickels Leben

Sie wird sichtbar, wenn Rickels sich bewegt. Er zieht seine rechte Körperhälfte nach, verzieht beim Sprechen sein Gesicht, seine Bewegungen sind langsam und unpräzise. Er ist zu 80 Prozent schwerbehindert. Und das nur wegen eines Schlags. Einer Sekunde, die sein Leben für immer veränderte.

Christoph Rickels lacht viel – allerdings auch, wenn er eigentlich traurig ist. Quelle: Frank Wilde

Rückblick: Es ist der 29. September 2007. Der 20-jährige Rickels, ein sportlicher und musikalischer junger Mann, ist gerade mit der Schule fertig. Er will zu den Feldjägern nach Süddeutschland und geht zum Abschied noch einmal in die Discothek nach Aurich. Dort kommt er mit einem Mädchen in Kontakt, gibt ihr ein Getränk aus. Doch die junge Frau hat einen eifersüchtigen Freund. Die beiden Männer geraten aneinander, schubsen sich in der Disco – alles ist noch im Rahmen.

Rickels muss alles neu lernen

Rickels ist, wie er selbst sagt, damals kein Unschuldslamm. „Ich habe mich auch oft geprügelt, anderen aufs Maul gehauen. Ich hatte in dem Moment keine Angst. Ich dachte nur, einen Rickels schubst man nicht.“ Was dann passiert hält eine Überwachungskamera fest. Rickels verlässt gegen 1.51 Uhr den Club, dort wartet bereits der 19-jährige Täter auf ihn. Ohne, dass Rickels reagieren kann, schlägt er zu. Rickels prallt schutzlos mit dem Kopf auf den Steinboden und ist sofort bewusstlos.

Die Überwachungskamera hält fest, wie Christoph Rickels ins Koma geschlagen wird. Quelle: privat

In diesem Moment beginnt der Überlebenskampf. Rickels hat einen Schädelbruch und eine sechsfache Hirnblutung erlitten. Die Ärzte haben nur noch wenig Hoffnung. Doch nach vier Monaten im Koma wacht er auf. Er muss alles neu lernen: Das Essen, das Sprechen, das Gehen. Nie mehr aber wird Rickels Gitarre oder Handball spielen können. Er wird nicht einmal mehr arbeiten oder geradeaus laufen können: „Und warum dieser ganze Scheiß? Weil ich einem Mädchen einem Drink spendiert habe.“

„Gewalt ist nie cool“

Rickels spricht mit den Schülern darüber, was cool ist und wählt drastische Worte, die bei den Schülern ankommen. Da spricht er gerne mal vom „Spacko“, dem „Anzugschnösel“ oder bezeichnet die Jugendlichen ironisch als „Schisshasen“. „Ich darf das, ich bin nicht euer Lehrer“, betont er dann immer und sorgt für den nächsten Lacher. Rickels ist der Überzeugung, dass die Zeiten der Schlägertypen vorbei ist – oder besser sein sollte. Denn eigentlich werde es immer schlimmer. „Doch Gewalt ist nie cool.“

Für Rickels bedeutet, cool zu sein, etwas anderes. „Für mich seid ihr cool, wenn ihr den Arsch in der Hose habt, so zu bleiben wie ihr seid. Und nicht etwas toll findet, weil es andere toll finden.“ Mit seiner Initiative „First Togetherness“ will er erreichen, dass das Miteinander bei den Schülern im Trend ist. Dass künftig deutlich weniger Menschen Opfer von Gewalt werden. Rickels Grundsatz: „Man erntet, was man sät.“

Rickels wartet noch immer auf Schmerzensgeld

Auch gegenüber dem Täter hat Rickels seine Einstellung geändert. „Anfangs wollte ich Rache.“ Doch nun tue er ihm leid. Der Mann, der gerade einmal zwei Jahre auf Bewährung bekam, sei inzwischen im Drogensumpf versunken. „Sein Leben ist auch kaputt“, sagt Rickels. Er hat ihm sogar angeboten, gemeinsam mit ihm auf Präventionstour zu gehen.

Rickels kämpft noch immer um die 200.000 Euro Schmerzensgeld, die er von der Versicherung des Täters bekommen sollte. Doch die wollte nicht zahlen. Rickels klagte sich bis vor den Bundesgerichtshof, hat das Geld allerdings noch immer nicht. Denn offenbar hat sein früherer Anwalt einen Fehler gemacht. Nun fordert er das Schmerzensgeld von ihm. Außerdem klagt er gegen seine Krankenkasse. „Das ist das Leben als Opfer. Es geht immer noch schlimmer, als es sowieso schon ist“, sagt Rickels. Da hilft es auch nicht, dass er mit vielen bekannten Bundespolitikern „per du“ sei.

Ganz am Ende spielt Rickels den Rapsong ab, den er als gesunder, junger Mann eine Woche vor dem Schlag aufgenommen hatte. „Das ist mein Abschiedslied“, sagt er. Als „Mut zum Leben“ läuft, hat Rickels die Augen geschlossen, bewegt die Lippen zum Text. „Ein Mensch, wie er einst mal war, ist ab dieser Sekunde nicht mehr da“, heißt es dort wie in einer bösen Vorahnung. Jetzt kämpfen auch die Schüler – gegen ihre Tränen.

Kinderschutzbund will mit Rickels in Hannovers Schulen

Der Kinderschutzbund Hannover hat den Besuch von Christoph Rickels in der Wilhelm-Raabe-Schule organisiert. „Wir würden das gerne auch noch in anderen Schulen in Hannover anbieten“, sagt dessen Vorsitzender Ricardo Savia. Er bietet Selbstverteidigungskurse für Schüler an und hat darüber auch Rickels kennengelernt.

Der 32-Jährige tourt mit seiner Initiative „First Togetherness“ (zu Deutsch: „Erst Miteinander“) bereits seit 2010 durch Schulen in ganz Deutschland. Inzwischen hat er auch Anfragen aus dem Ausland. Vorwiegend spricht Rickels mit Siebt- und Achtklässlern. „Die sind dafür noch zu erreichen.“Unterstützt wird die Initiative von Prominenten wie Jörg Pilawa, Anna Loos, oder Olivia Jones. Rickels ist zudem Botschafter für Demokratie und Toleranz.

Von Sascha Priesemann