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Meine Stadt Implant Files: Bult-Arzt in Hannover unter Verdacht
Hannover Meine Stadt Implant Files: Bult-Arzt in Hannover unter Verdacht
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00:20 30.11.2018
Diabetes-Experte: Thomas Danne vom Kinderkrankenhaus auf der Bult – er wehrt sich gegen Kritik wegen seiner Nähe zu einem Medizin-Konzern aus den USA.
Diabetes-Experte: Thomas Danne vom Kinderkrankenhaus auf der Bult – er wehrt sich gegen Kritik wegen seiner Nähe zu einem Medizin-Konzern aus den USA. Quelle: Foto: Behrens
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Hannover

Nach den „Panama Papers“ sorgen nun die „Implant Files“ für Aufsehen. Ein weltweites Recherchenetzwerk aus mehr als 60 Medien hat sich Zulassung, Kontrolle und Fehlermanagement von Medizinprodukten angesehen. Das Ergebnis schlug zu Beginn dieser Woche bereits hohe Wellen. Es geht um Herzschrittmacher, Prothesen und Insulinpumpen, die vielen Patienten das Leben erleichtern sollen. Doch wie gut sind diese medizinischen Produkte wirklich? Wie groß ist die Fehlerquote? Wer hat an der Entwicklung mitgearbeitet? Und wer verdient – abgesehen von den Herstellerfirmen selbst – auch noch daran?

Auch einem führenden Mediziner vom Kinderkrankenhaus Auf der Bult werden diese Fragen gerade gestellt: Professor Thomas Danne wird dabei vom Rechercheverbund NDR, WDR und Süddeutsche Zeitung unterstellt, zu eng mit der Industrie zu kooperieren.

Mediziner arbeitet mit Firma zusammen

Danne gilt als führender Kinderdiabetologe, leitet im Kinderkrankenhaus auf der Bult das größte Kinder-Diabetes-Zentrum in Deutschland, war Präsident der Internationalen Kinderdiabetesgesellschaft ISPAD. Doch der Bult-Professor soll laut dem Recherchenetzwerk auch eng mit Medtronic, dem größten Medizinprodukte-Hersteller der Welt, zusammenarbeiten. Er soll demnach Studien im Auftrag des Konzerns aus Minneapolis (USA) verfasst und Beraterhonorare bekommen haben.

Medtronic ist Weltmarktführer bei Insulinpumpen – diesen kleinen, etwa faustgroßen Computern, die das Insulin über einen Schlauch direkt in den Körper von Diabetes-Patienten abgeben. Das ist praktisch – für betroffene Kinder etwa. Sie oder ihre Eltern müssen nicht mehr selbst zur Spritze greifen. Zehntausende Diabetiker in Deutschland nutzen inzwischen solche Pumpen. Danne empfiehlt immer wieder öffentlich den Einsatz dieser Geräte. Etwa 90 Prozent aller Kinder unter sechs Jahren, die Diabetes haben, sollen mittlerweile mit einer Insulinpumpe behandelt werden.

Sind diese Geräte wirklich so gut, wie Danne behauptet? Nach dem Bericht des Recherchenetzwerks beantworten mehrere Studien diese Frage nicht mit einem klaren „Ja“. Zumindest nach einer Untersuchung sollen die Insulinpumpen im Vergleich zur klassischen Therapieform sogar schlechter abschneiden. In Deutschland sollen 2017 knapp 350 Vorkommnisse mit Insulinpumpengemeldet worden sein. Viel schlimmer seien die Zahlen aus den USA. Hier gebe es immer wieder Berichte über technische Probleme, die sogar zu Todesfällen führen sollen. 2017 wurden weit mehr als 100 000 mögliche Probleme mit teils schwerwiegenden Gesundheitsschäden gemeldet. Es laufen mehrere Klagen gegen Medtronic in den USA.

DARUM GEHT ES:Insulinpumpen erleichtern insbesondere an Diabetes erkrankten Kindern das Leben. Sie müssen sich nicht mehr selbst spritzen, das Insulin wird übereinen Zugang direkt abgegeben und dosiert. Quelle: NP

Wie sinnvoll sind diese Pumpen also tatsächlich? Und was sagt der Bult-Diabetologe dazu, dass er an einer Firma in Israel beteiligt ist, die wahrscheinlich zukünftig die Software für die Medtronic-Pumpen liefern könnte? Verdient er dann an jedem Gerät mit?

Krankenhaus wehrt sich gegen Kritik

Danne beantwortete die Fragen am Dienstag nicht persönlich. Dafür nahm Björn-Oliver Bönsch, Sprecher des Kinderkrankenhauses auf der Bult, Stellung. „Professor Danne hat die Krankenhausleitung immer über alle Aktivitäten rund um die klinische Forschung informiert und frühzeitig in Kenntnis gesetzt.“ Mit Unternehmen geschlossene Verträge würden dem „Vier-Augen-Prinzip“ unterliegen und von „Seiten des Krankenhausträgers mitunterschrieben“. Seine Forschung „ermöglichte unter anderem die Erstellung von Algorithmen für eine Software, um Insulinpumpen auch für Kinder einsetzen zu können“.

Zudem würde Danne bei öffentlichen Äußerungen oder Publikationen immer auch auf den möglichen Interessenskonflikt hinweisen. Auch die Eltern der Patienten würden laut Bönsch in den Gesprächen „darüber informiert, dass eng mit Herstellern von Insulin, Blutzuckerstreifen und anderen Geräten rund um die Diabetesbehandlung“ kooperiert werde. Zur Auswahl stünden immer Insulinpumpen mehrerer Hersteller, die Entscheidung werde gemeinsam mit den Eltern der kranken Kinder getroffen. „Es gibt keinerlei kommerziellen Anreiz, ein bestimmtes Produkt zu bevorzugen“, so Bönsch.

Der Krankenhaus-Sprecher wies zudem auf den großen Vorteil der Pumpen hin, der „in einer weitgehend schmerzfreien Blutzuckermessung und Insulingabe“ bestünde. So würden bis zu zehn Nadelstiche pro Tag vermieden – gerade für Kinder eine Erleichterung.

Von Britta Lüers