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Meine Stadt „Ich trat plötzlich ins Leere“: Blinde fordern mehr Sicherheit an Hochbahnsteigen
Hannover Meine Stadt „Ich trat plötzlich ins Leere“: Blinde fordern mehr Sicherheit an Hochbahnsteigen
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09:24 07.12.2019
Kennen die Gefahren von Hochbahnsteigen: Wolfgang Angermann und Lydia Steinhorst an der Haltestelle „Großer Hillen“, wo sich vor einer Woche der schwere Unfall ereignete. Quelle: NANCY HEUSEL
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Hannover

Betreten Lydia Steinhorst und ihr Ehemann Wolfgang Angermann einen Hochbahnsteig, geht die Angst immer mit. Als „Schwebebalken“ bezeichnet das blinde Ehepaar die Haltestellen in der Mitte zwischen zwei Fahrbahnen. Angst haben sie nicht nur, ins Leere zu treten und abzustürzen. Sondern auch, dabei unter eine Stadtbahn zu geraten. Genau das ist einer blinden Freundin vor einer Woche passiert. Hier am Hochbahnsteig Großer Hillen in Kirchrode.

Die 64-Jährige war offenbar zwischen Bahn und Bahnsteigkante geraten, wurde mitgeschleift und blieb nach 15 Meter schwer verletzt mit gebrochenen Beinen, einer zertrümmerten Kniescheibe und einer gerissenen Arterie im Gleisbett liegen. Inzwischen ist sie außer Lebensgefahr, könnte jedoch erhebliche Folgeschäden davontragen. Wie es zu dem Unfall kommen konnte, ist noch unklar – auch die Üstra ermittelt weiterhin die Umstände. „Wir sind tief erschüttert. Uns ist immer noch rätselhaft, wie es passieren konnte“, so Sprecher Udo Iwannek. „Wir haben in der Vergangenheit alles getan, um solche Unfälle zu vermeiden.“

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Blinde schon mehrfach auf die Schienen gestürzt

Wirklich alles? Nein, glauben Steinhorst, Angermann und weitere Mitglieder des Blinden- und Sehbehinderten-Verband Niedersachsen (BVN), der seinen Sitz nicht weit vom Unfallort hat. Mehrere Mitglieder sind schon mal auf den Schienen unterhalb von Haltestellen gelandet. „Ich hatte drei Schutzengel“, sagt Lydia Steinhorst. Es war am 12. Mai 2017, Haltestelle Braunschweiger Platz. „Die Bahn hielt, ich ging darauf zu und suchte eine geöffnete Tür“, schildert sie. Als sie sich an den Wagen entlang tastete, trat sie plötzlich ins Leere. „Ich hörte noch zwei Frauen ’Halt!’ rufen, und war schon unten.“ Statt einer offenen Tür, war sie in den Spalt zwischen zwei Wagen geraten und vor die Schienen gestürzt. Kurz orientierungslos tastete Steinhorst um sich. „Zum Glück fuhr die Bahn nicht los. Ein aufmerksamer Passagier hatte den Fahrer gestoppt – er selbst hatte meinen Sturz gar nicht wahrgenommen.“

Die Situation beschäftigt die 58-Jährige noch heute, nach dem jüngsten Unfall mehr denn je. „Ich fahre so häufig Bahn, nutze sonst immer den Stock um mich vorzutasten. Doch damals habe ich nur eine Sekunde lang nicht aufgepasst.“

Ähnliches berichten auch andere Blinde: Ein kurzer Aussetzer genügt und schon liegt man unten. Auch Wolfgang Angermann stürzte in den Raum zwischen zwei Wagen – „ich hatte die Tür nicht gleich gefunden und wollte verhindern, dass die Bahn ohne mich losfährt.“ Er verstauchte sich nur den Fuß. Dass es auch schlimmer ausgehen kann, ahnte er aber schon damals.

Blinder sucht Tür – Bahn fährt ab

Nach dem schweren Unfall vergangene Woche, appellieren die Blinden und Sehbehinderten nun noch einmal an die Üstra, für mehr Sicherheit zu sorgen: „Wir wollen niemanden vorverurteilen, aber stellen immer wieder fest, dass Fahrer nicht ausreichend sensibilisiert sind. Die Bahn fährt dann bereits los, wenn ein blinder Fahrgast mit der Hand noch nach der Tür tastet“, sagt Angermann. Blinde Dauerfahrer erlebten das mehrfach im Monat, obwohl sie bereits mit erhobenen weißen Stock auf sich aufmerksam machen, wenn die Bahn einfährt – ein mit der Üstra verabredetes Zeichen.

Viel könnten die Blinden für ihre Sicherheit fordern – Geländer an den Hochbahnsteigen, die nur Raum für die Bahntüren frei geben, Lichtschranken und Kameras an der Unterseite der Bahn, um Gestürzte zu registrieren. „Uns würde aber schon reichen, wenn die Üstra an jeder Haltestelle grundsätzlich alle Türen zum Bahnsteig öffnet“, sagt Brigitte Beschenbossel vom BVN. Seit Jahren fordere man das. „Bis heute haben wir kein gutes Argument dagegen gehört“. Dann müssten sich die Blinden nicht unter Zeitdruck am Wagen entlang bis zum Türknopf tasten, sondern könnten sich übers Gehör zur Tür orientieren.

Üstra: Fehlverhalten sofort melden

Die Üstra sagt in einer ersten Reaktion: „Wir haben mit den Blindenverbänden die neuen Bahnen bereits optimiert und schulen die Fahrer, besonders auf sehbehinderte und blinde Fahrgäste zu achten“, so Sprecher Iwannek. Den aktuellen Fall werde man aber in die fortlaufenden Schulungen aufnehmen. „Über konkrete Hinweise, wann Fahrer einen blinden Menschen nicht beachtet haben, sind wir darüber hinaus immer dankbar.“ Die weiteren Forderungen werde man intern besprechen, kündigte der Sprecher an.

Fragen an den Blindenverband

In der Kritik stehen Hochbahnsteige bei blinden Menschen schon seit Jahren. Mit dem schweren Unfall einer blinden Frau am vergangenen Freitag ist die Kritik erneut aufgeflammt. Die NP sprach darüber mit Jochen Bartling vom Blinden- und Sehbehindertenverband Niedersachsen.

Sind Hochbahnsteige eine Gefahrenquelle?

Die Hochbahnsteige werden häufig als eng empfunden. Zwar sind parallel zu den Kanten Bodenindikatoren verlegt, diese werden aber oft von wartenden (sehenden) Passanten verstellt. Blinden Menschen sollten diese freigemacht werden und zwar so, dass sie sich mit ihrem Langstock auf der inneren, der fahrbahnabgewandten Seite der Leitlinie bewegen können. Hochbahnsteige sind zudem hoch. Viele blinde und sehbehinderte Nutzer der Üstra begleitet die Angst, ins Leere zu treten. Das kann vor allem in Situationen geschehen, wenn die Orientierung zur Kante nicht gegeben ist. Die kann zum Beispiel bei großem Lärm auf dem Bahnsteig verloren gehen, oder wenn etwa aufgrund des Gedränges zu viele Ausweichmanöver vollzogen werden müssen. Aber auch, wenn Begleitung angeboten wird und dem blinden Passanten nicht mitgeteilt wird, wie er zur Kante steht. Eine große Gefahrenquelle sind die Lücken zwischen den Wagen der Stadtbahn, die mit dem Langstock in der Eile mit einer geöffneten Tür verwechselt werden können.

Sollte baulich nachgebessert werden?

Die Sicherheitssysteme bei Bahnen müssen verbessert werden. Dazu gehört auch, dass der freie Raum zwischen den Wagen verkleidet werden muss, sodass eine Verwechselung mit einer geöffneten Tür nicht mehr vorkommen kann.Auch sollten die Türen auf den Hochbahnsteigen grundsätzlich automatisch öffnen, damit seheingeschränkte Menschen sich nicht erst auf die Suche nach ihr machen müssen. Die Türen sollten zudem mit einer Akustik ausgestattet sein, sodass ihre Auffindbarkeit blinden und sehbehinderten Menschen schneller möglich ist. Doch auch die Stadtbahnfahrer brauchen bessere Sicht: Sie müssen über ein Kamerasystem den gesamten Hochbahnsteig überblicken können.

Wo in Hannover sehen sie noch baulichen Nachholbedarf?

Es gibt zu wenig Leitstreifen für Blinde im Hauptbahnhof. Darüber hinaus wünschen wir uns den Ausbau der Bahnsteige der Stadtbahn in Linden/Limmer sowie sprechende Haltestellen, wie es sie bei Stadbahnen gibt, auch für Bushaltestellen. Notwendig wäre auch die flächendeckende Ausstattung der Ampeln mit taktilen und akustischen Zusatzeinrichtungen. An Kreuzungen und Stellen wie Zebrastreifen und Fußgängerfurten brauchen wir gesicherte Querungen und vor allem kein Null-Niveau ohne Bodenindikatoren.

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Von Simon Polreich

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