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Meine Stadt Zoff im Deister: Wieder Ärger um illegale Mountainbike-Strecken
Hannover Meine Stadt Zoff im Deister: Wieder Ärger um illegale Mountainbike-Strecken
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09:35 17.08.2019
Faszination Mountainbike: Laura Zeitschel ist eine von vielen Sportlern, die mit ihren Rädern regelmäßig im Deister fahren. Doch das bringt auch Probleme mit sich. Quelle: Christian Behrens
Barsinghausen/Wennigsen

Am meisten Spaß macht es, sagt Laura Zeitschel, wenn sie die perfekte Spur trifft. Wenn es gefühlt ganz von alleine läuft. „Im Flow sein“, nennt es die 28-Jährige. Sie ist eine von vielen hundert Mountainbikern, die mit Begeisterung im Deister ihrem Sport nachgehen. Zeitschel sogar sehr erfolgreich. Bei Downhill-Rennen landet sie regelmäßig auf dem Podest. Zwar sei der Deister nicht so spektakulär wie die Alpen. Dafür gebe es jedoch „eine hohe Traildichte und viele tolle Touren, die man fahren kann“.

Genau diese vielen Trails, so nennen die Mountainbiker ihre Strecken, sorgen jedoch für Konflikte im Wald. Den Waldbesitzern sind sie ein Dorn im Auge. „Ein großer Teil der Mountainbiker hält sich nicht an die Regeln. Und die Zahl der illegalen Strecken hat zugenommen“, kritisiert Christian Boele-Keimer von den Landesforsten Niedersachsen. Als Leiter des Forstamtes Saupark ist er für mehr als ein Drittel der Waldflächen im Deister zuständig.

Erlaubt sei das Radfahren im Wald nur auf den breiten Wirtschaftswegen. „Alles, was sich abseits davon abspielt, ist illegal“, sagt Boele-Keimer. Das Problem: Die Wirtschaftswege sind wegen ihres meist geringen Gefälles uninteressant für die Downhill-Mountainbiker. Sie lieben steile Abfahrten, weite Sprünge, enge Kurven.

Welche Wege im Wald dürfen befahren werden?

Die Mountainbiker widersprechen der Sicht der Förster. „Im Gesetz steht etwas anderes“, sagt Oliver Reich, Vorsitzender der Deisterfreunde. In dem Verein sind rund 430 Mountainbiker organisiert, die regelmäßig im Deister fahren. „Kleine Trampelpfade können ebenfalls legal befahren werden“, erklärt Reich. Das sieht auch der Vize-Vorsitzende Rüdiger Dinse so: „Es gibt dutzende ganz offizielle schmale Wanderwege im Deister. Und sobald sie von einem Mountainbiker benutzt werden, sollen sie plötzlich illegal sein. Das kann so nicht richtig sein.“

Besonders verärgert zeigen sich die Waldbesitzer allerdings darüber, dass einige Sportler auch direkt in den Wald eingreifen. Sie bauen Rampen und optimieren ihre Trails. „Kettensäge, Spaten und Spitzhacke gehören für viele zur Standard-Ausrüstung“, berichtet Boele-Keimer und zeigt auf eine große Rampe, die künstlich aufgeschichtet wurde. Für ihn steht fest: „Das ist nichts anderes als Sachbeschädigung“.

Verärgert: Christian Boele-Keimer, Leiter des Forstamtes Saupark, zeigt eine der Sprungschanzen in seinem Wald, die die Mountainbiker gebaut haben. Er hält das für Sachbeschädigung. Quelle: Christian Behrens

Der Leiter des Forstamtes berichtet auch von gefährlichen Situationen. Einmal sei ein Baum schon fast im Fallen gewesen, als noch zwei Mountainbiker darunter hindurch gerast seien. „Absperrungen interessieren die nicht. Mittlerweile müssen wir in vielen Bereichen immer jemanden abstellen, der aufpasst. Das verursacht auch zusätzliche Kosten“, so Boele-Keimer.

Der Ärger mit den Mountainbikern habe „erheblichen Einfluss“ auf seine Arbeit, sagt Ralph Weidner, der die Revierförsterei Lauenau leitet. „Viele Nerven“ koste ihn das. Zum Beispiel, weil die Heisterburg, ein archäologisches Bodendenkmal, regelmäßig befahren werde. Die steilen Hänge der früheren Burganlage seien für die Mountainbiker attraktiv. Allerdings würden sie durch diese in Mitleidenschaft gezogen. „Verbotsschilder sind ihnen egal. Und die Ruhe des Wildes auch. Da ist der Freizeitegoismus größer“, klagt Weidner.

Waldbesitzer: Wild findet wegen Mountainbikern keine Ruhe

Ein Problem, das auch Friedrich Noltemeyer sieht, Vorsitzender der 330 Hektar großen privaten Forstgemeinschaft Wennigsen-Argestorf. „Das Wild traut sich oft nicht raus, weil zu viel Bewegung im Wald ist“, sagt er. Eine der illegalen Mountainbike-Strecken führe direkt durch einen Bereich mit jungem, dichten Wald, in dem die Tiere besonders gerne Zuflucht suchen. Bei ihm gingen deshalb regelmäßig Klagen seiner Jagdpächter ein, erzählt Noltemeyer.

Im Wald seiner Forstgemeinschaft liegen auch einige besonders eindrucksvolle Hinterlassenschaften der Mountainbike-Streckenbauer. Ein paar Meter abseits eines Wirtschaftsweges haben sie mühevoll mit Lehm und Steinen Rampen und Kurven gebaut. Außerdem ein Podest aus richtig schweren Brocken. Der Bewuchs darauf lässt zwar ahnen, dass es schon eine Zeit lang nicht mehr genutzt wurde. So viel steht aber fest: Das Bauwerk kostete viel Mühe und bedurfte einiger kräftiger Arme. „So etwas darf nicht sein“, sagt Deisterfreunde-Vize Dinse. Es gebe „ aber leider ein paar Leute, die vielleicht lieber in den Gartenbau hätten gehen sollen“.

Schwere Arbeit: Der Bau dieses Sprungpodestes, das im Wald von Friedrich Noltemeyer errichtet wurde. Quelle: Christian Behrens

Dass es im Deister auch deutlich stressfreier zugehen kann zwischen Waldbesitzern und Mountainbikern, lässt sich auf der Fläche der Revierförsterei Georgsplatz beobachten, die ebenfalls Teil der Landesforsten ist. Dort liegen zwei offiziell von der Region genehmigten Trails, der „Ü 30“ und der „Ladies only“. Außerdem eine kleinere Strecke für BMX-Fahrer. „Früher hatten wir hier einen Kleinkrieg. Aber mittlerweile ist das Miteinander absolut positiv“, berichtet Revierförster Frank Nüsser.

Damit das Projekt gelingen konnte, haben die Landesforsten einen Vertrag mit den Deisterfreunden geschlossen. Die Mountainbiker halten die Strecken instand, die im Vorfeld genau vermessen wurden. Sie haben auch die Haftung von den Landesforsten übernommen.

Klare Regeln: In der Revierförsterei Georgsplatz, für die Frank Nüsser zuständig ist, gibt es zwei offiziell von der Region genehmigte Strecken. Quelle: Christian Behrens

Die Zusammenarbeit mit diesen „klappt hervorragend“, bestätigt der Deisterfreunde-Vorsitzende Reich. Gerne würde der Verein das Modell auch auf andere Teile des Waldes ausdehnen. Die Deisterfreunde sind bereit für zwei bis drei zusätzliche legale Trails die Verantwortung zu übernehmen. Reich ist überzeugt, dass das die Konflikte erheblich reduzieren würde. „Die Revierförsterei Georgsplatz haben wir schon erfolgreich befriedet. Mit uns kann man immer reden“, sagt Reich und plädiert für eine Wiederbelebung des Runden Tisches, an dem die ersten beiden legalen Strecken ausgehandelt wurden.

Vor rund zehn Jahren nahm der Mountainbike-Boom im Deister zunehmend an Fahrt auf. Die Konflikte zwischen Sportlern und Waldbesitzern, aber auch mit Wanderern, drohten zu eskalieren.

Die Region schaltete sich ein und versuchte in dem Konflikt zu vermitteln. Im Jahr 2014 hat sie als zuständige Behörde zwei offizielle Strecken im Deister genehmigt. Dem vorangegangen ist eine jahrelange Abstimmung mit den Landesforsten und den Mountainbikern, die für diesen Anlass den Verein „Deisterfreunde“ gegründet haben.

Laut Bilge Tutkunkardes, Leiterin des Team Naherholung der Region, gibt es allerdings „mehrere Dutzend illegale Strecken“. Wenn man den gesamten Deister betrachte, habe sich die Situation nicht verbessert.

Die Behörde kritisiert auch, dass es zu starken Störungen von Rotwild komme, wenn Rückzugsbereiche durchquert würden oder Trails nahe daran vorbei führten.

Die Möglichkeiten dagegen vorzugehen, sind aus Sicht der Region allerdings beschränkt. Der Aufwand, das riesige Gebiet zu kontrollieren, sei unverhältnismäßig hoch. Aktionen würden verpuffen, weil die Mountainbike-Szene mit Mobiltelefonen gut vernetzt sei.

„Wir brauchen mehr Respekt für die verschiedenen Interessen im Deister. Wir können die Situation nur gemeinsam lösen“, sagt Sonja Papenfuß, Leiterin des Fachbereichs Umwelt der Region. Deshalb soll nun der Runde Tisch wiederbelebt werden, an dem die ersten beiden legalen Strecken ausgehandelt werden. Es könne aber „nicht einfach darum gehen, neue Trails auszuweisen“, betont Papenfuß.

Ein Vorschlag, der jedoch nicht überall auf Begeisterung stößt. „Der Wald ist keine Sportstätte“, sagt Noltemeyer von der Forstgemeinschaft Wennigsen-Argestorf. Mountainbiker will er auch künftig nicht dulden: „Wenn der Staat das will, dann soll er auf seinem Gebiet Strecken anlegen“, stellt Noltemeyer klar. Eine Lösung für den Konflikt im Wald erscheint schwierig.

Von Christian Bohnenkamp