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Meine Stadt So hilft der Kältebus jetzt Obdachlosen
Hannover Meine Stadt So hilft der Kältebus jetzt Obdachlosen
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06:41 24.01.2019
MITTENDRIN:Ramona Pold verteilt am Kröpcke Essen, heiße Getränke, Schlaf- säcke, warme Sachen und Informationen an obdach- lose Menschen. Von Luca (links) gibt es dafür eine dankbare Umarmung. Rolf Viebraus (oben rechts) hilft ehrenamtlich und fährt den Bus. Quelle: Fotos: Wallmüller
Hannover

Ramona Pold (47) streicht Luca Gabriel Zessnik (31) noch einmal über den Kragen: „Nimm einen Becher mit heißem Tee mit, vergiss nicht, dass du auskühlst.“ Noch eine herzliche Umarmung, dann sucht sich der Mann eine Bleibe für die Nacht. Vielleicht zwischen Büschen in der Innenstadt, vielleicht in beleuchteten Geschäftseingängen, vielleicht in der U-Bahn-Station am Kröpcke. „Minus 20 Grad sind kalt“, sagt der gebürtige Pole. Heute Abend sind es „nur“ minus zwei Grad.

Doch auch das bedeutet Lebensgefahr für alle, die draußen schlafen müssen, die „Platte machen“. Für Maurice, den „Papa“ Torsten liebevoll „Zwerg“ nennt, „weil ich ihn beschütze“. Maurice wurde bereits zweimal ausgeraubt, „Schlafsack, Isomatte, persönliche Sachen, alles weg“, sagt er und schüttelt traurig den Kopf. Er kann – vielleicht auch mag – nicht mit dem Jobcenter in Verbindung treten, weil er keine Ausweispapiere hat. Er mag auch nicht offensiv betteln. Deswegen sitzt Maurice tagsüber auf der Straße ge­genüber der Oper und hofft, dass ihm jemand etwas Kleingeld in den Becher wirft. Jeder hat seinen angestammten Platz, so lange, bis er verjagt wird. „Papa“ Torsten sitzt am Steintor – „die gefährlichste Ecke Hannovers“, wie der bullige 50-Jährige sagt.

Kältebus bringt Obdachlosen Suppen, Deckung und Kleidung

Dienstagabends schon vor 20 Uhr warten Maurice und Torsten (50) mit ihrem wenigen Hab und Gut am Kröpcke auf den Kältebus der Caritas. Heiße Suppe, heiße Getränke, Fahrkarten, um in Notunterkünfte zu kommen, Schlafsäcke, De­cken, warme Kleidung, Isomatten – „wir bringen alles, was man braucht, um eine solche Nacht überstehen zu können“, sagt Sozialarbeiterin Pold: „Hier zum Kröpcke kommen nicht so viele zu unserem Kältebus wie am Raschplatz, wo wir vorher sind. Aber hier machen alle wirklich Platte.“ Einer von ihnen ist am Montag gestorben. „Tommi“, wie er genannt wurde, „war einer von uns“, sagt „Papa“ Torsten, „er ist einfach erfroren.“ Er habe noch versucht, ihm zu helfen, und Sonntag den Rettungswagen gerufen. Doch „Tommi“ hatte keine Chance mehr – die Kälte, der Alkohol und das unmenschliche Leben auf der Straße ließen ihn gerade einmal 54 Jahre alt werden.

Belegte Brötchen für hungrige Obdachlose

Jung sind die beiden Männer, die gegen 21 Uhr mit einem Lastenfahrrad Brötchen, belegte Stullen und Kuchen vorbeibringen. Felix (27) und Daniel (28) haben mit einer der hannoverschen „Backfactorys“ ein Abkommen. Sie holen abends das Gebäck ab, das vom Tage übrig bleibt und eigentlich im Müll landen würde. „Wir fahren das dann zu den Stellen, wo Obdachlose sind“, erzählt Daniel – und packt einer der stillen Frauen die Tasche voll. „Möchten Sie noch etwas Süßes mitnehmen?“, fragt er freundlich und auf Augenhöhe. „Danke“, sagt sie, „ich nehme lieber die belegten Brötchen.“

Lesen Sie auch: Wie man Obdachlosen helfen kann

Immer mehr Frauen in Hannover obdachlos

Ja, auch Frauen sind „auf Platte“, und es werden im­mer mehr, berichtet Ramona Pold, „die meisten sieht man nicht, aber ihr Anteil ist massiv gestiegen. Er macht mittlerweile ein Drittel bis zu einem Viertel aller Obdachlosen aus.“

Auch zuvor ab 17 Uhr am Raschplatz reihen sich Frauen in die Warteschlange ein, um heiße Suppe und Getränke, von Ramona Pold selbst gemachtes Ratatouille, frisches Obst, Joghurt (ge­spendete Rewe-Ware) und die Kuchen vom Bollerwagen (Text rechts) zu bekommen. Dagmar (50), nach einem Schlaganfall vor drei Jahren im Rollstuhl, müsste sonst hungern: „Meine Rente reicht nicht aus, das meiste geht für die Wohnung drauf, und die ist nicht mal behindertengerecht.“

Diese Karte zeigt alle Obdachlosen, die seit 2008 in Deutschland erfroren sind.

In der Nacht sind sie allein

Nikki (38) und ihr Freund Adrian (32) sind auf Heroin und Kokain und übernachten „mal hier, mal dort, es ist echt scheiße auf der Straße,“, sagt sie und füllt ihren Plastikbeutel mit vitaminreichen Orangen. Erika Heine (62) hat immerhin das Glück, in einem „Little Home“ wohnen zu können. Hilfe von Caritas und Bollerwagen biete das Nötigste, „aber wir brauchen Wohnungen. Der Kältebus steht hier am Abend, aber was passiert in der Nacht?“, fragt sie: „Da sind die obdachlosen Menschen allein und schutzlos ausgeliefert.“

Nachdem sich die Reihen am Raschplatz lichten, startet Rolf Viebraus den Bus. Der 62-Jährige war auch einmal „auf Platte“, hat sich dank Caritas gefangen und arbeitet nun ehrenamtlich für den Kältebus. „Ich schnipple das Gemüse, teile Essen aus und fahre, das tut mir auch gut“, sagt er und macht sich auf den Weg. Es muss nachgekocht werden.

Spenden für Obdachlose: Caritasverband Hannover; Kennwort: Kältebrücke; Iban:

DE92 2512 0510 0001 4142 06.

Von Petra Rückerl

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