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Meine Stadt Immer mehr Widerstand gegen Windparks in der Region Hannover
Hannover Meine Stadt Immer mehr Widerstand gegen Windparks in der Region Hannover
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08:00 26.04.2018
Windräder stehen in Sehnde im Nebel der aufgehenden Sonne.
Windräder stehen in Sehnde im Nebel der aufgehenden Sonne. Quelle: dpa/Stratenschulte
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Hannover

Der Kampf um neue Plätze für Windräder gewinnt in der Region Hannover an Härte – sowohl Betreiber als auch Anwohner kämpfen vor Gericht um ihre Rechte.

Derzeit laufen mindestens zehn Verfahren (umfassen 40 Windräder), wo Projekt-Firmen gegen die Nichtgenehmigung ihrer Windparks vorgehen. Nach Aussage der Regionsverwaltung zeige sich bei allen Verfahren, „dass es keine schnell zu realisierenden Standorte in der Region Hannover mehr gibt“. Flugsicherung, Baurecht, Artenschutz, Immissionsschutz (Lärm/Schall), ein starker Trend zu „Konkurrenzanträgen“ (also mehrere Bewerber für den selben Standort), Ausschreibungsverfahren der Bundesnetzagentur – die Anforderungen von Seiten des Gesetzgebers und der Gerichte stiegen, die Verfahren würden „zunehmend zeitaufwändiger und komplexer“. Außerdem registriert die Region „eine vermehrte Gründung von Bürgerinitiativen gegen den Ausbau der Windenergie“.

Fördern Windparkentwickler den Unmut?

Womöglich befördert die Praxis großer Windparkentwickler, sich auch sogenannter Bürgerenergiegesellschaften zu bedienen, den Unmut bei den Anwohnern: Um den Zuschlag für ausgeschriebene Strommengen zu erhalten und den Widerstand kleinzuhalten, holen sie Bürger in die Projektgesellschaften. Und manchmal wohnt eben auch noch der Geschäftsführer oder Gebietsleiter in besagtem Ort. So, wie es etwa die UKA-Gruppe aus Meißen, die Nummer zwei der Branche, im Gebiet Lüdersen – Hiddestorf – Pattensen – Hüpede macht (NP berichtete). Dort gibt es die Bürgerinitiative Gegenwind Lüdersen.

Mit diesem Flugblatt wehrt sich die Bürgerinitiative Gegenwind Deistervorland gegen geplante Windräder im Schatten des Höhenzuges.

Etwas weiter westlich agiert inzwischen die Bürgerinitiative Gegenwind Deistervorland zwischen Wennigsen und Barsinghausen. Dort plant der deutsche Branchenprimus WPD aus Bremen fünf Windkraftanlagen, jede mit einer Gesamthöhe von mehr als 240 Metern (bis vor kurzem war von „5 plus 2“ die Rede). Das wären dann die höchsten in Deutschland – eine davon als „Bürgerwindenergieanlage“ tituliert, an der Menschen aus der Region Firmenanteilen kaufen oder Geld per „Windsparbrief“ anlegen können, erklärt WPD-Sprecher Christian Schnibben. Der in Planung befindliche Windpark habe zu allen Wohneinheiten einen Mindestabstand von 1000 Metern, obwohl gemäß Regionalem Raumordnungsprogramm 2016 (RROP) 800 Meter genügen würden. Dass derStandort unterhalb der Deisterkette ungeeignet sei, weist er zurück: „Mit den geplanten Höhen ist das dort wirtschaftlich zu betreiben.“

Mehr als 240 Meter Gesamthöhe – genau das ist für viele Menschen dort ein Problem: Denn die Windräder müssen so hoch sein, um nicht im Windschatten des Deisters zu liegen.

Projekt zu groß dimensioniert

Für Antje Lücke, Sprecherin der Initiative Gegenwind Deistervorland, ist das WPD-Projekt „eindeutig immer noch zu groß dimensioniert“. Sie verweist auf Bayern, wo als Abstandsmaß gilt: zehn Mal Nabenhöhe – das wären dann mindestens knapp 1700 Meter. Der Rat von Barsinghausen wird sich heute damit beschäftigen. Überhaupt sei es in der Region so: „Hannover stellt sich die Dinger nicht in die Stadt – aber hier soll das gebaut werden!“ Sie sei „nicht gegen Windkraft per se. Es ist aber eine Frage, ob man das auf Teufel komm raus macht. Oder mit Augenmaß.“

Weitere 15 Projekte in Planung

Im Jahr 2017 wurden von der Region Hannover drei Windkraftprojekte bei Uetze mit zusammen fünf Windrädern genehmigt – der Bau dürfte „demnächst“ starten. Im Normalfall müsste binnen zwei Jahren nach Genehmigung Baubeginn sein. Aktuell laufen bei der Region sieben Genehmigungsverfahren über zusammen 21 Windrädern. Weitere etwa 15 Projekte seien „in mehr oder weniger konkreter Vorplanung“.

Laut einer Aufstellung der Klimaschutzagentur Hannover gibt es in der Region derzeit 259 Windkraftanlagen in 27 Windparks (drei oder mehr Anlagen) sowie elf einzeln stehende Windräder. Sie können mit einer Leistung von zusammen 362 Megawatt ausreichend Strom für etwa 150 000 Haushalte erzeugen. Die meisten stehen bei Uetze (27), in Büren/Bevensen bei Neustadt (25) und zwischen Lehrte/Sehnde (16). Die höchsten sechs stehen in Niedernstöcken bei Neustadt und tragen ihre Nabe in 135 Metern Höhe, ihre Rotorblätter reichen bis 186 Meter.

Regionales Raumordnungsprogramm in der Kritik

Die Region kann ihr Ziel an Windkraftanlagen zur Erreichung der Klimaziele gar nicht erreichen, da die Vorrangflächen sich zunehmend als ungeeignet erweisen, kritisieren Branchenvertreter. Auch von regionalen kommunalen Energieversorgern ist diese Kritik herauszuhören. Im Fokus: Das Regionale Raumordnungsprogramm (RROP).

2016 wurde darin die Vorrangfläche für Windkraft verdoppelt, auf 1,6 Prozent des Regionsgebietes. Kritiker sprechen von einem Papiertiger, denn: Die Probleme etwa mit der Flugsicherung hätte man bewusst ignoriert, nur um die Fläche irgendwie verdoppeln zu können, ohne wirklich Windkraft auszubauen – und weil an anderen, vielleicht sogar besser geeigneten Stellen zu heftiger Widerstand befürchtet werde.

Die Proteste gibt es nun trotzdem, dennoch ist die Regionsverwaltung in einer Antwort an die NP überzeugt: „Die im RROP 2016 festgelegten Vorranggebiete Windenergienutzung weisen grundsätzlich eine für die Windenergienutzung hohe Eignung auf.“ Vor Verabschiedung des RROP seien die zuständigen Behörden (Bundesamt für Infrastruktur, Umweltschutz und Dienstleistungen der Bundeswehr und das Bundesaufsichtsamts für Flugsicherung) frühzeitig in den Planungsprozess eingebunden gewesen, um deren Belange „in angemessener Form berücksichtigen zu können“. Weder die zivilen noch militärischen Behörden hätten „abschließende Stellungnahmen“ etwa zu den Belangen Flugsicherung und militärische Hubschraubertiefflugstrecken abgegeben. Daher könne „eine Vereinbarkeit des Flugbetriebes mit der Windenergienutzung im Sinne von Luftfahrthindernissen nur im konkreten Genehmigungsverfahren geprüft und gegebenenfalls sichergestellt werden“.

Ähnlich sieht es für Belange des Arten- und Naturschutzes aus: Erhebungen vor Ort seien immer „lediglich eine Momentaufnahme“ – etwa: Brüten geschützte Vögel hier? – weshalb „Artenschutzkonflikte im Genehmigungsverfahren oder gegebenenfalls zuvor auf der bauleitplanerischen Ebene zu klären“ seien.

Bislang klagen laut Regionsverwaltung ein Bürger und ein Unternehmen gegen das RROP. Womöglich ist das erst der Anfang: Die Stadt Barsinghausen hat beschlossen, gegen das RROP zu klagen – weil ein existierender Modell-Flugplatz nicht berücksichtigt worden sei und weil man einen Konflikt zum Grundwasserschutz sieht. Die Gemeinde Wennigsen will ebenfalls prüfen, ob sie gegen das RROP klagt. 

Ralph Hübner