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Meine Stadt Hannovers Unterwelten: So sieht es in der Kanalisation aus
Hannover Meine Stadt Hannovers Unterwelten: So sieht es in der Kanalisation aus
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17:15 07.07.2019
Sascha Bonapticacola geht durch einen Kanal in der Nordstadt. Quelle: Florian Petrow
Hannover

Die braune Brühe steht bis zum Knöchel. Es ist dunkel, die Wände sind nass und glitschig. „Vorsicht an den Rohren, besser nicht davor stehen bleiben“, warnt Kanalarbeiter Sascha Bonapitacola (34) von der Stadtentwässerung. Und schon kommt auf Kopfhöhe eine Ladung Toilettenspülung aus einem dieser Rohre herausgeschossen und plumpst direkt nebenan in den Kanal. Was da alles mit dabei war, lässt sich am Geräusch nur erahnen. Aber so genau möchte man das auch nicht wissen.

Der schmale Gang aus dem Jahr 1893 ist einer der ältesten der Kanalisation. Wobei das Wort Gang noch sehr hochgegriffen ist. Denn der gemauerte Kanal unter der Callinstraße in der Nordstadt ist nur etwa 110 Zentimeter hoch. Wer sich dort fortbewegen will, muss in die Hocke ganz nah dran an die eklige Suppe. Nein, abrutschen möchte man jetzt besser nicht. „Das Wasser ist voller Fäkalbakterien. Das sollte man nicht an die Schleimhäute bekommen“, sagt Bonapitacola. Dass es hier nicht auch noch bestialisch stinkt, liegt nur daran, dass an dieser Stelle das Regenwasser mit dem Schmutzwasser zusammenfließt.

Ungefährlich ist die Kanalisation nicht

Bonapitacola nutzt die Stippvisite durch den dunklen Kanal, um ihn nach Schäden zu untersuchen. Das Mauerwerk ist trotz seines Alters in einem guten Zustand. Früher mussten die Kanalisations-Arbeiter regelmäßig dort hinunter. Heute erledigen das meiste die Maschinen. Als Bonapitacola aus dem schmalen Gang den Gullyschacht emporklimmt, weiß er, was er getan hat. „Die Oberschenkel ziehen ganz schön“, schimpft er.

Die Kanalisation in Hannover

Heute waren keine außergewöhnlichen Funde dabei. Aber in den Kanälen tritt manchmal Erstaunliches zutage. Schon ganze Fahrräder hätten die Arbeiter der Stadtentwässerung entdeckt. Neulich habe Bonapitacolas Kollege ein Sortiment Gabeln aufgespürt. Dann sei rumänisches Geld durchs Wasser geschwommen. Auch Fehlgeburten lägen hin und wieder in den Kanälen.

Aus dem Archiv: Interview über die Kanalisation – „Plötzlich zogen die ein Skelett heraus"

Ungefährlich ist die Arbeit in der Kanalisation sowieso nicht. Wer dort hinunter muss, ist insbesondere in den Mischwassersystemen zahlreichen Bakterien ausgesetzt. Wessen Immunsystem angeschlagen ist, der kann sich dort eine heftige Infektionen holen. Darüber hinaus lauern überall heruntergespülte Spritzen oder Rasierklingen. Sie können die Mitarbeiter der Stadtentwässerung verletzen.

Giftige Gase unter der Erde

Die Kanalarbeiter tragen sogar einen „Lebensretter“ bei sich, wenn sie den Schacht in die Kanalisation hinunterklettern. Der Einsatzleiter der Stadtentwässerung, Sascha Bonapitacola, und seine Kollegen nennen sie liebevoll „Brotdose“, weil sie wie eine solche aussieht. Sollten in der Kanalisation zu viele lebensgefährliche Gase austreten, kann sie Leben retten. Durch einen chemischen Prozess wandelt der „Lebensretter“ das Kohlenstoffdioxid der ausgeatmeten Luft in Sauerstoff um. „Wir haben sie bislang noch nie gebraucht“, erklärt Bonapitacola.

Eines der giftigsten Gase, das sich in der Kanalisation bilden kann, ist Schwefelwasserstoff, erklärt Sprecher Peer Lindenhayn. Die schweflige Säure reizt die Schleimhäute und kann ab gewissen Konzentrationen die Atemwege und die Lunge schädigen. „Das riecht in geringen Konzentrationen nach faulen Eiern. Das Tückische ist, dass man es aber ab einer gewissen Menge irgendwann nicht mehr riechen kann, weil die Geruchsnerven betäubt werden.“ Die Stadtentwässerung setzt heutzutage auf moderne Technik. Ist Gasalarm da, betreten die Mitarbeiter den Schacht gar nicht erst oder belüften ihn mit technischen Hilfsmitteln.

Mitarbeiter der Stadtentwässerung fanden im Februar 1992 die Leichen zweier Bankräuber. Quelle: Archiv

Die Kanalisation ist nicht zu unterschätzen – vor allem, wenn man an den qualvollen Tod zweier Bankräuber denkt. Sie wollten im Februar 1992 über die Kanalisation in eine Bank am Georgsplatz eindringen und hatten den Schacht hinter sich geschlossen. Ein Stromaggregat, das sich ebenfalls in der Kanalisation befand, setzte Kohlenstoffmonoxid frei. Die Männer erstickten und fielen ins Abwasser. Zwei Kanalmitarbeiter fanden später eine Wathose, aus der nur noch Skelettteile ragten. Daraufhin suchte die Stadtentwässerung gemeinsam mit der Polizei nach weitere Überresten – und entdeckten die Schädel der beiden Männer.

Ratten bekommen die Kanalarbeiter nur selten zu sehen

Trotz der Gefahren und den oftmals widrigen Bedingungen im Untergrund mag Bonapitacola seinen Job. Als Einsatzleiter kommt er allerdings nur noch wenig raus. „Das ist nun mal ein Bürojob. Ich bin lieber in den Kanälen“, erzählt er. Was ihn an seinem Beruf so begeistert? „Man arbeitet in einem Milieu, wo kaum jemand freiwillig reingeht. Wir sind eine spezielle Berufsgruppe, das mag ich“, erklärt Bonapitacola. Nach der Schule wollte er eigentlich Elektriker oder KFZ-Mechaniker werden. Erst durch eine TV-Dokumentation sei er auf die Idee gekommen, Kanalarbeiter zu werden. Die Abwasser bereiten ihm keine Problem: „Wir haben hat ja eine Schutzausrüstung und da kommen wir meistens sauber mit durch“, erzählt er.

Zum Glück für Bonapitacola und seine Kollegen gibt es nicht nur die kleinen Kanäle, durch die sie sich zwängen müssen. In einem sehr großen Teil können die Kanalmitarbeiter aufrecht durch die Abwasser gehen. Wie etwa einige Meter weiter entfernt in der Kanalisation an der Lutherkirche. Die eiförmigen Wände sind allerdings glitschig, Ratten sollen sich dennoch auch hier in den Rohren tummeln. Zu Gesicht bekommen sie die Kanalreiniger aber selten. „Die sind meist schon verschwunden“, sagt Bonapitacola.

Am nächsten Schacht fließen drei Kanäle aus verschiedenen Richtungen zusammen. Hier ist es so laut wie an einem unterirdischen Wasserfall. Bonapitacola schaut zum Mauerwerk, das ebenfalls Ende des 19. Jahrhunderts gebaut worden ist. Es unterscheidet sich von den modernen Gängen, deren Kanalsysteme heute in Serie produziert werden. „Das ist schon beeindruckend. Eine große Maurerkunst“, sagt Bonapitacola. Die meisten Hannoveraner aber werden sie nie sehen.

Zahlen und Daten

2500 Kilometer lang ist das Kanalsystem Hannovers. Die Stadt hat nach Hamburg und Berlin die drittlängste Kanalisation in Deutschland. Würde man alle Kanäle abgehen, käme man auf etwa 2500 Kilometer. Das entspricht grob einer Strecke von Hannover nach Lissabon. Jährlich kommen fast 20 Kilometer sowie etliche Hausanschlüsse hinzu. Die Kanalisation in Hannover ist deshalb so lang, weil Abwasser- und Regenwasser größtenteils getrennt werden.

Eine Million Badewannen fließen als Schmutzwasser in etwa pro Tag in die Kanalisation. Bei mehr als 500 000 Einwohnern in Hannover ist das kein Wunder. Das Schmutzwasser aus den Haushalten wird durch kleine Rohre und Kanäle abgeleitet – und fließt dann in immer größere Kanäle bis in das Klärwerk in Herrenhausen. Das Kanalnetz ist deshalb vergleichbar mit dem Blutkreislauf eines Menschen. Das Blut fließt durch immer größer werdende Adern hin zum Herzen.

1893 ist das Jahr, in dem einer der ältesten noch heute erhaltenen Gänge der Kanalisation gebaut wurde. Ein Teil des Abwassersystems der Stadt Hannover entstand bereits Ende des 19. Jahrhunderts. Einige Teile der gemauerten Kanäle sind noch heute gut erhalten – wie etwa in der Nordstadt. Mit der Kanalisation war Hannover aber noch vergleichsweise spät dran. Wien war die erste Stadt Europas, die bereits 1739 vollständig kanalisiert war.

Tatort Toilette: Essensreste locken Ratten an

„In der Kanalisation findet man all das, was die Menschen durch ihre Toiletten spülen“, sagt Stadtentwässerungs-Sprecher Peer Julius Lindenhayn. Und das ist sehr zum Ärger der Kanalarbeiter nicht nur Klopapier. Denn auch Kondome, Windeln oder Zigarettenkippen landen häufig in den Abwassern. Auch viele Gebisse schwimmen ungewollt in der Kanalisation. Diese verlieren ältere Menschen zumeist, wenn sie sich übergeben müssen.

„Die Toilette ist kein Mülleimer“, stellt Lindenhayn klar. Später müssen die Gegenstände etwa in der Kläranlage Herrenhausen aus dem Wasser gefischt und entsorgt werden. Zudem können in der Toilette oder im Spülbecken entsorgte Speisereste Ratten anlocken. „Von pflanzlichen sowie tierischen Ölen und Fetten verklebten Abwasserleitungen erleichtern Ratten den Weg durch die Rohre, manchmal sogar bis ins Badezimmer“, erklärt Lindenhayn. Die alte Hühnersuppe gehört daher nicht in die Toilette, sondern in geschlossenen Gefäßen in den Hausmüll.

Von Sascha Priesemann

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