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Hannover Meine Stadt Start der Schnief- und Schnäuzsaison
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17:27 24.02.2019
OHNE TASCHENTUCH GEHT ES NICHT: Allergiker leiden derzeit . Quelle: Foto: Dröse
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Hannover

„Haaaatschi!“ – es geht wieder los: Während sich die meisten Hannoveraner über Sonnenschein und frühlingshafte Temperaturen freuen, beginnt für andere Menschen eine besonders nervige Zeit: Die Heuschnupfen-Saison.

„Heute morgen bin ich vollgeschminkt losgefahren“, erzählt Radfahrerin Anna Jansen. „Als ich dann angekommen war, sah ich aus wie eine Heulsuse.“ So geht es vielen derzeit. Schon ein kurzer Aufenthalt im Freien sorgt für laufende Nasen und tränende Augen.

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Frühblüher starten durch – Allergien nehmen zu

Hasel und Erle bereiten den Allergikern im Februar den meisten Ärger. Zu den Frühblühern gesellt sich dann im März noch die Birke. Aktuell sorgen das sonnige Wetter und der geringe Niederschlag für gute Verbreitungsmöglichkeiten der Pollen – sehr zulasten der Betroffenen.

Rund 49 Prozent der Erwachsenen in Deutschland reagieren auf mindestens eine Pollenart allergisch. Bei 34 Prozent sind sogar Antikörper nachweisbar, die auf eine langfristige Sensibilisierung des Körpers hinweisen.

Und es wurden in den vergangenen Jahrzehnten immer mehr Menschen anfällig für Allergien. Studien deuten darauf hin, dass Luftverschmutzung, zunehmende Hygiene, weniger Kontakt mit der Natur und der Klimawandel Gründe für eine Verbreitung von Allergien sind.

Traubenkraut sorgt für Extra-Runde

Durch die wärmeren Temperaturen beginnt die Leidenszeit der Allergiker früher – und endet auch später. Denn Erkenntnissen der Forschung zufolge, sorgt beispielsweise die steigende Konzentration von Kohlenstoffdioxid (CO2) in der Atmosphäre für eine erhöhte Pollenproduktion der Ambrosia-Pflanze, auch bekannt als Beifußblättriges Traubenkraut. Die Pollen dieser Pflanze gelten als besonders aggressiv und lösen bei Allergikern teils heftige Reaktionen aus.

Und falls es mal besonders schlimm wird, hat Ina Bartels, Inhaberin der Johannes-Apotheke in Wettbergen noch einen Tipp: „Bei einem akuten Anfall helfen Augentropfen, die den Allergie-Botenstoff Histamin hemmen.“

NP-Experteninterview

Der Dermatologe und Allergologe Wolfgang Lensing in seiner Praxis in der Südstadt. Quelle: Rainer-Droese

Wolfgang Lensing ist Allergologe mit Praxis in der Jordanstraße (Südstadt) und Vorsitzender des niedersächsischen Landesverbandes des Berufsverbands der Deutschen Dermatologen (BVDD).

Viele Menschen haben schon jetzt im Februar mit Heuschnupfen zu kämpfen. Beginnt die Pollensaison immer früher?

Ja, das stimmt. Der Klimawandel mit immer wärmeren Temperaturen sorgt dafür, dass die Pollen der früh blühenden Bäume nicht nur früher, sondern stärker unterwegs sind. Die Hasel kämpft sich als erstes durch den Winter und auch die Erle fängt schon an zu blühen. Die Birke war in den letzten Jahren ebenfalls früher dran, wurde aber durch Trockenheit auch gehemmt.

Wird es also schon voll in den Allergologiepraxen?

Es kommen bereits viele Allergiker. Es ist wichtig, dass sich die Allergologen die Patienten anschauen, aber weder Pollenflug noch Patientenzahl sind vorhersehbar; gerade die in der Saison akut betroffenen Patienten müssen gelegentlich ohne Termine Wartezeiten in Kauf nehmen, die im Übrigen in den Praxen bei Mitarbeitern und Ärzten zu Überstunden führen.

Wie kommt es überhaupt zu Allergien?

Eine gewisse erbliche Veranlagung und veränderte Lebensumstände führen zu Allergien. Früher haben die Menschen allgemein, besonders auf Bauernhöfen nah an Natur und Tieren gelebt und wurden schon als kleine Kinder von pflanzlichen und tierischen Reizstoffen geradezu überflutet. Kinder in der Stadt sind heute deutlich anfälliger für Allergien. Ein Grund hierfür wird in der deutlich geringeren Bandbreite der Allergenbelastung vermutet. So kann sich das Abwehrsystem der Allergiker zwar mit weniger Stoffen, mit denen aber intensiver beschäftigen.

Wie sollte man Heuschnupfen behandeln?

Langfristig hilft eine sogenannte Hyposensibilisierung am besten. Dabei wird genau der Stoff, gegen den die Patienten allergisch reagieren, entweder in geringer Menge unter die Haut gespritzt oder als Tablette verabreicht. Doch damit sind wir in Deutschland gravierend unterversorgt. Seitdem die Allergie-Tabletten, Antihistaminika, und Nasensprays meist selbst bezahlt werden müssen, also nicht mehr rezeptiert werden, behandeln viele Allergiker ihren Heuschnupfen mit diesen Mitteln selbst und oft unzureichend. Sie gehen nicht mehr in die Praxen, um ausführlich untersucht und beraten werden zu können – und die oft sehr wirksame Hyposensibilisierungstherapie unterbleibt.

Helfen sie oder versagen Allergietabletten oft?

Nein, sie helfen bei richtiger Anwendung, sollten allerdings parallel durch eine über wenigstens drei Jahre konsequent durchgeführte Hyposensibilisierung flankiert werden. Wichtig ist, die Tabletten regelmäßig über die ganze individuelle Heuschnupfensaison einzunehmen und nicht erst, wenn die Symptome da sind. Die Wirkstoffe müssen sich schon in der Schleimhaut befinden, bevor der Pollen kommt. Zum Vergleich: Eine Bremse baut man auch nicht erst ein, wenn das Auto schon bergab rollt.

Statistiken zeigen, dass eher jüngere Menschen unter Allergien leiden und die Zahlen bei den Älteren mit der Zeit immer mehr abnehmen. Wie kann man das erklären?

Das Abwehrsystem, das bei Heuschnupfen überreagiert, altert mit dem Menschen und reagiert nicht mehr so extrem wie noch in jungen Jahren. Dazu baut es mit der Zeit eine gewisse Toleranz den Allergenen gegenüber auf. Die Gefahr ist, dass der Heuschnupfen im Alter vom allergischen Asthma abgelöst wird. Wir sprechen von einer typischen Allergiker-Karriere, zu der Neurodermitis in der Kindheit, Heuschnupfen von der Kindheit bis in das Erwachsenenalter und allergisches Asthma gehören. Heuschnupfen ist also nur ein Teilbereich, gerade deshalb ist umfassende Beratung so wichtig.

Bin ich für immer sicher vor Heuschnupfen, wenn ich als Kind keine Allergien hatte?

Nein, leider nicht. Wie man auf Allergene, also zum Beispiel Pollen oder Hausstaubmilben, Tierhaare usw. reagiert, wird schon in den ersten Lebensmonaten entschieden. In dieser Zeit wird die Neigung zu Allergien quasi vorprogrammiert, das hält ein Leben lang an, muss aber durchaus nicht dazu führen, dass man auch tatsächlich Symptome entwickelt. Vielfach wird die Diagnose „Allergie“ allerdings erst im Erwachsenenalter gestellt. Die Krankengeschichte der Betroffenen weist jedoch oft frühere Symptome auf, die als Grippe, Erkältung usw. gedeutet und nicht als allergisch bedingt wahrgenommen wurden. Dies führt zur Verzögerung der korrekten Diagnosestellung. Inhalationsallergien belasten die Patientinnen und Patienten stark, die in ihrer Lebensqualität, aber auch in ihrer Arbeitsfähigkeit oft erheblich eingeschränkt sind. Eine fachärztliche allergologische Diagnostik und Therapie sollte bei entsprechenden Symptomen so früh wie möglich erfolgen.

Von Janik Marx