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Meine Stadt Die Drogenszene und ihr neuer Treffpunkt
Hannover Meine Stadt Die Drogenszene und ihr neuer Treffpunkt
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20:21 12.07.2019
Offene Drogenszene: Der Bereich vor der Hilfseinrichtung „Stellwerk“ an der Augustenstraße ist der neue Brennpunkt der randständigen Szene im ohnehin problematischen Umfeld des Hauptbahnhofs von Hannover. Quelle: Foto: Dröse
Hannover

Ein ganz normaler Nachmittag hinter dem Hauptbahnhof von Hannover. Aus Richtung Amtsgericht am Volgersweg kommt eine junge Frau angetorkelt. Sie trägt helle Radlerhosen, ein graues Sweatshirt, Sneaker und einen farbigen Turban. Sie wirkt abwesend, gestikuliert, pöbelt wirres Zeug vor sich hin, von dem einige Fetzen zu verstehen sind: „... spinnen alle komplett. Ich glaub‘, ich lass hier gleich den Fön hochgehen.“ Die Betroffene steht sichtlich unter Drogen. An der Ecke Fernroder Straße biegt sie zum „Stellwerk“ ab, der Einrichtung, in der Abhängige sich Heroin spritzen dürfen. Auf der Zuwegung hängen geschätzt 60 bis 70 Personen ab: Gleich neben den Junkies stehen die Dealer, dazu haben sich Trinker und Obdachlose gesellt – ordnungspolitisch ist die Meile ein Super-Gau.

Es gibt einen regen Pendelverkehr zwischen der offenen Drogenszene vor dem „Stellwerk“ und den anderen Brennpunkten rund um den Bahnhof, wo sich gleiches Publikum versammelt hat: am Raschplatz, auf der „Oettinger Wiese“ (Haltestelle gegenüber dem ZOB an der Lister Meile), an den Ein- und Ausgängen vom Bahnhof auf der West- und der Ostseite sowie an der Runde Straße.

Übler Urin-Gestank

An vielen Ecken stinkt es nach Urin. Besonders stark an der Runde Straße/Fernroder Straße. Auch am Volgersweg unter den Arkaden des Gebäudes der Staatsanwaltschaft ist der Geruch übel. Dabei hatte die Behörde im vergangenen Jahr sogar eine Firma beauftragt, die Fassade reinigen zu lassen. Der Zustand hielt nicht lange an. Inzwischen ist nicht nur der Gestank zurück: „Auch die Flecken am Gebäude sind wieder da“, sagt Sprecher Thomas Klinge.

Auf ihrem Weg vom „Stellwerk“ zu den anderen Treffpunkten rund um den Bahnhof betteln die Drogenabhängigen immer wieder Passanten an – darunter die NP: „Tschuldigung, … haben Sie Geld … für mich?“, stammelt ein offensichtlich zugedröhnter Mann. An mehreren Stellen liegen Personen in Ecken oder direkt an der Straße, schlafen ihren Rausch aus. Manche Stellen im Umfeld des Hauptbahnhofs wirken so, als seien sie aufgegeben und das Feld den sogenannten randständigen Gruppen überlassen worden.

Das sagt die Polizei

Die Suchthilferäume „Stellwerk“ werden über den Tag von bis zu 100 Personen in Anspruch genommen, oft auch mehr. Die Einrichtung hat natürlich auch eine Magnetwirkung. Die betroffenen Menschen bleiben den ganzen Tag vor Ort und haben ihre eigene Community (Gemeinschaft). Ohne Frage vermittelt diese Gruppe, gerade auch außerhalb der Räumlichkeiten, auf Außenstehende einen befremdlichen Eindruck.

Zwischenzeitlich wurden Regeln für Besucher am „Stellwerk“ aufgestellt, die von Sozialarbeitern vermittelt werden. Das funktioniert bei unter Drogen und Alkohol stehenden Menschen naturgemäß nicht immer optimal. Dazu kommt, dass die vor Ort befindlichen Konsumenten Drogenverkäufer anziehen.

Die Polizeiinspektion Hannover-Mitte reagiert darauf mit entsprechenden polizeilichen Maßnahmen und Kontrollen. 2018 resultierten auch aus diesen Kontrollen allein seitens der Polizeistation Raschplatz diverse Strafverfahren, die in über 100 beschleunigte Verfahren und 35 U-Haft-Verfahren mündeten.

Der Vorplatz zum „Stellwerk“ ist auch als Örtlichkeit im Projekt „Bahnhof.sicher“ enthalten und wird in diesem Kontext polizeilich frequentiert. Maßnahmen, die aus polizeilicher Sicht zur Bereinigung sogenannter Unordnungszustände angezeigt sind, wurden und werden im Rahmen des Möglichen von der Landeshauptstadt Hannover und/oder anderen zuständigen Institutionen umgesetzt.

Das Konzept „Bahnhof.sicher“ ist nunmehr seit einem Monat in der Umsetzung. Die vorgesehenen Maßnahmen werden in Teilen vorbereitet oder bereits sukzessive implementiert. Es handelt sich jedoch um einen Prozess der langfristig angelegt ist, um den beschriebenen Problemfeldern nachhaltig entgegenzuwirken.

Im Hauptbahnhof dagegen campiert niemand. Dafür direkt neben dem Ein- und Ausgang. Die Problem-Klientel weiß, dass sie im Gebäude schnell verscheucht wird. Dort kontrollieren die DB Sicherheit, die Protec und die Bundespolizei.

Letztere hat mit den gesellschaftlichen Außenseitern in der Regel zu tun, wenn Hausverbote für den Bahnhof nicht eingehalten werden oder „es zu Pöbeleien und Schlägereien an den Ein- und Ausgängen kommt“, so Sprecher Martin Ackert.

Problemzone Hauptbahnhof Hannover: Immer mehr Drogenabhängige, Obdachlose und Trinker lassen sich dort nieder.

Der Hannoveraner André Krüger kennt die Situation rund um den Hauptbahnhof ziemlich gut, weil er berufsbedingt häufiger seine Mittagspausen im Gebäude verbringt. Vor allem das Treiben von Dealern, Junkies und Co. auf der Drogenmeile am „Stellwerk“ findet er nur noch gruselig: „Ich würde niemandem raten, dort abends entlangzugehen.“

Hannover schlimmer als Berlin?

Kürzlich hatte Krüger einen Arbeitskollegen aus Berlin zu Gast. „Er meinte, dass er die Situation hier am Bahnhof in Hannover schlimmer findet als in Berlin“, berichtet der 59-Jährige.

Krüger gehört zu den Bürgern, die mit offenen Augen durch Hannovers City gehen. Er hatte bereits im vergangenen Jahr die Zustände rund um die Oper, wo Obdachlose campten und in den Büschen ihre Exkremente hinterließen, kritisiert (NP berichtete). Dass sich mit dem ins Leben gerufenen städtischen Ordnungsdienst, dem Konzept „Bahnhof.sicher“ von Polizei, Stadt, Transport-Unternehmen und anderen Partnern positive Veränderungen eingestellt haben, findet der Hannoveraner nicht. Was die offene Drogenszene vor dem „Stellwerk“ angeht, fordert Krüger ein hartes Durchgreifen von den Verantwortlichen.

Szene sich nicht selbst überlassen

„Sicher kann man die Menschen dort nicht wegprügeln. Aber es kann auch nicht sein, dass der Bereich dort ein rechtsfreier Raum ist, wo Dealer und Drogenkonsumenten machen können, was sie wollen“, sagt Krüger. Seine Befürchtung: Wenn man die Szene dort sich selbst überlässt, werden sich bald nicht nur 60 oder 70 Personen rumdrücken, sondern doppelt und dreifach so viele.

Das sagt die Stadt

Grundidee hinter der Einrichtung des „Stellwerks“ war, der offenen Drogenszene einen festen Platz zuzuweisen. Dahinter steht die Abwägung, dass diese Situation im Vergleich zur Verteilung der Szene auf mehrere Plätze in der Innenstadt und in den Stadtteilen eine bessere Option ist.

Dieses Prinzip – Finanzierung eines Drogenkonsumraums in Hauptbahnhofsnähe, dem sich ein geduldeter Bereich für die offene Szene anschließt – wird unseres Wissens nach auch in anderen Städten praktiziert.

Es gibt eine enge Abstimmung mit der Polizei. Auch wenn suchtkranke Menschen dort geduldet sind, ist dies kein rechtsfreier Raum. Die Polizei nimmt regelmäßig Kontrollen vor. Die Duldung bezieht sich ausschließlich auf den Aufenthalt. Ein Lagern ist nicht erlaubt.

Die Menschen in dem Bereich werden regelmäßig angesprochen und auf unterschiedlichste Hilfsangebote hingewiesen. Viele Drogenabhängige suchen das „Stellwerk“ oder andere Einrichtungen auf – und sind in der übrigen Zeit auf dem Platz vor dem „Stellwerk“ anzutreffen.

Ziel des Konzepts „Bahnhof.sicher“ ist nicht die Verdrängung dieser Personen, sondern die Eindämmung von Straftaten und Belästigungen. Das Konzept hat dazu geführt, dass im Umfeld des Bahnhofs rund um die Uhr Sicherheitsakteure (Bundes- und Landespolizei, DB-Sicherheit, Protec, städtischer Ordnungsdienst) präsent sind und erforderliche Maßnahmen ergreifen.

Bei dem Platz vor dem „Stellwerk“ handelt es sich um ein Grundstück, das im Eigentum der Region Hannover steht. Es dient ausschließlich als Zuwegung zum „Stellwerk“ und der Stiftung Bahn-Sozialwerk. Durchgangsverkehr gibt es dort nicht. Die Reinigung der Fläche erfolgt dennoch durch aha.

Das falsche Signal – ein Kommentar von NP-Redakteurin Britta Mahrholz

Es geht bergab mit der Innenstadt von Hannover. Ein Eindruck, den viele Bewohner der Landeshauptstadt schon eine ganze Weile haben. Die Menschen fühlen sich an bestimmten Orten in der City nicht mehr wohl. Und das hat auch mit der Präsenz von Trinkern, Obdachlosen und Drogenabhängigen rund um den Hauptbahnhof zu tun. Es mangelt an den Treffpunkten der randständigen Szene an Sauberkeit. Sauberkeit ist bekanntlich die kleine Schwester von Sicherheit.

Nach Raschplatz, Weißekreuzplatz, Nicki-Promenade, Opernplatz und Steintorplatz rückt inzwischen ein weiterer Brennpunkt in den Fokus: Der Weg zwischen dem DrogenkonsumraumStellwerk“ an der Augustenstraße und der Fernroder Straße. Dort verbringen Junkies und Dealer gemeinsam ihren Tag, dazu gesellen sich Alkoholiker und Obdachlose. Eine offene Drogenszene, die dort ihren Lebensstil pflegt.

Die Polizei verweist darauf, dass sie den Bereich im Auge hat. Bei Kontrollen seien Verstöße festgestellt und Strafverfahren eingeleitet worden. Verdächtige kamen in U-Haft. Das ist gut, aber das darf der Hannoveraner auch erwarten.

Natürlich sollen die Abhängigen die Angebote des „Stellwerks“ nutzen. Sie sollen ein warmes Essen bekommen, sich waschen können, medizinisch versorgt werden, Ausstiegshilfe aus der Sucht erhalten und im geschützten Bereich – wie erlaubt – Drogen konsumieren. Damit diese Einrichtung überhaupt gebaut werden kann, hat die Stadt Hannover mehr als eine halbe Million Euro beigesteuert.

Es dürfte aber nicht allzu viele Hannoveraner geben, die es gut finden, dass Dealer direkt vor der Tür der Hilfseinrichtung für Drogenkranke warten, um gleich das nächste Geschäft mit den Süchtigen abwickeln zu können. Nur am Rande sei erwähnt, dass das Treiben auch noch unter den Augen der Justiz stattfindet – ein Gebäudeteil des Amtsgerichts grenzt direkt an den Drogen-Hotspot. Wenn so mancher Bürger hier den Glauben an den Rechtsstaat verliert, ist das gut nachvollziehbar.

Die Polizei und ihre Partner sind mit dem Konzept „Bahnhof.sicher“ angetreten, um das angeschlagene Sicherheitsgefühl der Hannoveraner zu stärken. Die Duldung einer Drogenmeile wie vor dem „Stellwerk“ ist vor diesem Hintergrund aber das falsche Signal.

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Von Britta Mahrholz

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