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17:15 04.07.2019
Hat Räuber Hanebuth hier einst seine Schätze versteckt? Tom Mayer geht mit uns auf Spurensuche. Quelle: Behrens
Hannover

 Von der niedrigen Decke hängen Spinnweben herab. Die gemauerten Wände des schmalen Gangs sind von Löchern übersät – hier ziehen sich die Ratten zurück, die diesen unterirdischen Ort eingenommen haben. Die Schritte ertönen dumpf auf dem sandigen Untergrund. Es sei denn, man tritt auf Geröll oder Knochen. Dann knirscht es. Es ist stockdunkel – Gruselfaktor 100 Prozent.

Knochen entdeckt

Thomas Mayer (68) hat mal wieder ein paar Knochen entdeckt. „Das sieht nach Gliedmaßen eines aufgefressenen Tiers aus. Die hat bestimmt eine Ratte hier reingeschleppt”, sagt der Stadtführer als er die kleinen Knochen im Licht seiner Taschenlampe untersucht. „Wer Angst vor Ratten oder Spinnen hat, geht hier besser nicht rein“, warnt Mayer. „Oder vor dem alten Räuber Hanebuth“, fügt er mit einem Augenzwinkern hinzu.

Im uralten Hanebuth-Gang herrscht also noch Leben. Aber der Namensgeber ist schon lange tot: Jasper Hanebuth, einer der größten Massenmörder in Hannovers Geschichte. Und dieser Mann, der im 17. Jahrhundert sein Unwesen in der Stadt trieb, soll in dem Gang die Schätze seiner Raubzüge versteckt haben.

Geheimnisvolles am Hohen Ufer

Und das macht diesen unterirdischen Ort zu dem wohl geheimnisvollsten in der Stadt. Er liegt ganz unscheinbar an einer Stelle, den jeder Hannoveraner kennt: am Hohen Ufer. Nur etwa 20 Meter links vom neuen Restaurant „6 Sinne Riverside“ ist die kleine, unscheinbare Tür in die Mauer eingelassen. Nur die wenigsten Passanten bemerken überhaupt, dass sich hinter dieser Tür ein 20 Meter langer Schatz-Gang befindet.

Die unscheinbare Tür am Hohen Ufer – dahinter verbirgt sich der Hanebuth-Gang. Quelle: Christian Behrens

Doch von Schätzen ist hier weit und breit nichts zu sehen – nicht mal mit der Taschenlampe. Mit jedem Schritt wird der Gang dunkler und enger. Am Ende ist die Decke so niedrig, dass man sich ducken muss. “Vorsicht, nicht den Kopf stoßen”, sagt Mayer. „Und nicht nach rechts abbiegen, da kommen Sie nicht weit.“ Worauf er anspielt: Der Gang scheint kurz vor seinem Ende eine Abzweigung zu haben. Diese endet aber wieder abrupt: Der Nebengang wurde zugemauert. „Vielleicht liegen die Schätze ja dahinter”, sagt Mayer und grinst.

Keine Schätze

Das Grinsen verrät alles: Schätze gibt es hier nicht – und hat es wohl auch nie gegeben. „Man hat diesem gruseligen Gang einfach eine gruselige Geschichte angedichtet“, gibt Mayer zu. Denn Hanebuth hatte sich damals in der Eilenriede versteckt – dort ist heute noch der Hanebuth-Winkel nach ihm benannt.

Welche Theorie Mayer für realistischer hält: Es könnte sich um einen zur Stadtmauer gehörenden Verteidigungsgang gehandelt haben. Die Musketiere, die die Stadt bei Angriffen verteidigten, sollen demnach aus dem Gang ihre Kanonenschüsse abgegeben haben. Nachdem die Kugeln abgeschossen waren, flüchteten sie durch den Gang zurück in die Stadt. Nach oben hin soll es einen Ausgang gegeben haben. War die Falltür von oben verschlossen, konnten die Feinde nicht mehr in die Stadt eindringen.

Historiker Sid Auffarth (80) hält eine andere Theorie für wahrscheinlicher: „Es war entweder ein Wehr- oder ein Versorgungsgang. Ich glaube aber mehr an Zweiteres.“ Demnach habe man durch den Tunnel einen Zugang zur Leine erhalten. „Zum Beispiel, um Wasser zu schöpfen, es gab zu der Zeit viele Stadtbrände.

Der Hanebuth-Gang: Dunkel, staubig und gruselig. Quelle: Christian Behrens

Belegen lässt sich keine Theorie mehr. „Aber irgendwoher müssen ja solche Geschichten kommen. Was Hanebuth betrifft, tippe ich, dass er früher mal am Gang gesichtet wurde”, so Mayer. „Denn eins steht fest: Hanebuth hat exisiert – und er war ziemlich übel.”

Opfer vom Pferd geschossen

1607 auf dem Hof Pieper in Groß-Buchholz geboren, wurde Hanebuth im Dreißigjährigen Krieg zum Söldner. „Als Hanebuth nach Hannover zurückkehrte, war er ein geübter Schütze. Er hat seine Opfer einfach vom Pferd geschossen“, erzählt Mayer. „Und wenn sie keine Schätze bei sich hatten, hatte er wenigstens das Pferd.“ 19 Morde kamen bis zu seinem Tod 1653 zusammen. Dann musste der Mörder mit seinem eigenen Leben bezahlen – ganz in der Nähe des Ganges wurde er am Steintor durch Rädern brutal hingerichtet.

Der Hof Pieper im Groß-Buchholz – hier ist Jasper Hanebuth 1707 geboren Quelle: Mario Moers

Mayer ist froh, dass er den Raubmörder nicht miterleben musste. Was er jedoch miterlebte, waren die fröhlicheren Zeiten des Gangs: die Feten im Tunnel. „In den 70er Jahren hat Reinhard Schamuhn, der damals den Altstadt-Flohmarkt aufgebaut hatte, hier drin Partys gefeiert.“ Davon sind noch Spuren an den Wänden zu sehen, schwarze Flecken von dem Ruß der Kerzen sind deutlich erkennbar. „Der Hells Angel Frank Hanebuth wollte hier auch seinen Geburtstag feiern. Ob die beiden verwandt sind, ist nicht bekannt“, sagt Mayer.

Gang voll Gerümpel

Nach dem Tod Schamuhns und seines Nachfolgers Mike Gehrke verfiel der Flohmarkt – und damit auch der Gang, erzählt Mayer. Er sei voll mit Gerümpel vom Flohmarkt gewesen und niemand kümmerte sich mehr. „Ich konnte nicht mit ansehen, wie so ein historisches Bauwerk einfach verfällt.“ Er gründete den Freundeskreis Altstadt-Flohmarkt und verhalf diesem und dem dazu gehörenden Gang wieder zu altem Ruhm.

Tom Mayer rettete mit dem Freundeskreis Altstadt-Flohmarkt den Gang vor dem Verfall. Quelle: Christian Behrens

Heute ist der Gang ein Besichtigungsort von Stadtführungen. Mayer macht auch private Führungen. Er versteckt dann im Gang Schokotaler für die Kinder. Wenn die Ratten nicht schneller waren, kann man heute doch noch Schätze im sagenumwobenen Hanebuth-Gang finden.

INFO: So kommen Sie in den Hanebuth-Gang rein

Bei manchen Stadtführungen zählt der Hanebuth-Gang zu den Sehenswürdigkeiten in Hannover. Besichtigungen des geheimnisvollen Orts an der Leine sind also möglich. Das sind die Anbieter der Führungen:

Stattreisen: Der Veranstalter Stattreisen bietet zwei Führungen für Schulklassen und Kindergruppen an, die auch Halt beim Hanebuth-Gang machen. Bei der Tour „Zwischen Hafergrütze und Murmelspiel“ nimmt der Tourguide Acht- bis Zehnjährige auf eine Zeitreise in das 17. Jahrhundert mit. Die Führung „Geheimnis, Gruften und Gestalten“ richtet sich an 11- bis 14-Jähige und macht mit ihnen eine Reise ins Mittelalter und in die frühe Neuzeit. Die Führungen dauern anderthalb bis zwei Stunden. Für Schulklassen kosten sie 80 Euro, für sonstige Gruppen mit bis zu 20 Kindern und zwei Begleitpersonen 100 Euro. Ab Juni bietet Stattreisen diese Führungen auch für Familien an. Mehr Infos unter: www.stattreisen-hannover.de 

HMTG: Die Hannover Marketing und Tourismus GmbH bietet die Führung „Geheimnisvolle Orte in Hannover“ an. Dabei geht es an Orte im Stadtzentrum, deren Existenz unbekannt ist oder deren Türen sonst verschlossen sind. Die Tour dauert zweieinhalb Stunden und kostet 14 Euro pro Person, für Kinder 12 Euro. Tickets gibt es unter der Telefonnummer 0511/12 34 53 33.

Historisches Museum: Das Historische Museum veranstaltet die „Schatzsuche in der Altstadt“ für Kinder. Dabei besucht die Kindergruppe auch den Hanebuth-Gang. Als Programm für Kindergeburtstage, Hortgruppen oder Führung für kleinere Schulklassen kostet das Angebot 70 Euro, zuzüglich drei Euro pro Kind. Die Aktionen dauern 120 Minuten.

Von Josina Kelz