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Meine Stadt „Man muss höllisch aufpassen“: Unterwegs mit einer Stadtbahnfahrerin
Hannover Meine Stadt „Man muss höllisch aufpassen“: Unterwegs mit einer Stadtbahnfahrerin
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11:11 05.04.2019
HOCHKONZENTRIERT: Ilka Wendisch im Fahrerhaus der TW3000. An der Haltestelle erklärt sie der NP das Cockpit des Führerhauses. Quelle: Wallmüller (2), Rückerl
Hannover

Gemächlich schiebt die alte Dame ihren Rollator über den Überweg. Nicht, dass die Seniorin nun gerade Grün hätte, aber vielleicht ist für sie ja nur dunkelgelb und vielleicht meint sie, die Straßenbahn auf der anderen Seite noch zu schaffen. Ilka Wendisch bewegt ihren rechten Fuß bereits in Richtung Klingelknopf, da sieht sie, dass die Frau doch auf sie schaut und anhält. Gefahr vorbei. „Man muss höllisch aufpassen“, sagt Wendisch, lächelt befreit und gibt dann wieder Gas. Bis zur nächsten Station.

Ilka Wendisch ist Stadtbahnfahrerin, „und das bin ich wirklich gern, auch wenn es manchmal ganz schön anstrengend ist“, meint die 47-Jährige.

Das hätte sie so nicht erwartet, bevor sie sich bei der Üstra bewarb. Ihr zweiter Mann – die beiden sind seit einem dreiviertel Jahr verheiratet und seit vier Jahren zusammen – ist ebenfalls Üstra-Beschäftigter. „Er fragte im Zuge der Rock-Kampagne, als Fahrerinnen gesucht wurden, ob ich nicht Lust hätte.“ Sie hatte. Bestand unter anderem Mathe-, Situations-, Fahrtest, besuchte 60 Tage die Fahrschule für Quereinsteiger – und ist seit September 2017 in den Führerhäusern der Linien 4, 5, 6 und 11 zu finden.

Wenn man denn mal hineinguckt. Manche Fahrgäste machen das, manchmal lächelt sogar jemand zu ihr hinein „und dann lächle ich auch gern zurück“, sagt die fröhlich wirkende Frau. Aber oft ist ihr auch nicht zum Lachen. Wenn da mal wieder Leute gehen, stehen, fahren und spontan parken, denen es offenbar ziemlich wurscht ist, dass eine Straßenbahn nur bremsen und nicht mal eben ausweichen oder die Spur wechseln kann. Besonders die „Smombies“ – eine Wortschöpfung aus Smartphone und Zombies – machen Leuten wie Ilka Wendisch das Leben schwer. „Viele vor allem junge Leute schauen nur aufs Handy, haben dann oft noch Kopfhörer in den Ohren und achten nicht darauf, ob eine Straßenbahn kommt. Man klingelt und das interessiert die nicht – und dann muss man in die Eisen gehen.“

Sand vor die Räder

Bei dieser Gefahrenbremsung rutscht gleichzeitig Sand vor die Räder, um die fast 40 Tonnen schwere Stadtbahn möglichst sofort anhalten zu können. Dabei kann es auch mal ruckeln. „Das ist ja auch für die Fahrgäste nicht schön, die könnten in solchen Momenten fallen.“ Deswegen ist in jeder Schicht höchste Konzentration gefragt.

Info für Quereinsteiger

Wer sich als Quereinsteiger bei der Üstra bewirbt, muss einen Führerschein haben, mehr als 21 Jahre alt sein und noch einmal 60 Tage die Fahrschule besuchen.

Danach können die Neu-Straßenbahnfahrer für die Betriebshöfe Leinhausen und Döhren mindestens die neuen Modelle TW2000 und den auch ergonomisch hochwertigen TW3000 fahren – darauf werden sie geschult. Wer im Betriebshof Glocksee arbeiten wird, bekommt zusätzlich noch Fahrten auf den „alten Grünen“ zugeteilt, der TW6000, weil die dazugehörige Linie 9 hier noch fährt.

Neulinge sind nicht sofort auf sich gestellt. Nach der Zwischenprüfung fährt der Fahranwärter mit einem Lehrfahrmeister – also erfahrenen Kollegen, die eine Zusatzausbildung bekommen haben, immer eine Diensthälfte. Der oder die sind auch am Anfang zur Eingewöhnung dabei und unterstützen die Neuen am Anfang mit Rat und Tat.

Auf der Strecke Leinhausen Richtung Herrenhausen etwa will ein Paketzusteller noch schnell links ein parkendes Auto auf der rechten Spur überholen – und sieht rechtzeitig ein, dass eine Stadtbahn wohl stärker wäre. Aber auch Ilka Wendisch hat schnell reagiert, leicht abgebremst und geklingelt. Man könnte die 47-Jährige auch Unfallvermeiderin nennen. „Man muss immer den Rundumblick haben“, sagt sie. „Ich konzentriere mich auf die Autofahrer und auch Radfahrer, die oft so fahren, wie es ihnen gerade passt. Und darauf, ob jemand zu nah an den Gleisen steht oder ob da Kinder spielen. Niemand will, dass irgendetwas passiert.“

Das tut es dennoch. Zusammenstöße der Stadtbahnen mit Passanten, Radfahrern und vor allem Autos und Lastwagen sind nicht das tägliche, aber schon wöchentliche oder monatliche Los der Stadtbahn – und dann von jenen, die im Führerhaus sitzen. Die Leitstelle der Üstra, die rund um die Uhr an sieben Tagen der Woche besetzt ist, hat dann alle Hände voll zu tun. „Die organisieren sofort den Ersatz, bespielen die Meldekette, sorgen für die entsprechenden Anzeigen in den Stationen, um die Fahrgäste zu informieren und nehmen den direkten Kontakt zur Polizei und Feuerwehr auf“, berichtet Philipp Mendala, Leiter Fahrgruppen im Betriebshof Leinhausen und damit nächster Vorgesetzter von Ilka Wendisch. Nicht zu vergessen den Kundenservice, der die Probleme und die Problemlösungen gleich auf Twitter herausgibt. „Wenn was passiert, wollen die Fahrgäste sofort unterrichtet werden.“

Ein Fordfahrer aus Hameln hatte beim Linksabbiegen am Steintor eine Stadtbahn übersehen. Quelle: Christian Elsner

„Bei mir ist zum Glück noch nichts Schlimmes passiert“, erzählt Wendisch. „Aber ich musste schon öfter Gefahrenbremsungen machen.“ Einmal rief sogar ein spontan aus der Parklücke herausfahrender Autofahrer am nächsten Tag an, der von ihr rechtzeitig mit einem Klingeln gestoppt wurde – und bedankte sich dafür. Andere wiederum zeigen auch bei kurzer Verspätung demonstrativ auf ihre Armbanduhr. Als könne die Fahrerin mal schnell mit ihrem Gefährt fliegen, wenn wieder mal Schüler die Türen für ihre später ankommenden Mitschüler blockiert haben und die Abfahrt so verzögert wird.

Das Unternehmen

Die Üstra ist aus Hannover nicht wegzudenken. Zwölf Stadtbahnlinien mit einer Länge von insgesamt 184,1 Kilometer und 197 Haltestellen sowie 38 Busse mit 674 Haltestellen sind am Stichtag 31. 12. 2017 gezählt worden. Da gab es auch 2088 Angestellte, davon 1045, die zum „Verkehrspersonal“ gezählt werden. Das sind die Quereinsteiger. Es gibt aber auch einen eigenen, dreijährigen Ausbildungsberuf, der sich nennt: „Fachkraft im Fahrbetrieb“. Wer ihn ergreift, lernt die 40-Tonner (Stadtbahn) und auch 18 Meter lange Gelenkbusse steuern. Die Azubis üben im Kundenzentrum den Umgang mit Fahrgästen und jenen, die es werden wollen, dürfen in den Werkstätten basteln und schauen im Qualitätsmanagement vorbei. Kaufmännische Betriebsführung gehört auch zu den Ausbildungsinhalten.

Gerade Stadtbahn- und Busschaffner können auch schon mal an Rückenproblemen leiden – Sitzen ist das neue Rauchen, heißt es ja so schön. Die Üstra bietet Betriebssportgruppen an, unterstützt aber auch außerbetriebliche Bewegungseinheiten.

Sollte es im Berufsalltag zu Unfällen kommen – wie kürzlich erst am Steintor, als ein Fordfahrer mitten auf der Straße wenden wollte – bekommen Stadtbahnfahrer auf Wunsch auch psychologische und Gesprächshilfe seitens der Üstra. Im TW3000 haben auch die Fahrgäste einen besonderen Schutz: So wurden spezielle Prall- und Crashelemente verbaut, die einen erhöhten Aufprallschutz bieten.

Tempo wird auch in Tunneln überwacht

Können die Fahrer außerhalb der Tunnel bei freier Fahrt bis 50 km/h selbstständig beschleunigen, würden sie an den Überwachungsinstanzen im Tunnel nicht vorbei kommen, wenn etwa das Signal auf 30 Stundenkilometer steht – auch wenn im Tunnel bis 70 Stundenkilometer erlaubt sind. Mendala: „Wenn ich in dem Moment mit 31 km/h rüberfahre, obwohl das Signal auf 30 steht, gibt es einen Pfeifton und dann habe ich noch drei Sekunden zum Abbremsen. Mache ich das nicht, werde ich zwangsgebremst.“ Im Sichtfahrbereich, also überirdisch, entscheide der Fahrer oder die Fahrerin, „im Tunnel kann ich nicht aus Versehen einen Unfall bauen, da läuft alles automatisch. Das System geht immer auf Sicherheit“, weiß Mendala. Was Ilka Wendisch ganz lieb ist. „Ich bin immer heilfroh, wenn nichts ist.“

Von Petra Rückerl