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Meine Stadt Hannovers Unterwelten: Der Klosterstollen Barsinghausen
Hannover Meine Stadt Hannovers Unterwelten: Der Klosterstollen Barsinghausen
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20:22 09.07.2019
und die Arbeit der Bergleute. Quelle: Heusel
Barsinghausen

“Alle einsteigen!“, ruft Thomas Schmidt, sein Kollege sichert per Gitter die Einstiegsluken der Grubenbahn. Dann setzt sich der kleine Zug in Bewegung. Auf den ersten Metern sorgt das Tageslicht noch für Orientierung. Wenig später ist es stockdunkel. Nur das laute Rattern der Bahn ist ein ständiger Begleiter – wir fahren ein in den Klosterstollen.

Nicht mehr viele Bergwerke gibt es in der Region Hannover, die heute noch zu besichtigen sind. Viele wurden geflutet, sind einsturzgefährdet oder werden renaturiert. Der Klosterstollen in Barsinghausen ist – außerhalb des Harzes – eines von nur drei Schaubergwerken in Niedersachsen. Besucher können hier erleben, wie sich die Kumpel Anfang des 20. Jahrhunderts gefühlt haben, wie sie gelebt und gearbeitet haben. Tag für Tag, in nass-kalter Dunkelheit.

Hier mussten die Bergleute tagtäglich schuften.

1856 ging es hier los: Horizontal bohrten Bergleute einen Stollen in den Deister. Das Ziel war ein Kohleflöz, das tief im Boden des Höhenzuges, unterhalb von Barsinghausen, verläuft. Da das Gestein im Besitz der Klosterkammer Hannover war, erhielt das Bergwerk den Namen Klosterstollen. Später wollte man auch die Kohleschichten erreichen, die tiefer in der Erde liegen – 1888 begannen deswegen die Arbeiten am ersten Tiefbauschacht.

Heute hat ein Ex-Polizeichef das Sagen unter Tage

Thomas Schmidt (69) ist heute der Chef im Schacht. Dabei hatte der einstige Polizeichef von Barsinghausen eigentlich nie etwas mit Bergbau zu tun: „Das hat sich nach der Pensionierung so ergeben“, erklärt er. Nun führt er mehrmals die Woche Bergbaubewunderer durch die schummrig ausgeleuchteten Stollen und das oberirdische Museum.

Dort gewinnen Besucher interessante Einblicke in den Alltag der Bergleute: „Nach jeder Schicht hängten die Arbeiter ihre Kleidung in der Zechenhalle auf“, erzählt Schmidt. „Die Sachen waren nass und völlig verdreckt.“ Am nächsten Tag schlüpften sie wieder in die gleichen Klamotten.

Bergmann – ein tödlicher Job

Doch mangelnde Reinlichkeit war wohl eines der geringeren Probleme, mit denen es die Bergleute zu tun hatten. Eine Schicht im Bergwerk dauerte acht Stunden. Acht Stunden voller Dunkelheit, Nässe, schlechter Luft – und der ständigen Gefahr, dass es zu einem Unglück kommt. „Große Katastrophen gab es hier nicht“, versichert Schmidt, während wir mit der Grubenbahn mehr als 1300 Meter in den Stollen hineinfahren.

Doch ganz ohne Opfer kommt auch der Klosterstollen nicht aus. Gefahrenquellen waren explosives Methangas, absplitternde Gesteinsplatten oder Pferde, die unter Tage eingesetzt wurden und von denen der ein oder andere Bergmann in den engen Stollengängen zerquetscht wurde.

Die Gefahr lauert überall: Das Leben der Bergleute war hart – oft wurden sie Opfer von Unfällen während ihrer Arbeit. Quelle: Heusel

Am Ende der Einfahrt wird die Beengtheit deutlich: Große Menschen können hier nicht aufrecht stehen, die Stollen sind oftmals schmal und als Lichtquelle standen den Bergleuten lange nur die sogenannten „Frösche“ zur Verfügung. Kleine, entfernt einem sitzenden Frosch ähnelnde Öllampen, die den Arbeitern nur minimales Licht boten. Aufgrund der Entzündlichkeit des beim Kohleabbau austretenden Methangases, konnte das Arbeitsgerät schnell zur Todesfalle werden.

Kleine Lichtquelle: Die Flammen der sogenannten Frösche boten lediglich minimales Licht. Ansonsten war es unter Tage dunkel. Quelle: Heusel

Und auch das Klima setzt den Arbeitern zu. Hier im Stollen herrschen konstant feuchte neun Grad Celsius – egal zu welcher Jahreszeit. Der Berg hat sein eigenes, ungesundes Wetter. Eine genaue Zahl der Todesopfer gibt es nicht. Das liegt auch daran, dass langfristige Erkrankungen einst kaum erfasst wurden. So gilt die Staublunge – oder Silikose genannt – als typische Krankheit. Dabei werden kleinste Quarzpartikel in der Lunge aufgenommen und können bei einer gewissen Größe nicht mehr von den körpereigenen Fresszellen abgebaut werden. „Deswegen haben Bergleute maximal 20 Jahre gearbeitet“, sagt Schmidt. Die meisten von ihnen starben mit 40 oder 45 Jahren. Abhilfe konnten lediglich die Wetterschächte bieten (siehe Info unten).

Vertrauen auf die Glücksbringer

Aufgrund der vielen Gefahren im Stollen spielte der Aberglaube eine wichtige Rolle. Daran erinnern das typische „Glück auf!“, das „Klopfen auf Holz“, um die Tragfähigkeit von Stützbalken zu testen, bis hin zur Heiligen Barbara, der Schutzpatronin der Bergleute. Sie gibt auch im Klosterstollen an prominenter Stelle ihren Segen.

Sollte Schutz bieten: Die Heilige Barbara, Schutzpatronin der Bergleute. Auch im Klosterstollen hat man eine kleine Figur von ihr aufgestellt. Quelle: Heusel

Damit versuchten die Männer das Schicksal auf ihre Seite zu ziehen. Oft wurde der Berg dabei vermenschlicht, Unglücke wurden dem „Geist des Berges“ zugeschrieben. Da es bei der großen Zahl an Bergleuten für die Steiger und Stollenbesitzer schwierig war, den Überblick zu behalten, bekam jeder Arbeiter – ähnlich wie beim Militär – eine Messingplakette. Nach der Schicht wurden alle Plaketten eingesammelt. „Fehlte eine, mussten die Steiger noch mal in den Stollen einfahren und nach dem Vermissten suchen“, sagt Schmidt.

Die Industrialisierung brachte Erleichterungen – scheinbar

Der kleine Zug stoppt, wir halten an einer großen Maschine: Mussten die Arbeiter bis ins 20. Jahrhundert hinein noch mit Schlägel und Eisen arbeiten, wurden mit der Industrialisierung auch häufiger große Bohrhammer und Fließbänder eingesetzt. Auf den ersten Blick eine Arbeitserleichterung. Doch dann schaltet Thomas Schmidt Bohrhammer und Fließband ein – ein ohrenbetäubender Lärm. „Deswegen hatten Bergleute auch häufig mit Schwerhörigkeit zu kämpfen“, erklärt Schmidt. Zudem wurden die großen, leistungsfähigen Maschinen erst nachträglich hierher gebracht. Auf diese „Hilfsmittel“ konnten die Klosterstollen-Kumpel noch nicht zurückgreifen.

Machen Lärm: Die Maschinen, die die Bergleute unter Tage einsetzen konnten, erleichterte zwar die körperlich anstrengende Arbeit - dafür muss es im Bergwerk unfassbar laut gewesen sein. Quelle: Heusel

Heute ist der Klosterstollen besser ausgeleuchtet – dank vorhandener Elektrizität. Bis die Kohleförderung hier 1921 eingestellt wurde, gab es keinen Strom. Ansonsten wirken die Arbeitsplätze im Bergwerk so, als hätten die Arbeiter hier erst eben gerade ihr Werkzeug abgelegt.

Die Stimmung im Stollen ist bedrückend. Auch als wir wieder aus dem Bergwerk herausfahren, bleibt dieses Gefühl. Es stellen sich Fragen, wie Menschen es geschafft haben, Jahrzehnte unter Tage zu arbeiten, einen Großteil ihrer Lebenszeit in Dunkelheit zu verbringen. Schmidt öffnet die Gitter an den Einstiegsluken der Bahn. Wir klettern raus und realisieren erst jetzt, dass wir uns wieder in der modernen Welt befinden.

Wichtig: Das Wetter im Schacht

Die Luft in einem Bergwerk ist meistens nicht besonders gut. Gerade früher, als dort noch Hunderte von Arbeitern malochten, waren die Wetterverhältnisse im Stollen eine große gesundheitliche Last.

Damit etwas Luft in den Gängen und Tunneln zirkulieren kann, gibt es – auch im Klosterstollen – kleine Wetterschächte. Diese sorgen dafür, dass sich etwa beim Kohleabbau entstehende Gase verdünnisieren und davon ausgehende Gefahren für die Bergarbeiter gemindert werden können. Auch für den Betrieb von Lichtquellen, wie den „Fröschen“ brauchten die Arbeiter ausreichend frischen Sauerstoff im Schacht. In der Europäischen Union sind Wetterschächte darüber hinaus verpflichtende Vorschrift für alle untertägigen Arbeitsstätten.

Der Wetterschacht „Schnepfenflucht“ am Klosterstollen ist heute mit Zäunen und Metallgittern gesichert. Ende April gelang es dennoch Unbekannten, große Steine in einen Schacht zu werfen – die Luftzirkulation wurde gestört, das merkten auch Klosterstollen-Chef Thomas Schmidt und seine Kollegen. Sie warnen: „Wer etwas in den Schacht hineinwirft, gefährdet Menschenleben.“

Von Janik Marx

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