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Meine Stadt Hannovers Unterwelten: Die Gruft unter der Kreuzkirche
Hannover Meine Stadt Hannovers Unterwelten: Die Gruft unter der Kreuzkirche
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11:26 08.07.2019
Unter der Kreuzkirche sind hunderte Gebeine vergraben. Quelle: Nancy Heusel
Hannover

Hinter einem alten Gitter voller Spinnweben liegen sie versteckt in einem dunklen Raum: Unzählige menschliche Gebeine, Kieferknochen und Schädel, deren leeren Augenhöhlen ins Nichts starren. Wild zusammengeworfen stapeln sie sich auf einem riesigen Haufen. Vor dem Gitter trocknet eine alte, längst ergraute Rose im Staub vor sich hin. Dieses gruselige Massengrab findet sich nicht an irgendeinem abgelegenen Ort, sondern mitten in Hannovers Innenstadt. Genauer gesagt in den alten Kellergewölben unter der Kreuzkirche in der Altstadt.

Wie viele Menschen dort begraben sind, ist nicht bekannt. Es müssen unzählige sein. Viele Gebeine verschwinden in der Dunkelheit, nur wenige sind im Licht der Petroleumlampe zu sehen. „Wir wissen auch nicht, von wem die Gebeine stammen“, erklärt Astrid Steinhardt (76). Die quirlige Seniorin war jahrelang im Kirchenvorstand, nun macht sie als Ehrenamtliche regelmäßig Führungen durch die evangelisch-lutherische Kreuzkirche – und auch durch die unterirdischen Gänge. Mit der Geschichte der hannoverschen Kirchen kennt sie sich aus. Dennoch bleiben auch für sie die Knochen in der Gruft ein Rätsel: „Vieles ist einfach nicht überliefert.“

Die Gruft unter der Kreuzkirche

So gut wie sicher ist, dass unter all diesen Knochen auch der Schädel von Johann Duve sein muss. Der Groß-Unternehmer lebte von 1611 bis 1679 in Hannover. Duve war so wohlhabend, dass er der Gemeinde einen neuen Turm für die Kreuzkirche spendieren konnte, nachdem dieser bei einem Gewittersturm zerstört worden war. Davon zeugt noch heute eine vergoldete Taube auf dem Kirchturm, sein Markenzeichen.

Von der Gruft zum Bunker

Als Dank durfte Duve sich zudem an der Südseite der Kreuzkirche eine eigene prachtvolle Grabkapelle errichten. Die sogenannte Duvekapelle steht noch heute, ist inzwischen aber ein kleiner Büroraum. An der Wand hängt ein Gemälde von Duve.

Seine Gebeine und die seiner Familie liegen einige Meter unter der Kapelle in der Gruft - genauso wie die anderer bedeutender Geistlicher aus dem Mittelalter oder Mitgliedern des Stadtrats aus jener Zeit. Ihre Skelette ruhten viele Jahre in Särgen unterhalb der Kreuzkirche. Der Zweite Weltkrieg zerstörte jäh ihre Totenruhe. Um die Bevölkerung vor den alliierten Bombenangriffen zu schützen, machten die Nazis zwischen 1942 und 1943 aus der Gruft einen Luftschutzbunker. Hitlerjungen räumten in dieser Zeit die Särge weg, um Platz für die Bevölkerung zu schaffen. Die Gebeine schafften sie zusammen und brachten sie unter die Duvekappelle.

Hier lesen: Abgerissen und zerstört – das sind Hannovers verlorene Bauten

Wie viele Menschen in den Bunker passten, ist nicht bekannt. „Es war sehr eng und es zählte äußerste Disziplin“, sagt Steinhardt, die selbst als Kind den Krieg noch miterlebt hat. Wie es damals unter der Kirche ausgesehen haben muss, davon zeugen noch heute zahlreiche Innenschriften. Die Wörter „Schutzraum“, „Ruhe“ oder „Rauchen verboten“ sind auf den Wänden zu erkennen und erinnern an die grauenvolle Jahre der deutschen Geschichte.

Der Gruselfaktor ist hoch

In den vielen kleinen Räumen mit seinen gemauerten Wänden steht sogar eine Kubikmeterzahl an der Mauer. „Damit wurde berechnet, wie viele Menschen in den Raum konnten“, erklärt Steinhardt. Viele fanden jedoch keinen Schutz in den engen Gängen der Gruft. Denn nicht jeden ließen die Nazis rein. „Das polnische Kindermädchen musste draußen bleiben“, sagt Steinhardt. In den lebensrettenden Bunker gelangten die Menschen dabei nicht über die Kirche, sondern durch eine extra Tür an der Fassade. Sie gibt es heute nicht mehr.

Die unterirdischen Gänge überlebten den Krieg. Die Altstadt-Kirche war indes nahezu komplett zerstört und musste neu aufgebaut werden. Nach dem Krieg wurde das Durcheinander bei den Gebeinen in der Gruft noch einmal schlimmer. Denn auch die Skelette der in der Grabstätte der Marktkirche bestatteten Menschen wurden in die Kreuzkirche gebracht, der Raum mit den Gebeinen mit dem Gitter zugesperrt. „Seitdem war niemand mehr da drin, reinschauen kann man aber“, sagt Steinhardt.

Sonderlich angenehm ist es in den Gängen unter der Kreuzkirche sowieso nicht. Spinnen haben ihre Netze gezogen. Die Räume sind eng, der Boden staubig – der Gruselfaktor ist hoch. Wer ohne Lampe hier durch geht, ist schnell verloren. Zudem sind die Decken niedrig. Rasch haben sich Besucher den Kopf gestoßen. „Das tut ganz schön weh“, weiß Steinhardt aus eigener Erfahrung. Immerhin ist es in der Gruft im Gegensatz zu früheren Zeiten wohltuend warm. Der Grund: Die neue Fernwärmeheizung führt mitten durch das Gewölbe. Der moderne, schwarze Block wirkt unwirklich in diesen Mauern.

Hinter das Gitter kommt niemand mehr

Am wärmsten ist bei den Gebeinen der Gruft. Dort liegen inzwischen nahe des Gitters zwei weitere Skelette. Warum sie nicht wie die anderen wesentlich tiefer im Raum liegen? „Sie wurden hier später bestattet“, erzählt Steinhardt. Es handelt sich um die Gebeine zweier Menschen, die bei Bauarbeiten in der Stadt entdeckt worden sind und wahrscheinlich auch aus dem Mittelalter stammen. Einen Grund, die Gebeine näher zu untersuchen, sah die Polizei nicht.

Darum bestattete die Marktkirchen-Pastorin Hanna Kreisel-Liebermann sie in der Gruft der Kreuzkirche erneut. Dabei schob sie die Gebeine durch das Gitter. „Die Knochen liegen dort, wo sie mit ihren Armen noch hingekommen ist“, sagt Steinhardt. Denn selbst die Pastorin betritt den Raum voller Knochen nicht. Und das werden sie und ihre Nachfolger auch in den kommenden Jahrzehnten nicht. So behält die Gruft unter der Kreuzkirche wohl für immer ihr kleines Geheimnis.

Von Sascha Priesemann

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